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Energiesparlampen: tödliche Gefahr durch Quecksilber?

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Es gibt Horrormeldungen über die angeblich extreme Vergiftungsgefahr durch zerbrochene Energiesparlampen. Bei näherer Betrachtung bleibt davon allerdings nicht viel übrig.

(Diese Seite ist vermutlich die erste, die die vom Film “Bulb Fiction” ausgelöste Quecksilber-Hysterie umfassend behandelt. Siehe auch eine ausführliche Kritik des Films [1] sowie einen Artikel über auch andere behauptete Gesundheitsgefahren [2].)

Das Wichtigste in Kürze

Die Behauptung, eine einzige zerbrochene Energiesparlampe könne Menschen akut gefährden, ist unbewiesen und völlig unplausibel. In entsprechenden Berichten fallen diverse Merkwürdigkeiten auf.

Die Quecksilber-Belastungen, die durch Fischverzehr und Amalgamfüllungen entstehen, sind weitaus höher als diejenigen durch Energiesparlampen.

Die Quecksilberemissionen von Kohlekraftwerken, die durch den hohen Stromverbrauch von Glühlampen vermehrt auftreten, sind das größere Problem. Selbst Erdgas ist nicht frei von der Quecksilberproblematik.

Die Belastung des Hausmülls durch nicht korrekt entsorgte Energiesparlampen ist bedauerlich, aber trotzdem marginal im Vergleich zu vielen anderen Quellen, die für die Glühlampenretter aber offenbar nicht von Interesse sind.

Der Film Bulb Fiction und diverse Berichte darüber entpuppen sich als eine absolut unseriöse Panikmache.

Auch die heftige Kritik an der EU erweist sich als eine völlig haltlose Propaganda.

Am 29. April 2012 wurde in der Sendung ttt (titel thesen temperamente) des Bayrischen Rundfunks uneingeschränkt zustimmend über den neuen Dokumentarfilm “Bulb Fiction” (ab 31.05.2012 im deutschen Kino zu sehen) berichtet, welcher auf reißerische Weise die Verwendung von Energiesparlampen als eine extreme Gesundheitsgefahr und zudem als völlig unnütz darstellt. Eigentlich hätte man erwartet, dass so dramatische und erstaunliche Behauptungen vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen erst mal wenigstens auf Plausibilität untersucht werden, anstatt dass man sie unhinterfragt verbreitet und damit einer öffentlichen Hysterie Vorschub leistet. Ein wenig Recherche zeigt auch schnell, dass zentrale Aussagen nicht stimmen können; das Ganze erweist sich als eine extrem fragwürdige Panikmache.

Der Film präsentiert reißerisch die Entlarvung der angeblichen “Lüge von der Energiesparlampe”, hat aber selbst mit den Fakten größte Probleme. So viel war mir sofort klar, auch bevor ich den Film in ganzer Länge betrachten konnte. Nachdem ich dies inzwischen tun konnte, habe ich eine ausführliche Kritik des Films veröffentlicht [1]. Auf dieser Seite dagegen behandle ich vertieft alle Aspekte der Quecksilber-Problematik: die angeblichen akuten Gefahren beim Lampenbruch, den Vergleich mit Quecksilber in Speisefischen, die Emissionen von Kohlekraftwerken sowie die Belastung des Hausmülls und Gewerbemülls.

Akute Quecksilbervergiftungen durch zerbrochene Energiesparlampen?

Extreme Behauptungen, aber ohne Plausibilität

Im Film wird behauptet, eine einzige zerbrochene Energiesparlampe könne zu einer akuten Quecksilbervergiftung führen, gar ein ganzes Haus unbewohnbar machen. Dies ist sachlich in keiner Weise nachvollziehbar:

  • Der Quecksilbergehalt einer solchen Lampe ist gemäß EU-Verordnung seit 2012 maximal 3,5 mg (Milligramm) (kürzlich noch 5 mg), in der Realität oft eher 2 mg. (Letzteres ergibt ein Kügelchen mit Durchmesser 0,66 mm.) Wenn die Lampe im Betrieb zerbrochen wird (was wohl eher selten passiert), kann einiges davon in die Luft gelangen. Die meisten Lampen dürften aber außer Betrieb zerbrechen, nämlich entweder beim Einsetzen einer neuen Lampe oder beim Auswechseln, wenn sie bereits defekt ist. Dann wird aber das meiste Quecksilber den festen Teilen (v. a. dem Glas) anhaften und nur ein winziger Teil verdampfen, da Quecksilber nicht leicht flüchtig ist. Selbst im ungünstigen Fall der heißen berstenden Lampe lässt sich die Quecksilberbelastung der Luft durch Lüften innerhalb einiger Minuten stark reduzieren, und selbst ohne Lüften dürfte nur ein winziger Bruchteil des freigesetzten Quecksilbers von Menschen eingeatmet werden. Eingeatmetes Quecksilber wird zwar vom Körper anders als verschlucktes Quecksilber weitgehend aufgenommen und kann auch ins Gehirn gelangen, aber wenn schon die eingeatmete Menge minimal ist, kann sich keine hohe Belastung ergeben.
  • Nun erfährt man z. B. auf einer Webseite des Katalyse-Instituts für angewandte Umweltforschung über zerbrochene Fieberthermometer auf Quecksilberbasis [3], dass man täglich 0,1 bis 1 mg Quecksilber einatmen müsste, um mit der Zeit eine chronische Vergiftung zu bekommen – für eine akute Vergiftung also sicher noch einiges mehr. Dies hält das Institut selbst beim Zerbrechen eines Quecksilberthermometers, welches 1 g = 1000 mg Quecksilber enthält, für unwahrscheinlich. Diese Einschätzung ist nach den oben genannten Erwägungen auch völlig plausibel. Also wird man für eine Energiesparlampe, die mindestens 200 mal weniger Quecksilber enthält, erst recht keinen vernünftigen Anlass haben, in Panik auszubrechen, wie es der Film aber nahelegt.

Warum wohl kommen Umweltbehörden und Umweltorganisationen praktisch allesamt zum Schluss, dass Energiesparlampen trotz der Quecksilberproblematik empfehlenswert sind?

Kein Wunder, dass beispielsweise das Umweltbundesamt genauso wie Behörden in anderen Ländern zum gleichen Schluss kommt: Langfristig möchten wir gerne quecksilberfreie Lampen, aber diese sehr begrenzte Gefahr ist hinzunehmen, solange eine bessere Lösung nicht verfügbar und breit einsetzbar ist. Diese Ansicht teilt nach Abwägung der Vor- und Nachteile auch eine große Zahl von Umweltorganisationen. In diesem Artikel wird also keineswegs eine Außenseitermeinung vertreten. Jedoch lege ich Wert auf die Feststellung, dass ich hier keineswegs nur kritiklos “offizielle Meinungen” nachplappere, sondern als Wissenschaftler mit diversen leicht zu überprüfenden Plausibilitätstests diese bestätigt finde.

Kann eine zerbrochene Energiesparlampe akute Gesundheitsprobleme verursacht haben?

Nun kann man einwenden, in dem berichteten Fall der Familie in Oberbayern (wo eine Lampe im Betrieb zerstört wurde) sei doch tatsächlich eine sehr hohe Quecksilberbelastung im Haus oder jedenfalls eine schwere Vergiftung festgestellt worden. Ich habe keinen Anlass, diese Feststellung zu bestreiten. Nur ist es bereits rechnerisch völlig unmöglich, dass eine solche Verseuchung von einer Energiesparlampe mit maximal 5 mg Quecksilber verursacht wurde. Also müsste es entweder doch eine andere (viel größere) Quelle gewesen sein (was aber bestritten wird), oder die besagte Lampe hätte weitaus mehr Quecksilber enthalten als erlaubt – wohlgemerkt nicht nur zwei oder dreimal mehr, sondern sehr viel mehr. Im Prinzip scheint es mir zwar denkbar, dass durch einen fatalen Herstellungsfehler (etwa bei einem ausländischen Billigproduzenten, der unter haarsträubenden Bedingungen produziert) eine Lampe weitaus mehr Quecksilber abbekommen hat. Jedoch konnte ich keinerlei Meldungen darüber finden, dass so etwas jemals gefunden worden wäre (obwohl die zahlreichen fanatischen Energiesparlampen-Gegner so etwas sicher sofort aufgegriffen und weit verbreitet hätten). Auch im Film wurde es nicht behauptet. Wenn es hier doch passiert wäre, wäre es vermutlich ein extrem seltener Fall – tragisch für die Betroffenen, aber ungeeignet, um daraus eine allgemeine Verdammung dieser Lampen abzuleiten. Der Skandal wäre dann wohlgemerkt die krasse Missachtung der EU-Vorschriften durch einen Hersteller und nicht etwa, dass die EU Lampen mit einigen Milligramm erlaubt. Zudem wissen wir nicht, was beim Jungen ggf. an Vorerkrankungen bestand; der behandelnde Arzt deutete an, dass es solche gab. Wir können also gar nicht wissen, welcher Anteil an der Erkrankung überhaupt auf das Quecksilber zurückgeführt werden könnte; auch der Arzt weiß dies offenbar nicht. Fazit: Eine abschließende Beurteilung dieses konkreten Falls ist derzeit nicht möglich, zumal auch keinerlei Untersuchungsergebnisse herausgegeben werden; es erscheint aber in keinem Fall angebracht, die Einführung dieser Lampen auf so einer Grundlage als ein Verbrechen darzustellen.

Das optimale Vorgehen beim Lampenbruch

Anstatt in Panik auszubrechen, kann man beim Zerbrechen einer Energiesparlampe idealerweise etwa so vorgehen:

Wenn beim Lampenbruch ein sorgfältiges Vorgehen empfohlen wird, ist dies nicht etwa ein Beweis für eine extreme Gefährlichkeit, sondern ein Resultat des Vorsorgeprinzips.

  • Sofort die Fenster öffnen und dann den Raum für mindestens zehn Minuten verlassen. Auch wenn schon ohne dies keine starke Vergiftung droht, ist es doch sinnvoll, mit dieser einfachen Maßnahme die Belastung massiv zu senken.
  • Dann Einweghandschuhe anziehen und alle Teile der Lampe aufsammeln und in einen Plastikbeutel stecken. Kleine Teile kann man mit einem Klebeband gut aufnehmen. Am Ende das Klebeband und die Handschuhe auch in den Beutel stecken, den Beutel gut verschließen, natürlich nicht im Haus lagern und als Sondermüll entsorgen lassen.
  • Man sollte bei dieser Reinigung nicht den Staubsauger verwenden, denn dieser könnte Quecksilberdämpfe erst recht in die Raumluft blasen. Den Boden gut aufwischen, insbesondere bevor Kleinkinder darauf spielen.
  • Ergänzend könnte man das Quecksilber durch Bestreuen mit etwas Schwefelpulver oder anderen Substanzen (in der Apotheke erhältlich) chemisch binden, wenn es z. B. in einen Teppichboden gelangt ist. Das entstehende Quecksilbersulfid (Zinnober) ist extrem unlöslich und kann vom Körper praktisch nicht mehr aufgenommen werden. Dies wäre also eine gute Maßnahme, bevor wieder ein Staubsauger dort verwendet wird.

Zwar würde man auch bei weniger gutem Umgang mit der Lage wohl kaum gesundheitlich geschädigt werden; das Verfahren wurde eigentlich für viel größere Quecksilbermengen (etwa von Thermometern) entwickelt. Jedoch sollte gemäß dem Grundsatz der Vorsorge eine mit vernünftigem Aufwand vermeidbare Belastung immer vermieden werden, auch wenn sie nicht wirklich gefährlich ist.

Für die größeren Leuchtstofflampen (“Neonröhren”) gilt dasselbe. Sie enthalten zwar deutlich mehr Quecksilber als Energiesparlampen, aber immer noch viel weniger als ein Quecksilberthermometer. Letztere sind inzwischen verboten, weil das Hantieren mit so viel Quecksilber im Haus wirklich keine gute Idee und zudem unnötig ist – es spricht ja nichts gegen die Verwendung elektronischer Thermometer (ohne Quecksilber).

Ein weiterer Anhaltspunkt: MAK-Wert für die belastete Raumluft

Ergänzend führe ich noch eine einfache Berechnung durch, die auf dem MAK-Wert von 0,02 mg/m3 Luft basiert. Dies ist die Maximale Arbeitsplatz-Konzentration, die seit 11/2011 für Quecksilber erlaubt ist, der also Arbeitnehmer für 8 Stunden täglich oder 40 Stunden wöchentlich ausgesetzt werden dürfen, dies aber jahrein, jahraus. (Vor 11/2011 war es fünfmal mehr.) Wenn nun eine Energiesparlampe im schlimmsten Fall 5 mg Quecksilber enthält, reicht dies theoretisch aus, um 50 Kubikmeter Luft so zu belasten, dass das Fünffache des MAK-Werts erreicht ist – aber nur, wenn das gesamte Quecksilber nach und nach im Raum verdampft und sich auf 50 m3 Luft verteilt, bevor diese Luft durch Lüften entfernt wird. Zum Vergleich: Eine Lüftungsanlage für einen Raum, in dem nur zwei Personen arbeiten, fördert pro Stunde rund 40 bis 50 m3 Luft. Also würden die 5 mg aus der Lampe in diesem Raum gerade mal ausreichen, um für 12,5 Stunden den MAK-Wert zu erreichen – aber wiederum nur, wenn das Quecksilber erstens so schnell verdampfen würde und zweitens dies nahe dem Lufteinlass der Anlage geschähe, nicht etwa nahe dem Auslass. Natürlich verdampft das Quecksilber in Wirklichkeit noch weitaus langsamer; das heißt, dass die Belastung einerseits nach zwölf Stunden noch längst nicht weg ist (sondern z. B. erst nach einigen Wochen), dass andererseits aber die Quecksilberkonzentration in der Luft weit unter dem MAK-Wert bleibt. Man sieht also nochmals, dass eine akute oder auch eine chronische Quecksilbervergiftung zumindest über die Atemluft völlig unmöglich ist, weil sonst Arbeiter in diversen Betrieben (auch in der EU) reihenweise sterben müssten.

Ich merke noch an, dass ich das dauerhafte Erreichen des MAK-Werts für Quecksilber nicht für unbedenklich hielte, gerade für Kinder. Man kann auch durchaus die Ansicht vertreten, dass der MAK-Wert noch weiter gesenkt werden sollte, um einen größeren Sicherheitsabstand zu auf Dauer nachweislich schädlichen Konzentrationen zu erhalten. Jedoch zeigt die Rechnung, dass man mit so wenig Quecksilber eben nicht in die Regionen gelangen kann, wo es wirklich gefährlich wird. Akute Probleme wären nur zu erwarten, wenn so hohe Werte über längere Zeit auftreten würden.

Die Lage wäre nur dann anders, wenn eine Lampe weitaus mehr Quecksilber enthalten würde als erlaubt – wobei mir nicht bekannt ist, dass so etwas jemals gefunden worden wäre. Ein Spitzenwert von über dem Doppelten des erlaubten Werts ist einmal bekannt geworden, aber das reicht noch bei Weitem nicht für massive Gefahren.

Nun könnte man im Prinzip Scherben der zerbrochenen Lampe verschlucken, was freilich ziemlich selten geschehen dürfte. Selbst dies wäre vom Quecksilber her nicht allzu gefährlich, da metallisches Quecksilber vom Körper kaum aufgenommen werden kann; es würde fast vollständig mit dem Stuhl wieder ausgeschieden. Übrigens könnten laut Katalyse-Institut die Nieren von dem, was trotzdem aufgenommen wird, rund 10 bis 20 mg Quecksilber pro Tag wieder ausscheiden, also eine Menge entsprechend dem gesamten Quecksilbergehalt von ca. fünf bis zehn typischen Energiesparlampen.

Zum Vergleich: Quecksilber in Thunfisch

Wer Angst hat vor Quecksilber in Energiesparlampen, dürfte wohl nie wieder einen Fisch verspeisen. Durch Fischverzehr werden wir nämlich weit mehr belastet als durch Lampen gleich welcher Art. Und das Quecksilber kommt nicht etwa durch Lampen in die Fische, sondern eher durch Kohlekraftwerke.

Sollten Sie einmal aus Versehen eine Energiesparlampe mit all dem enthaltenen Quecksilber verspeisen – was vermutlich eher selten vorkommt –, so dürfte die Giftwirkung des aufgenommenen Quecksilbers geringer sein, als wenn Sie eine ordentliche Portion Thunfisch essen. Auch wenn der EU-Grenzwert von 1 mg Quecksilber pro Kilogramm Thunfisch eingehalten wird und die Energiesparlampe so viel Quecksilber enthält wie mehrere Kilogramm Thunfisch, ist doch zu beachten, dass Fische das Quecksilber weitgehend in Form des besonders problematischen Methylquecksilbers enthalten. Dieses wird über den Darm leicht aufgenommen (und passiert auch ohne Weiteres die Blut-Hirn-Schranke), während metallisches Quecksilber (aus der Lampe) zum größten Teil gleich wieder ausgeschieden wird. Durch Einatmen kann zwar auch metallisches Quecksilber aufgenommen werden, jedoch wird man selbst im ungünstigsten Fall nur einen winzigen Bruchteil der gesamten Quecksilbermenge einer zerbrochenen Lampe einatmen, und das so aufgenommene Quecksilber wird auch vom Körper viel schneller wieder ausgeschieden als Methylquecksilber.

Dieser Vergleich zeigt ein weiteres Mal, wie unangemessen die Hysterie um die Energiesparlampen ist. Wer nun trotzdem noch große Angst hat vor dem Quecksilber in den Lampen, sollte Fische besser nicht einmal mehr anschauen.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich empfehle durchaus nicht das Verspeisen von Energiesparlampen; dafür sind sie wirklich noch weniger geeignet als Glühlampen. Auch empfehle ich aus Vorsorgegründen die oben genannten Maßnahmen, um beim Bruch einer Lampe unnötige Quecksilberbelastungen zu vermeiden. Im Übrigen soll keineswegs die hohe Giftigkeit von Quecksilber bestritten werden; es geht aber um eine angemessene Bewertung der jeweiligen Mengen. Es ist erstaunlich, dass dieser Aspekt immer wieder übersehen wird.

Unbekannte Quecksilbermengen?

Eine angeblich fehlende Seriosität der EU-Behörden, die mit dem “Glühlampenverbot” und der Begünstigung von Energiesparlampen zu tun haben, wird im Film “Bulb Fiction” auf sehr unfaire Weise suggeriert. Es wird so getan, als habe man den Quecksilber-Gehalt solcher Lampen anhand von nur fünf Leuchten als Proben bestimmt; man wisse deswegen gar nicht, wie viel Quecksilber die Lampen im Allgemeinen enthalten. Dabei ist der Gehalt durch eine EU-Verordnung auf 5 mg begrenzt (heute sogar 3,5 mg). Somit ist völlig klar, dass der durchschnittliche Gehalt der Lampen unter 5 mg liegen muss; die genannten fünf Lampen zeigen den typischen Bereich an – sicher nicht genau, aber das ist nicht entscheidend. Man könnte einwenden, dass einzelne Ausreißer so nicht entdeckt werden könnten. Jedoch behaupten die Autoren der Studie dies auch gar nicht; das wäre eine Frage der Produktüberwachung, für die sie gar nicht zuständig sind. Im Übrigen ist mir nicht bekannt, dass solche Ausreißer von wem auch immer jemals in einem massiven Ausmaß (welches die Beurteilung wirklich ändern müsste) gefunden worden wären.

Schlimmer noch war die im Film von einem Physiker gemachte Behauptung, die EU verwende eine absolut ungeeignete Messmethode für die Quecksilbermengen. Dieser Vorwurf basiert allein auf der Inkompetenz des Physikers (siehe [1]). Die Messmethode ist völlig korrekt, und ihre Resultate bestreitet auch niemand. Somit sehe ich keinerlei Anlass für Vorwürfe an die Autoren der Studie oder die EU-Behörden.

Andere Stellen des Films, die hier nicht im Einzelnen diskutiert werden sollen, verstärken den Eindruck einer extremen Einseitigkeit und von ungerechtfertigten, tendenziösen Wertungen. Beispielsweise bleibt eine Verschwörung von nach höherem Gewinn strebenden Lampenherstellern reichlich unplausibel, wenn viele Unweltverbände daran auch noch beteiligt sein müssten. Ähnlichen Unsinn hat man freilich schon öfters im Rahmen der Kampagne “Rettet die Glühlampe” gelesen; gewissen Leuten scheint jedes “Argument” recht zu sein, um für die Glühlampe und gegen die Energiesparlampe zu kämpfen, selbst wenn es noch so falsch ist.

Ausgeblendet: Quecksilberemissionen von Kohlekraftwerken

Es gibt ein echtes Quecksilberproblem – aber nicht bei Energiesparlampen, sondern bei Kohlekraftwerken. Und dieses Problem entschärfen die Glühlampenretter nicht, sondern vergrößern es sogar.

Was der ttt-Beitrag auch nicht erwähnt hat: dass ein einziger Kohlekraftwerksblock (und zwar ein moderner, mit Filteranlagen nach heutigen Stand) hunderte von Kilogramm Quecksilber pro Jahr über das Abgas emittiert (und zusätzliche Mengen mit dem Abwasser). Das entspräche dem, dass wir über hundert Millionen Energiesparlampen kaufen und das enthaltene Quecksilber komplett und fein in der Umwelt verteilen – was freilich ziemlich schwierig sein dürfte, da das Quecksilber zum größten Teil an den festen Teilen der Lampe haftet. (Es würde nicht reichen, die Lampen nur in den Hausmüll zu werfen.)

Dieses Gift wird vom Kraftwerk dann im weiten Umkreis fein verteilt. Darüber könnte und sollte man sich aufregen: Hier liegt nun wirklich ein Problem. Und dieses hat sogar wieder mit der Wahl unserer Leuchtmittel zu tun: Da Energiesparlampen rund vier oder fünf mal weniger Strom brauchen als Glühlampen, und da eine Abnahme des Strombedarfs insbesondere die Stromproduktion von Kohlekraftwerken reduziert (siehe meinen Artikel über den Strommix), führt die Einführung der Sparlampen zu einer Reduktion der Quecksilberemissionen, die größer ist als ihr eigener Quecksilbergehalt. Natürlich sollte das fachgerechte Recycling der Lampen konsequent praktiziert werden, um die Quecksilberbelastung der Umwelt noch weiter zu reduzieren. (Dass es hier noch große Schwächen gibt, insbesondere in manchen Ländern, stimmt wohl; hier hat der Film Recht.) Aber selbst schon ohne dieses fachgerechte Recycling dürften Sparlampen in puncto Quecksilber wesentliche Vorteile bringen.

In “Bulb Fiction” wird das “Quecksilber-Paradox” übrigens bestritten, aber einer Überprüfung hält auch dies nicht stand, siehe [1].

Übrigens ist selbst Erdgas nicht frei von der Quecksilber-Problematik. Zumindest das Rohgas enthält bei manchen Lagerstätten sehr hohe Mengen von Quecksilberdampf. Selbst wenn dieser bei der Gasreinigung weitestgehend herausgefiltert wird, kann es in der Nähe der Anlage zu massiven Quecksilberbelastungen kommen [5]. Bereits durch den Gasverbrauch eines einzelnen Haushalts können etliche Gramm Quecksilber pro Jahr zusammen kommen. Selbst wenn davon nur ein Prozent in die Umwelt gelangen würde, könnte dies so viel sein, wie beim Bruch von Hunderten von Energiesparlampen frei würden.

Quecksilber im Müll

Ist es ein Riesenproblem, dass viele Energiesparlampen und andere Leuchtstofflampen im Müll landen?

Es ist bedauerlich, dass viele Energiesparlampen und andere Leuchtstofflampen nicht ordnungsgemäß entsorgt werden, sondern im Hausmüll oder Gewerbemüll landen. Meist gelangt das Material dann in eine Müllverbrennungsanlage. Deren Rauchgasreinigungsanlage kann das Quecksilber zum größten Teil (heute meist mehr als 90 %) zurückhalten, aber zum Teil gelangt es dann in die Atmosphäre.

Nun wird diese Problematik aber immer wieder vollkommen überzogen dargestellt. Laut einer Studie der TU Wien aus dem Jahr 2008 stammt nur ein winziger Teil des Quecksilbers im Haus- und Gewerbemüll von Lampen. Es gibt viele andere Quellen dafür:

Hier geht es also um weit größere Mengen als in den Lampen. Man beachte bei allem aber, dass Kohlekraftwerke global noch wesentlich stärker zur Quecksilberbelastung der Umwelt beitragen als all der Müll: tausende von Tonnen pro Jahr.

Es ist jedenfalls völlig klar: Wer sich über wenige Milligramm Quecksilber in einer Lampe aufregt, gleichzeitig aber all die viel größeren Quellen ignoriert, ist entweder völlig uninformiert oder betreibt bewusst Panikmache.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Jeglicher quecksilberhaltiger Abfall soll und muss ordnungsgemäß entsorgt werden. Wenn das bei Lampen nicht geschieht, sind die Folgen freilich weitaus harmloser als bei vielen anderen Abfällen, wo es um viel größere Mengen geht. Beispielsweise hat eine Untersuchung in der Schweiz [4] ergeben, dass die vollständige Entsorgung aller Energiesparlampen über den Hausmüll langfristig zur Erhöhung der Quecksilberbelastung der gesamten Siedlungsabfälle nur um rund 1 % führen würde.

Fazit: unseriöse Panikmache

Man kann also klar erkennen, dass der genannte Film und unkritisch für ihn werbende Beiträge eine üble Panikmache sind, die mit den Fakten wenig zu tun hat. Solche Propaganda ist sogar geeignet, die möglichen Reduktionen der Quecksilberbelastung der Umwelt durch Verunsicherung der Verbraucher zu sabotieren – schon ganz abgesehen vom Aspekt des Klimaschutzes. Dass diverse Aussagen im Film immerhin einen wahren Kern haben (Bsp.: Quecksilber ist sehr giftig, manche Energiesparlampen erreichen nicht die versprochene Lebensdauer, ihr Einsatz ist nicht überall sinnvoll, etc.), ändert nichts daran, dass wichtige Kernaussagen (effektiv: Energiesparlampen sind des Teufels) ungerechtfertigt und falsch sind. Diese Quecksilber-Hysterie gehört zu den unsinnigsten Phänomenen, die die öffentliche Umweltdebatte zu bieten hat.

Die Hoffnung, dass wenigstens ttt seinen Fehler korrigieren würde, nachdem es von mir am 02.05.2012 sorgfältig begründet darauf hingewiesen wurde (und vermutlich von anderen Seiten Ähnliches hören wird), wurde leider bitter enttäuscht. Man beharrt dort auf dem eingenommenen Standpunkt, ohne auf Gegenargumente überhaupt einzugehen. Es ist beunruhigend, dass auch bei den öffentlich-rechtlichen Medien die journalistischen Grundsätze so eklatant verletzt werden.

Leider dürfte der Film “Bulb Fiction” trotz allem noch massenhaft im Kino und sonstwo gesehen werden und dabei Verbraucher unnötig verängstigen und Wutbürger zum Kampf gegen angeblich skrupellose EU-Bürokraten und finstere gekaufte Wissenschaftler aufstacheln. Vielleicht wird sich wenigstens einigermaßen herumsprechen, dass man Behauptungen auch nüchtern prüfen und in diesem Fall dabei völlig auseinanderfallen sehen kann.

Sachliche Kritik wäre willkommen

Einige Leute haben sich bereits massiv über meine Kritik am Film aufgeregt und mich mit Schmähkritik überzogen. Dies funktioniert offenbar nach dem Muster: Diese Darstellung gefährdet meine Meinung, also muss sie falsch sein, und nähere Begründungen meiner Position sind somit unnötig. Ganz offenkundig verarbeiten manche Zeitgenossen eingehende Informationen extrem selektiv, etwa indem Sie selbst lückenlose Gegenbeweise und aufgezeigte krasse Inkonsistenzen einfach ignorieren.

Eine sachliche Kritik, die Fehler an meiner Darstellung aufzeigt, würde ich jederzeit dankbar aufnehmen und umgehend angemessen verarbeiten – wenn nötig auch mit hier veröffentlichten Änderungen meiner Haltung zur Sache. (Ich genieße die Freiheit, genau das vertreten zu dürfen, was ich sachlich richtig finde.) Jedoch ist so etwas bisher niemals hier eingegangen.

Literatur

[1]R. Paschotta, "Bulb Fiction: ein Propagandafilm gegen die Energiesparlampe"
[2]Extra-Artikel: "Sind Energiesparlampen und Leuchtstofflampen gesundheitsschädlich?"
[3]Artikel des Katalyse-Instituts für angewandte Umweltforschung über zerbrochene Quecksilberthermometer: http://www.umweltlexikon-online.de/RUBwerkstoffmaterialsubstanz/Quecksilberthermometerzerbrochen.php
[4]Marktkontrolle Schwermetalle in Elektro- und Elektronikgeräten II “Leuchtstofflampen”, http://www.bag.admin.ch/anmeldestelle/13604/13885/14411/index.html?lang=de
[5]Hermann Bubke, Studie zur Kontamination von Arbeitnehmern mit Quecksilber bei der Erdgasförderung in der Altmark, http://heavenorshell.se/wp-content/uploads/2011/02/Autorisierte_Quecksilberstudie_Bubke_Sept-2010.pdf

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: Energiesparlampe, Leuchtstofflampe, Glühlampe, Glühlampenverbot, Kohlekraftwerk, Strommix, Klimaschutz

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