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Emissionshandel

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Definition: der Handel mit Emissionsrechten (Zertifikaten) als Teil eines Systems von Cap & Trade

Englisch: emission trade

Kategorien: Energiepolitik, Grundbegriffe, Umwelt und Ökologie

Autor: Dr. Rüdiger Paschotta

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 22.06.2011; letzte Änderung: 05.02.2016

Der Emissionshandel ist genauer gesagt der Handel mit Emissionsrechten (einer Art von Verschmutzungsrechten), die durch Emissionszertifikate verbrieft sind. Es geht hierbei um Emissionen von schädlichen Stoffen – meist in die Atmosphäre, aber unter Umständen auch in Gewässer. Die größte Bedeutung hat heute der Handel von Emissionszertifikaten für Kohlendioxid (CO2), ein klimaschädliches Gas, welches bei der Verbrennung fossiler Energieträger entsteht. Ein solches Handelssystem besteht seit 2005 in der Europäischen Union. Die Einführung eines ähnlichen Emissionshandels auf EU-Ebene derzeit auch für andere Luftschadstoffe wie Schwefeldioxid (SO2) und Stickoxide (NOx) erwogen. In einigen anderen Ländern wurde dies schon seit Jahren praktiziert.

Das System von Cap & Trade

Das Grundprinzip

Der Emissionshandel spielt eine zentrale Rolle in einem System von Cap & Trade, welches folgendermaßen funktioniert:

Der Emissionshandel ist eine essenzielle Komponente eines Systems von Cap & Trade, nicht etwa ein unabhängig davon wirksames Klimaschutzinstrument.

  • Der Staat (bzw. eine Staatengemeinschaft) legt für jedes Jahr eine bestimmte maximale Menge von Emissionen eines Schadstoffs wie z. B. CO2 fest. Alternativ könnte (mit einigen Vorteilen) auch die Menge von Kohlenstoff begrenzt werden, die in Form von Energieträgern in Umlauf gebracht werden darf, denn deren Verkauf führt zu Emissionen. Diese Menge kann von Jahr zu Jahr sinken, um damit gewisse ökologische Ziele zu erreichen.
  • Es wird nun eine dem entsprechende Menge von Emissionszertifikaten, die Emissionsrechte verbriefen, ausgegeben. (Verschiedene Verfahren hierfür werden weiter unten erklärt.)
  • Jeder Emittent im Bereich des Emissionshandelssystems darf nur so viele Emissionen verursachen, wie seinen Emissionsrechten entspricht.
  • Die Emissionsrechte dürfen frei gehandelt werden, was durch die Einrichtung einer Börse erleichtert wird. Wer also beispielsweise seine Produktion erhöhen möchte, wodurch höhere Emissionen entstehen, muss entsprechende Rechte von anderen kaufen, die damit dann entsprechend weniger emittieren dürfen. Je nach Angebot und Nachfrage kann der Marktpreis für die Zertifikate steigen oder sinken.

Die Politik gibt also nur das Ziel vor, nicht aber die zu ergreifenden Maßnahmen; diese wählen die Marktteilnehmer frei selbst aus. Der Emissionshandel selbst beeinflusst die Gesamtmenge der Emissionen also nicht, sondern nur deren Verteilung. Im Falle von Gasen wie Kohlendioxid, die sich ohnehin in der gesamten Atmosphäre verteilen und unabhängig von ihrer örtlichen Konzentration schädlich sind, spielt diese auch keine Rolle. Zumindest in stark vereinfachten Szenarien führt der Emissionshandel dazu, dass eine nötige CO2-Minderung auf die jeweils kostengünstigste Art realisiert wird (also mit den kleinstmöglichen CO2-Vermeidungskosten) – egal ob dies durch höhere Energieeffizienz, die Nutzung kohlenstoffärmerer Brennstoffe, erneuerbare Energie, Kernenergie oder durch CO2-Abscheidung und -Speicherung geschieht. In der Realität kann dies allerdings langfristig sogar zu höheren CO2-Vermeidungskosten führen (siehe unten) [2].

Die Überwachung eines Emissionshandelssystems im laufenden Betrieb des Systems ist relativ einfach. Der Staat muss lediglich kontrollieren, dass nirgends höhere Emissionen vorkommen, als sie den jeweiligen Rechten entsprechen. Weitere technische Details der Anlagen müssen nicht überwacht werden.

Mit den externen Kosten haben die Preise im Emissionshandel nichts zu tun – auch wenn sie sich im Prinzip ähnlich auswirken können wie die Internalisierung externer Kosten.

Preise für Emissionen, die durch ein System von Cap & Trade entstehen, wirken ein Stück weit wie die sogenannte Internalisierung externer Kosten; sie erzeugen einen finanziellen Anreiz für die Schonung von Ressourcen. Allerdings richten sich diese Preise rein nach Angebot und Nachfrage und nicht etwa nach der Höhe externer Kosten. Beim heutigen europäischen Emissionshandelssystem liegen die CO2-Emissionspreise seit Jahren weit unterhalb der geschätzten externen Kosten.

Ursprüngliche Verteilung der Emissionsrechte

Für die ursprüngliche Verteilung der Emissionsrechte gibt es unterschiedliche Möglichkeiten:

  • Der Staat (oder eine überstaatliche Organisation) kann die Emissionsrechte versteigern (wie es sonst z. B. auch für Mobilfunklizenzen geschieht). Die Rechte werden also gegen Bezahlung an die Meistbietenden vergeben. Unter gewissen vereinfachenden ökonomischen Annahmen bedeutet dies, dass die Emissionsrechte immer an diejenigen vergeben werden, die damit am meisten Nutzen in Form von produzierten Gütern erzeugen können, also am effizientesten arbeiten. Die Versteigerung bringt dem Staat Geld ein – umso mehr, je höher die Nachfrage ist. Auf der anderen Seite entsteht eine entsprechende Belastung für die Industrie und indirekt (über Produktpreise) für die Verbraucher. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass diese Staatseinnahmen Steuererleichterungen an anderer Stelle ermöglichen können.
  • Der Staat vergibt die Emissionsrechte kostenlos entsprechend den bisherigen Emissionen der Akteure. Hiermit wird eine Belastung der Wirtschaft vermieden, aber es werden auch eine Staatseinnahmen erzielt, die Entlastungen an anderer Stelle ermöglichen würden. Dieses System ist oft eher durchsetzbar, obwohl es Ungerechtigkeiten verursacht: Es werden diejenigen Emittenten bevorzugt, die in der Vergangenheit bei gleicher Produktion höhere Emissionen verursacht haben. Entsprechend werden diejenigen benachteiligt, die schon vor Einführung des Emissionshandels ihre Anlagen effizienter und umweltschonender gestaltet haben.
  • Es sind auch gemischte Systeme möglich, bei denen ein Teil der Emissionsrechte kostenlos verteilt wird (etwa an politisch erwünschte Industrien), ein anderer aber versteigert wird. Auch der Verkauf zu Festpreisen wäre möglich, jedoch angesichts von davon abweichenden Marktpreisen wenig sinnvoll.

Vorteile gegenüber ordnungspolitischen Regelungen

Als Alternative zum Cap & Trade kann ein System von ordnungspolitischen Regeln verwendet werden, welche die Emissionen begrenzen. Dies mag zunächst konzeptionell einfacher erscheinen, verursacht häufig jedoch erhebliche Probleme:

Wohl der wichtigste Vorteil von Cap & Trade ist, dass die Emissionsreduktionen immer dort erfolgen können, wo dies am effizientesten geht.

Typische Schwierigkeiten ordnungspolitischer Ansätze werden mit Cap & Trade vermieden.

Ein System von Cap & Trade bietet hier entscheidende Vorteile. Die staatlichen Überwacher müssen nur noch die Emissionen mit den Emissionsrechten vergleichen (und bei Überschreitungen ggf. Bußgelder verhängen), nicht aber technische Details und die Einhaltung komplizierter Vorschriften überwachen. Wenn Emissionsreduktionen an einer Stelle nur mit untragbarem Aufwand möglich sind, kann der Betreiber stattdessen Emissionsrechte kaufen, was zu Emissionsreduktion an anderer Stelle führen wird. Das System führt automatisch dazu, dass Emissionsreduktionen immer dort erfolgen, wo sie am günstigsten zu erzielen sind.

Die auf diese Weise höhere ökonomische Effizienz ist nun auch ökologisch vorteilhaft, denn sie erlaubt bei begrenzten ökonomischen Möglichkeiten höhere Emissionsreduktionen.

Auf der anderen Seite ist das System aber auch mit diversen Schwierigkeiten verbunden, die im nächsten Abschnitt diskutiert werden. Es gibt auch diverse Kritikpunkte, die sachlich kaum gerechtfertigt sind, hier aber ebenfalls diskutiert werden.

Kritik an Cap & Trade

Obwohl ein System von Cap & Trade in vereinfachten ökonomischen Modellen immer als sehr vorteilhaft erscheint, kann es in der Praxis unter diversen Problemen leiden. Im Folgenden werden solche insbesondere anhand des Handels mit CO2-Emissionszertifikaten diskutiert.

Handel mit “heißer Luft”

Das wohl schwerwiegendste Problem des internationalen Emissionshandels ist, dass häufig nur sogenannte “heiße Luft” gehandelt wird. Dieser Ausdruck steht für Emissionsreduktionen, die auf dem Papier konstruiert wurden, dem Klimaschutz aber tatsächlich nicht zugute kommen.

Der CDM regt die Produktion “heißer Luft” wohl besonders an.

Ein Beispiel hierfür ist der im Rahmen des Kyoto-Protokolls etablierte Handel mit CDM-Zertifikaten (CDM = Clean Development Mechanism). Hier können Industriestaaten Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern durchführen, die dort Emissionsminderungen zur Folge haben. Hierfür erhalten sie CDM-Zertifikate (CER = Certified Emission Reductions), die sie zu entsprechenden Mehremissionen in den Industrieländern berechtigen. Im Prinzip kann dieser Mechanismus sinnvoll wirken, da er häufig kostengünstigere Emissionsreduktionen ermöglicht und gleichzeitig als willkommener Nebeneffekt die Entwicklung armer Länder begünstigen kann. Andererseits kommt es aber gerade hier häufig zum Phänomen des Handels mit “heißer Luft”. Das kann beispielsweise so erfolgen, dass emissionsfreie Windenergieanlagen gebaut werden und hierfür CDM-Zertifikate ausgestellt werden – dies basierend auf der Behauptung, dass sonst ein mit fossiler Energie betriebenes Kraftwerk gebaut worden wäre. In Wirklichkeit kann es sein, dass dies gar nicht geschehen wäre; es wird also lediglich das Energieangebot erhöht, ohne dass eine tatsächliche Emissionsreduktion erfolgt, so dass es sich eher um Entwicklungshilfe handelt. In anderen Fällen werden Emissionsreduktionen bescheinigt, die ohnehin geschehen wären – etwa durch Stilllegung unrentabel gewordener Industriebetriebe – oder durch (nicht erfasste) Mehremissionen an anderen Stellen zunichte gemacht werden.

Die Gefahr solchen Missbrauchs ist beim CDM-System aus mehreren Gründen besonders hoch:

  • Die Anrechenbarkeit imaginärer Emissionsreduktionen (wie oben beschrieben) erhöht die Gefahr unseriöser Konstruktionen.
  • Da die Entwicklungsländer selbst keine Begrenzung ihrer Emissionen akzeptiert haben, kann es leicht zu nicht erfassten Mehremissionen kommen.
  • Die Überwachung der Einhaltung von Bestimmungen ist in vielen Entwicklungsländern besonders schwierig.

Ein anderes Beispiel ist die Zuteilung großer Mengen von Emissionszertifikaten an Russland im Rahmen des Kyoto-Protokolls. Diese Mengen orientierten sich an den Emissionen von 1990 und sind viel zu hoch, da nach 1990 viele Industrien in Russland weitgehend zusammengebrochen sind. Hierdurch wird es Russland ermöglicht, einerseits eigene Klimaschutzanstrengungen zu unterlassen und andererseits trotzdem überschüssige Emissionszertifikate zu verkaufen – mit der Folge, dass anderswo geringere Reduktionen erfolgen.

Die Achilles-Ferse von Emissionshandelssystemen liegt beim Aushandeln der Caps: Wer Klimaschutz nicht will, kann diese entweder verdeckt erhöhen (z. B. mithilfe “heißer Luft”) oder einfach durch Erpressung höhere Caps durchsetzen.

Man beachte, dass die Menge der ausgegebenen Emissionszertifikate in der Praxis nicht etwa dadurch bestimmt wird, was für den Klimaschutz nötig ist; vielmehr wird diese Menge politisch ausgehandelt. Wenn hierbei wichtige Akteure drohen, den ganzen Prozess scheitern zu lassen, wenn Ihnen nicht umfangreichere Emissionsrechte zugestanden werden, dann sind insgesamt zu umfangreiche Emissionsrechte oder auch ein durch “heiße Luft” unwirksam gemachter Mechanismus leicht die Folge. Dieses Problem ist freilich nicht charakteristisch für Cap & Trade, sondern tritt in ähnlicher Weise bei anderen klimapolischen Ansätzen auf: Klimaschutz trifft auf massive Widerstände durch mächtige Akteure, welche dadurch die Wirksamkeit des Systems unterminieren können.

Nicht funktionierendes europäisches System

Emissionshandel funktioniert nur, wenn genügend niedrige Emissionsgrenzen politisch durchsetzbar sind!

Der europäische Emissionshandel hat vor allem dadurch weitestgehend seine Wirkung verloren, dass wie oben beschrieben “heiße Luft” und zu hohe Mengen ausgeteilter Emissionsrechte den Preis der Zertifikate sehr tief trieb. Damit entfällt jeder echte Anreiz für die Emittenten, Klimaschutz zu betreiben. Versuche der EU-Kommission, die Wirksamkeit durch eine nachträgliche Verknappung der Zertifikate wieder herzustellen, sind im April 2013 im EU-Parlament zunächst an einer Allianz von Gegnern des Klimaschutzes gescheitert und konnten danach immerhin in reduzierter Form praktiziert werden. In 2015 konnte die Reform fortgesetzt werden. Die Überschüsse an Emissionszertifikaten sollen von 2019 an in eine Marktstabilitätsreserve abgezweigt werden, zusammen mit den bereits 2014 den Markt entzogenen Zertifikaten. Für die nächsten Jahre bleibt das Emissionshandelssystem trotzdem weitgehend wirkungslos.

Diese Problematik spricht einerseits nicht prinzipiell gegen den Emissionshandel bzw. Cap & Trade. Allerdings ist es angesichts dieser Probleme völlig unangebracht, andere Maßnahmen – etwa ordnungspolitische – mit dem Hinweis auf das bessere Instrumente des Emissionshandels abzulehnen. Solange der EU-Emissionshandel unwirksam ist, kann er keine Alternative zu anderen Ansätzen sein.

Der Emissionshandel für den Flugverkehr ist einem harten politischen Kampf ausgesetzt.

Ein beachtlicher Erfolg war immerhin, dass die EU ein Emissionshandelssystem für den Flugverkehr eingeführt hat, welches seit 2012 gültig ist. Ursprünglich wurden damit alle Flüge erfasst, bei denen zumindest einer der benutzten Flughäfen in der EU liegt – also auch Interkontinentalflüge z. B. in die USA. Da diese Regelung bei außereuropäischen Handelspartnern auf großen Widerstand stieß, wurde das System bereits in 2012 auf Betreiben einiger Mitgliedstaaten (insbesondere Deutschland, Frankreich und Großbritannien) auf innereuropäische Flüge begrenzt (Maßnahme “Stopping the Clock”). Allerdings soll das ITS ab 2016 wieder auf alle Flüge angewandt werden, falls die Internationale Zivilluftfahrtbehörde ICAO bis dahin nicht wie vorgesehen ein weltweit gültiges System zum Klimaschutz bei der Luftfahrt einführt, welches ab 2020 gelten soll.

Fragliche Kostenminimierung

Führt ständiger Kostendruck tatsächlich zur effizientesten Lösung? Obwohl fehlende Investitionssicherheit die Kapitalbeschaffung verteuert?

Im Rahmen sehr vereinfachter ökonomischer Modelle führt das Instrument des Emissionshandels zu den billigst möglichen Emissionsreduktionen, weil die Maßnahmen ja von den Marktteilnehmern frei ausgewählt werden können. Beispielsweise können Energieversorgungsunternehmen Ausschreibungen für “grüne” Stromerzeugung veranstalten und die billigsten Anbieter auswählen. In der Praxis funktioniert dies jedoch oft nicht. Da die Preisentwicklung am Markt kaum prognostizierbar ist, fehlt die Investitionssicherheit. Dies macht nun aber vor allem die Kapitalbeschaffung schwieriger und teurer. Praktische Erfahrungen z. B. in Großbritannien haben gezeigt, dass Ausschreibungen die Windenergie teurer und nicht etwa billiger als mit kostendeckenden Einspeisevergütungen gemacht haben.

Mangelnde Technologieentwicklung

Technologieentwicklung ist für langfristige Kostensenkungen entscheidend, benötigt aber langfristige Investitionen. Diese werden durch Kostendruck im Markt eher behindert.

Die Entwicklung neuer Technologien ist kurzfristig immer teurer als das weitere Ausreizen bereits entwickelter Instrumente. Deswegen wird sie in einem freien Markt mit großem Preisdruck oft kaum realisiert. Jedoch bietet langfristig oft nur die Entwicklung neuer Technologien das Potenzial für dramatische Kostensenkungen. Beispielsweise bekam die Photovoltaik nur durch das deutsche EEG mit kostendeckenden Einspeisevergütungen eine Chance, was schließlich zu Kostensenkungen in einem Ausmaß führte, das von den meisten für unmöglich gehalten worden war. Langfristig könnte die Photovoltaik sogar kostengünstiger werden als Windstrom, und gleichzeitig weist sie ein viel größeres Potenzial auf, da sie geringere Anforderungen an Standorte stellt.

Ein am kurzfristigen Erfolg orientierter freier Markt kann zwar kurzfristig die Preise minimieren, indem man konsequent nur die “am niedrigsten hängenden Früchte” pflückt. Er kann jedoch gerade dadurch langfristig den Weg zur günstigsten Lösung nicht finden [2].

Auswirkungen volatiler Preise

Die Volatilität der Preise für Emissionszertifikate ist ein ernstes Problem für die Marktteilnehmer. Sie bedroht sowohl die Effektivität als auch die Effizienz des Emissionshandels als Instrument für den Klimaschutz.

Die Entwicklung der Preise für Emissionszertifikate ist kaum prognostizierbar, da sie von sehr vielen Faktoren abhängt – etwa von der Konjunkturentwicklung und von technischen Fortschritten. Die entstehende hohe Volatilität der Preise ist ein ernstes Problem für die Marktteilnehmer. Sie erschwert massiv jegliche langfristig angelegten Investitionen, die für kostengünstige Fortschritte jedoch oft unabdingbar sind. Fallen die Preise beispielsweise in einer Konjunkturkrise massiv, weil die Nachfrage zurückgeht, werden plötzlich auch Maßnahmen unwirtschaftlich, die vorher sehr sinnvoll waren. Für den Klimaschutz werden dann nicht einmal ziemlich kostengünstige Optionen genutzt. Umgekehrt können die Preise bei anziehender Konjunktur plötzlich massiv ansteigen und damit wiederum die Konjunktur oder zumindest gewisse Sektoren der Wirtschaft bedrohen – was einen politischen Druck hin zu höheren Emissionsobergrenzen erzeugt. Solche Probleme bedrohen sowohl die Effektivität als auch die Effizienz des Emissionshandels als Instrument für den Klimaschutz.

Benachteiligung der Industrie durch Konkurrenz aus dem Ausland

Wenn ein System von Cap & Trade beispielsweise nur in der Europäischen Union betrieben wird, während Emittenten in Nicht-EU-Ländern nicht einbezogen sind, können Industriebetriebe in der EU gegenüber anderen benachteiligt werden. Allerdings ist dies nicht spezifisch für Cap & Trade, sondern gilt genauso beispielsweise für alle ordnungspolitischen Maßnahmen für Umweltschutz, technische und soziale Sicherheit, etc. Es könnten auf absehbare Zeit keinerlei Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden, wenn eine umfassende internationale Einigung hierfür als zwingende Voraussetzung angesehen würde.

In manchen Fällen lassen sich solche Konkurrenzeffekte durch Einfuhrsteuern kompensieren.

Belastung der Industrie in anderen Fällen

Cap & Trade an sich führt zu keiner wesentlichen wirtschaftlichen Belastung der Industrie als Ganzes, wenn die im vorherigen Abschnitt diskutierten Konkurrenzprobleme nicht bestehen. Zwar erfolgt in dem Fall, dass die anfängliche Ausgabe der Emissionsrechte durch Versteigerung erfolgt, zunächst eine Kostenbelastung. Diese kann aber oft über die Güterpreise an die Konsumenten weitergegeben werden. Zudem ist zu berücksichtigen, dass die entstehenden Staatseinnahmen Entlastungen an anderer Stelle (etwa bei den Unternehmenssteuern) ermöglichen.

Wirtschaftliche Schwierigkeiten können unter Umständen für solche Unternehmen entstehen, die bezüglich Emissionen ineffizienter als ihre Konkurrenz arbeiten, denn sie müssen dann ggf. zusätzliche Emissionsrechte kaufen. Umgekehrt können besonders effiziente Firmen profitieren, indem sie nicht benötigte Emissionsrechte verkaufen.

Emissionshandel macht manche Reduktionsmaßnahmen für das Klima unwirksam

Es wird gelegentlich argumentiert, nach Etablierung eines Emissionshandels würde eine z. B. in einem Betrieb erzielte Emissionsreduktion dadurch zunichte gemacht, dass dann entsprechend Zertifikate verkauft (oder weniger eingekauft) werden mit der Folge, dass anderswo höhere Emissionen entstehen.

Die Behauptung, technische Emissionsreduktionen kämen dem Klima nicht mehr zugute, sobald ein Emissionshandelsystem etabliert ist, ist formal richtig, aber völlig praxisfremd.

Dies ist im Prinzip wahr, da die gesamte Emissionsmenge tatsächlich durch die Gesamtmenge von Emissionsrechten bestimmt und dann von Einzelmaßnahmen nicht mehr beeinflusst wird. Trotzdem ist es logisch falsch, hieraus zu schließen, dass das Erzielen von Emissionsreduktionen (genauso wie das Inkaufnehmen von Mehremissionen durch andere Aktivitäten, etwa einen Atomausstieg) für das Klima dann wirkungslos wäre. Dies deswegen, weil die Gesamtmenge von Emissionsrechten für zukünftige Jahre nicht etwa “vom Himmel fällt”, sondern vielmehr ein Verhandlungsresultat ist. Je mehr technischer Klimaschutz auf wirtschaftlich tragfähige Weise realisiert werden kann, desto eher ist es möglich, für zukünftige Jahre geringere Emissionsmengen auszuhandeln. Erst wenn sich die internationale Klimapolitik primär an den Notwendigkeiten zur Abwehr schwerer Klimagefahren orientiert anstatt wie bisher am politisch Durchsetzbaren, würde sich dies ändern.

Prinzipielle Einwände gegen Verschmutzungsrechte

Sind Verschmutzungsrechte moralisch unhaltbar?

Gelegentlich wird die Berechtigung von Verschmutzungsrechten und dem Handel grundsätzlich bestritten, und zwar auf einer Art von moralischer Basis: Es sei nicht akzeptabel, dass derjenige die Umwelt verschmutzen darf, der sich leisten kann, entsprechende Verschmutzungsrechte einzukaufen. Damit bleibt aber die Frage offen, welche Praxis stattdessen angestrebt werden soll. Ein grundlegendes Verbot von Verschmutzung oder z. B. von CO2-Emissionen ist offenkundig nicht umsetzbar. Dann bleibt aber nur noch die bisherige Praxis: Es gibt Verschmutzungsrechte, nur werden diese nicht verbrieft, weil sie ohnehin kostenlos vergeben werden. Eine solche kostenlose Erlaubnis zur Verschmutzung kann aber moralisch kaum tragfähiger sein als eine, die an handelbare Rechte gekoppelt ist.

Fazit

Das Instrument des Emissionshandels hat gewichtige Vorteile gegenüber anderen Instrumenten, aber auch ernste Nachteile. Die Kombination verschiedener Instrumente dürfte optimal sein.

Die wohl schwerwiegendsten Probleme im Zusammenhang mit der Umsetzung von Cap & Trade bestehen im Handel mit “heißer Luft” und in der Vergabe zu hoher Mengen von Emissionsrechten. Hierdurch kann die Wirksamkeit des Systems für den Klimaschutz massiv vermindert werden. Die Ursachen solcher Schwächen sind häufig die Resultate schwieriger Verhandlungen: Mächtige Akteure erzwingen dabei eine solche Ausgestaltung, die ihnen keine zu hohen Verpflichtungen aufbürdet.

Außerdem ist zu beachten, dass der Emissionshandel allein (d. h. nicht ergänzt z. B. durch kostendeckende Einspeisevergütungen) wenig effektiv ist, um langfristig kostengünstige Lösungen zu finden. Er tendiert nämlich dazu, dass sich die Marktteilnehmer auf kurzfristige Optimierungen mit begrenztem Potenzial konzentrieren, während langfristige Investitionen in die Technologieentwicklung behindert werden. Dies spricht keineswegs gegen den Emissionshandel als Prinzip, aber dagegen, ihn als einziges Instrument einzusetzen [2], wie es von manchen Ökonomen gefordert wird.

Diverse andere Probleme des Emissionshandels sind teilweise nicht spezifisch für diese Vorgehensweise; sie würden beispielsweise bei ordnungspolitischen Ansätzen in ähnlicher Form auftreten.

Eine ernsthafte Alternative zum Emissionshandel wäre ein Cap & Trade auf der Ebene von Kohlenstoff, der in Form von Energieträgern auf den Markt gebracht wird, anstatt erst bei den Emissionen anzusetzen. Viele grundlegende Probleme des Emissionshandels würden freilich hier in gleicher Weise bestehen.

Literatur

[1]R. Paschotta, “EEG und das Klima”, Artikel bei Telepolis am 27.03.2014, http://www.heise.de/tp/artikel/41/41274/1.html
[2]R. Paschotta, “Zur Klimaschutzwirkung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG)” (eine präzise Widerlegung der Behauptung, das EEG sei angesichts des Emissionshandels überflüssig), Klimaschutzwirkung_des_EEG.pdf
[3]Extra-Artikel: Energiesparen in einem Land mit Cap & Trade (Emissionshandel) reduziert die CO2-Emissionen nicht?

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: Emissionen und Immissionen, Kohlendioxid, Klimaschutz, CO2-Vermeidungskosten, CO2-Abscheidung und -Speicherung
sowie andere Artikel in den Kategorien Energiepolitik, Grundbegriffe, Umwelt und Ökologie

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