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CO2-Vermeidungskosten

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Definition: die effektiven Kosten einer Klimaschutzmaßnahme pro Tonne vermiedener CO2-Emissionen

Englisch: CO2 abatement cost

Kategorien: Grundbegriffe, Umwelt und Ökologie

Autor: Dr. Rüdiger Paschotta

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 20.05.2012; letzte Änderung: 31.01.2016

Die wichtigsten Beiträge zum Klimaschutz sind Maßnahmen zur Reduktion von Kohlendioxid-Emissionen, da Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre den größten Teil der Klimagefahren verursacht. Mit begrenzten ökonomischen Ressourcen lassen sich aber niemals alle verfügbaren Klimaschutzmaßnahmen umsetzen. Der größte Klimaschutzeffekt für einen gegebenen Mitteleinsatz (also das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis) lässt sich erreichen, indem die größtmögliche Wirtschaftlichkeit der CO2-Vermeidung angestrebt wird. Dies bedeutet, dass die Mittel nicht etwa unbedingt auf die Maßnahmen mit den größten Potenzialen (also den umfangreichsten erreichbaren CO2-Reduktionen) konzentriert werden, sondern auf die Maßnahmen mit den geringsten Kosten pro vermiedener Tonne CO2. Diese Kosten werden als CO2-Vermeidungskosten bezeichnet.

Bei der Berechnung von CO2-Vermeidungskosten berücksichtigt man einerseits alle Mittel, die zunächst aufgebracht werden müssen, und andererseits auch durch die Maßnahme vermiedene Kosten – nicht aber Einsparungen durch vermiedene Klimaschäden oder andere indirekte, schwer quantifizierbare Faktoren. In diesem Sinne sind CO2-Vermeidungskosten kein Luxus, sondern der Preis für vermiedene Schäden, unter anderem auch finanzieller Art.

Vom Prinzip her ist das Konzept der Vermeidungskosten einfach verständlich; jedoch gibt es (wie auch bei ökonomischen Berechnungen in ganz anderen Zusammenhängen) diverse Faktoren, die die Lage komplizierter machen:

Diese Faktoren erklären den Umstand, dass verschiedene Akteure zu recht unterschiedlichen Werten der CO2-Vermeidungskosten gelangen können – auch wenn alle Rechnungen korrekt und nicht etwa manipuliert sind. Bei der Interpretation der Resultate muss beachtet werden, auf welcher Ebene (Konsumenten, Staat, Betriebe oder Volkswirtschaft) die Kosten berechnet wurden und welche Annahmen hierzu verwendet wurden.

In stark vereinfachten ökonomischen Modellen wird davon ausgegangen, dass Maßnahmen mit negativen CO2-Vermeidungskosten ohnehin umgehend umgesetzt werden, und dass nach Etablierung eines Emissionshandels die CO2-Reduktion immer mit den Maßnahmen erfolgt, die die niedrigsten CO2-Vermeidungskosten aufweisen. Dies ist in der Realität jedoch nicht der Fall. Beispielsweise können Maßnahmen durch einen Mangel an Information verhindert werden, ebenso durch einen Mangel an Kapital (wenn vor Kreditaufnahme gescheut wird oder Kredite nicht gegeben werden) oder durch den sehr kurzen Zeithorizont mancher Akteure. Gewisse Maßnahmen mit klar negativen CO2-Vermeidungskosten gelten auch als politisch schwer durchsetzbar, beispielsweise in Deutschland ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen. Viele Maßnahmen werden in der Realität erst ergriffen, wenn z. B. der Staat zusätzliche Informationen gibt (etwa eine kostenlose Energieberatung), Regeln festsetzt (z. B. Tempolimits) oder finanzielle Anreize schafft. Solche Transaktionskosten und auch die Bevorzugung von Maßnahmen mit höheren Kosten (wegen des Verzichts auf kostengünstigere Maßnahmen) erhöhen dann die effektiven und durchschnittlichen CO2-Vermeidungskosten.

Eine Studie vom BDI und McKinsey [1] hat gezeigt, dass in Deutschland bis 2020 rund 195 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr durch Wahl der geeigneten Methoden relativ kostengünstig eingespart werden könnten, und zwar allein mit technischen Maßnahmen (d. h. ohne Verhaltensänderungen und Verzicht). Dies entspräche einer CO2-Reduktion von rund 20 % gegenüber 2004 oder über 30 % gegenüber 1990. Hiervon erhielte man 127 Millionen Tonnen (also den größeren Teil) mit CO2-Vermeidungskosten unter oder nahe Null (jeweils aus der Sicht der Entscheider). Jedoch würden die Vermeidungskosten stark ansteigen, wenn eine noch wesentlich stärkere CO2-Reduktion angestrebt würde, oder wenn hierfür ungünstige Maßnahmen verwendet würden. Natürlich gilt für diese Studie wie für andere die Anmerkung, dass viele Resultate stark von diversen Annahmen abhängen, die nicht alle völlig realistisch sein mögen, und dass solche Rechnungen erhebliche methodische Probleme aufwerfen.

Beispiel: CO2-Vermeidung durch energetische Gebäudesanierung

Ein Hausbesitzer kann eine energetische Gebäudesanierung vornehmen. Hierfür entstehen ihm zunächst einmal erhebliche Investitionskosten und als Folge hiervon auch Kapitalkosten (Zinsen). Auf der anderen Seite werden in den folgenden Jahren regelmäßig Energiekosteneinsparungen erzielt. Wenn das Haus vom Besitzer selbst bewohnt wird, kommen ihm diese unmittelbar zugute. Wenn das Haus vermietet wird, scheinen zunächst nur die Mieter zu profitieren; jedoch kann der Besitzer eine Mieterhöhung verlangen, z. B. etwa in Höhe der vermiedenen Energiekosten, so dass die Warmmiete etwa unverändert bleibt (bei oft erhöhtem Komfort). In jedem Falle entsteht nach Abzug der Zinskosten eine jährliche Rendite, die zur Amortisation des eingesetzten Kapitals verwendet werden kann. Idealerweise wird so eine vollständige Amortisation innerhalb eines überschaubaren Zeitraums von 10 bis 20 Jahren erzielt. Der Amortisationzeitraum darf hierfür natürlich nicht länger sein als die Lebensdauer der ergriffenen Maßnahmen; beispielsweise muss er für einen verbesserten Heizkessel deutlich kürzer sein als für eine normalerweise sehr langlebige Wärmedämmung.

Besondere Faktoren im Gebäudebereich machen die Wirtschaftlichkeitsberechnung schwieriger. Beispielsweise kann der Ersatz einer Heizungsanlage ohnehin notwendig sein; dann können spezielle CO2-Vermeidungskosten an sich nur für die Anteile der durchgeführten Maßnahme angesetzt werden, die nicht unvermeidbar waren: z. B. für die Installation einer Wärmepumpenheizung, anstatt nur den Heizkessel zu ersetzen. In anderen Fällen ist die Sanierung einer Fassade ohnehin notwendig; der CO2-Vermeidung sind also dann nur zusätzliche Kosten für eine Wärmedämmung der Fassade anzurechnen, nicht aber Kosten für das Gerüst, die Entfernung des alten Putzes etc. Schwierig ist die Berücksichtigung von zusätzlichen Komfortgewinnen, z. B. durch Einbau einer Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Ein weiterer Faktor ist, dass der Besitzer das Haus womöglich vor Erreichen der vollständigen Amortisation verkaufen möchte; der beim Verkauf erzielbare Mehrerlös ist zu berücksichtigen, aber oft unsicher.

Häufig werden Gebäudesanierungen auch dann nicht vorgenommen, wenn die CO2-Vermeidungskosten sehr gering oder sogar negativ wären. Dies kann an mangelnder Information liegen, aber auch an Kapitalmangel oder dem Umstand, dass ältere Hausbesitzer oft nicht mehr über 20 Jahre planen können oder wollen. In anderen Fällen sind die CO2-Vermeidungskosten zwar gering, aber der Besitzer sieht sich als nicht zuständig für die Verringerung von Klimagefahren.

In einem Teil dieser Fälle kann der Staat die Gebäudesanierung durch Subventionen aus Steuermitteln für die Besitzer der Gebäude ökonomisch so attraktiv machen, dass sie nun durchgeführt wird. Hier sind also die CO2-Vermeidungskosten für die Besitzer häufig deutlich negativ: Die Einsparungen sind nach einer gewissen Betriebszeit von z. B. 10 oder 20 Jahren größer als die Ausgaben, so dass unter dem Strich sogar Geld gespart wird. Für den Staat selbst dagegen scheinen die Vermeidungskosten zunächst klar im positiven Bereich zu liegen, da ja Steuergelder eingesetzt werden müssen. Allerdings können die effektiven Kosten selbst für den Staat durchaus negativ werden, da die angestoßenen Investitionen zu zusätzlichen Steuereinnahmen führen: Allein schon über die Mehrwertsteuer auf Material- und Handwerkerkosten kann der Staat leicht mehr einnehmen, als er an Zuschüssen für solche Sanierungen ausgibt; hinzu kommen Lohnsteuern für Beschäftigte, vermiedene Kosten durch Arbeitslose, gezahlte Sozialabgaben, usw. Da dieser einerseits indirekte, andererseits aber große Effekt häufig nicht berücksichtigt wird, erscheint Klimaschutz durch Gebäudesanierung teuer, selbst wo ein volkswirtschaftlicher Gewinn schon ohne Berücksichtigung vermiedener Klimaschäden erzielbar ist.

Beispiele für Maßnahmen mit negativen Vermeidungskosten

Zu den wirtschaftlich attraktivsten Methoden zur CO2-Vermeidung gehören diverse Maßnahmen für eine verbesserte Energieeffizienz:

Beispiele für Maßnahmen mit hohen Vermeidungskosten

Relativ hohe CO2-Vermeidungskosten ergeben sich beispielsweise in den folgenden Fällen:

Hieraus folgt, dass z. B. bei einer Konzentration auf Maßnahmen wie CCS und Photovoltaik mit begrenzten Mitteln geringere Klimaschutzeffekte erzielbar sind als mit vielen Maßnahmen für erhöhte Energieeffizienz. Bei der Photovoltaik ist allerdings zu beachten, dass deren Förderung zum guten Teil darauf zielt, die Kosten stark zu reduzieren, um hiermit ein großes zukünftiges CO2-Vermeidungspotenzial zu erschließen.

Literatur

[1]Studie von BDI und McKinsey über Möglichkeiten der CO2-Vermeidung in Deutschland (2007)

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: Klimaschutz, Kohlendioxid, Emissionshandel, energetische Sanierung von Gebäuden, Tempolimit
sowie andere Artikel in den Kategorien Grundbegriffe, Umwelt und Ökologie

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