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Energiewende

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Definition: die Realisierung eines nachhaltigen Systems der Energieversorgung

Englisch: energy revolution

Kategorien: Energiepolitik, Grundbegriffe

Autor: Dr. Rüdiger Paschotta

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 20.02.2011; letzte Änderung: 13.08.2016

Energiewende = Abkehr von fossilen Energieträgern und Kernenergie durch erneuerbare Energien und mehr Energieeffizienz.

Die Energiewende ist ein Projekt, welches erstmals 1980 vom Öko-Institut in einer Studie so benannt wurde [1]. Es geht um den Umbau unseres Systems der Energieversorgung und -verwendung mit dem Ziel der Nachhaltigkeit. Hierzu gehört die Abkehr einerseits von fossilen Energieträgern, weil diese zunehmend knapp werden und ihre Verbrennung ernste Klimagefahren verursacht, andererseits aber auch von der Kernenergie, weil diese unter anderem schwere Unfälle verursachen und die Weiterverbreitung von Atomwaffen begünstigen kann. An die Stelle dieser Energiequellen sollen diverse Quellen erneuerbarer Energie treten, langfristig insbesondere die Sonnenenergie. Von Anfang an wurde erkannt, dass der effiziente und sparsame Umgang mit Energie eine entscheidende Komponente einer Strategie der Energiewende sein muss, da erneuerbare Energie bis auf weiteres nur in begrenztem Umfang verfügbar ist.

Wenn bestimmte Sektoren der Energiewirtschaft gemeint sind, werden gelegentlich auch Begriffe wie Stromwende, Wärmewende und Verkehrswende gebraucht.

Notwendigkeit der Energiewende

Eine grundsätzliche Abkehr von der Energiewende würde erfordern, dass andere Lösungen für die erkannten und kaum mehr umstrittenen Probleme gefunden würden.

Die Notwendigkeit der Energiewende wird inzwischen von weiten Kreisen im Prinzip nicht mehr bestritten (zumindest nicht mehr offen). Einerseits ist ein weit reichender Konsens über das Problem der Klimagefahren entstanden; nur noch Außenseiter bezweifeln ernsthaft den Klimawandel als Folge insbesondere der Kohlendioxid-Emissionen. Andererseits sind die Probleme der Kernenergie deutlicher geworden – insbesondere durch den schweren Unfall in Fukushima, bei dem ein Tsunami eine Havarie gleich mehrerer Reaktoren gleichzeitig auslöste. Auch die enorme Schwierigkeit, eine akzeptable Sicherheitskultur zu etablieren, die gegen schwerwiegende ökonomische Interessen durchgesetzt werden müsste, wurde seit Fukushima deutlicher erkannt. Weniger beachtet werden Sorgen bezüglich der Verbreitung von Atomwaffen, zunehmende Zweifel an der Wirtschaftlichkeit (angesichts massiv gestiegener Kosten) sowie der Umstand, dass das Potenzial der Kernenergie zur Lösung des globalen Klimaproblems relativ klein ist. Jedoch wächst immer mehr das Vertrauen, dass die erneuerbaren Energien mittel- und langfristig die Möglichkeit bieten, einen wesentlichen Teil des globalen Energiebedarfs auf umwelt- und sozialverträgliche Weise zu decken.

Die größten Klimaschutzeffekte der deutschen Energiewende werden meist übersehen; sie materialisieren sich im Ausland.

Einflussreiche Institutionen standen der deutschen Energiewende einschließlich des Atomausstiegs sehr skeptisch gegenüber, haben sich mittlerweile aber davon überzeugen lassen. So anerkannte die Internationale Energieagentur (IEA) die deutsche Energiepolitik in ihrem Länderbericht “Deutschland 2013” als “auf dem richtigen Weg” befindlich an. Es ist davon auszugehen, dass diese Energiewende durch Nachahmung in vielen anderen Ländern einen größeren indirekten Effekt z. B. auf den Klimaschutz haben wird, als ihr direkter Effekt sein kann.

Verbleibender Dissens

Ein Dissens existiert jedoch zwischen diversen Gruppen zu vielen Fragen der Umsetzung einer Energiewende:

Ob eine Energiewende umgesetzt wird, liegt nicht zuletzt an der Priorität des Klimaschutzes für die Politik.

Welche Rolle sollen sogenannte Biokraftstoffe spielen?

Soll die Energiewende ein nationales, auf Autarkie ausgerichtetes Projekt sein, oder vielmehr auf internationale Kooperation setzen?

Sollen vorwiegend zentrale oder dezentrale Einrichtungen realisiert werden?

Was soll das Tempo der Energiewende bestimmen: Notwendigkeiten des Klimaschutzes oder kurzfristigere wirtschaftliche Umstände?

Was wären die Kosten ohne Energiewende? Welcher Weg könnte überhaupt eine Alternative dazu darstellen?

Man beachte, dass Gegner der Energiewende sich angesichts klarer Mehrheitsverhältnisse (jedenfalls in Deutschland) häufig nicht mehr als prinzipielle Gegner bekennen, sondern die Umsetzung z. B. durch diverse Einwände und das Schüren von Ängsten möglichst stark zu verzögern. Der Streit um gewisse Aspekte der Energiewende ist also nicht immer ein Streit um die richtige Umsetzung, sondern manchmal eher ein Ringen um Verhinderung oder Beschleunigung des Wandels. Es gibt aber durchaus auch einen Dissens zwischen klaren Befürwortern der Energiewende, etwa in den Fragen “dezentral oder zentral” sowie “mit möglichst weitgehender Autarkie des Landes oder nicht”.

Auswirkungen der Energiewende auf die elektrische Energieversorgung

Das bisherige System zur Stromversorgung z. B. in Deutschland basiert hauptsächlich auf der Stromerzeugung in Großkraftwerken, die aber relativ nahe an den großen Verbrauchszentren liegen. Die bisher verwendeten Kraftwerke sind zu einem großen Teil fossil befeuerte Wärmekraftwerke, zu einem wesentlichen Teil auch Kernkraftwerke und nur zu einem relativ geringen Teil Wasserkraftwerke. Die Energiewende führt hier zu wesentlichen Änderungen:

Der deutsche Strommix wird allmählich “grüner”.

Eine zunehmende Abhängigkeit Deutschlands von Stromimporten wurde befürchtet, ist bisher allerdings noch nicht eingetreten.

Gezielte Verstärkungen der Stromnetze sind nötig, um die Energiewende erfolgreich fortsetzen zu können.

Ob zukünftig große neue Energiespeicher benötigt werden, ist unklar; das hängt davon ab, ob die Energiewende eher national oder eher international gestaltet wird.

Interessanterweise wird derzeit auch die Wirtschaftlichkeit z. B. von Pumpspeicherkraftwerken reduziert, da Strom aus Photovoltaik häufig die Mittagsspitzen mehr oder weniger komplett abdeckt. Dies steht aber nur scheinbar im Widerspruch dazu, dass Speicherkraftwerke an Bedeutung gewinnen: Deren Verfügbarkeit wird wichtiger, auch wenn ihr tatsächlicher Einsatz z. Zt. eher seltener wird.

Die Aufrechterhaltung einer hohen Versorgungssicherheit ist auch bei einem weiter steigenden Anteil erneuerbarer Energien technisch ohne Weiteres möglich. Jedoch ist denkbar, dass die wirtschaftlichen Anreize für die Vorhaltung von Kraftwerkskapazitäten mit dem bisherigen System (reine Energie-Märkte, kein Kapazitätsmarkt) auf Dauer zu gering sind, so dass Kraftwerke außer Betrieb genommen werden und auf diese Weise die Versorgungssicherheit allmählich reduziert wird. Deswegen wird über die (freilich nicht einfache) Einführung eines Kapazitätsmarkts nachgedacht, der die Vorhaltung von Kraftwerkskapazitäten finanziell belohnt.

Andere betroffene Sektoren der Energiewirtschaft

In der öffentlichen Diskussion wird die Energiewende häufig nur für den Sektor der Erzeugung elektrischer Energie behandelt. Dort gibt es in Deutschland auch bereits erhebliche Fortschritte, wie oben beschrieben. Weitgehend vernachlässigt werden aber andere wichtige Sektoren:

Eine echte Wärmewende als unverzichtbarer Bestandteil der Energiewende wurde bisher noch nicht in Angriff genommen.

Wie befreien wir den Verkehrssektor von seiner enormen Abhängigkeit von fossilen Energieträgern?

Angesichts der großen Herausforderungen in diversen Sektoren wäre es notwendig, dass die öffentliche Diskussion die Energiewende umfassender behandelt, anstatt sich weitgehend auf steigende Strompreise zu fixieren. Dies könnte mittelfristig auch dazu führen, dass die Energiewende auch außerhalb des Stromsektors ernsthaft begonnen wird. In diesem Zusammenhang ist auch das Stichwort der Sektorkopplung wichtig: Der Stromsektor könnte und sollte mit anderen Verbrauchssektoren wie Wärme, Verkehr und Chemie verbunden werden, damit auch in diesen Bereichen vermehrt erneuerbare Energie eingesetzt werden kann. Hierbei entstehen gleichzeitig interessante Flexibilitätsoptionen, die die Nutzung einer fluktuierenden Stromerzeugung stark erleichtern könnten.

Literatur

[1]F. Krause und H. Bossel, “Energiewende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran”, Verlag S. Fischer (1981)
[2]Blog-Artikel: Gefährdet die Energiewende unsere Versorgungssicherheit?
[3]Agora Energiewende, eine Online-Plattform mit umfangreichen Informationen und Daten z. B. zur aktuellen EE-Erzeugung, https://www.agora-energiewende.de/
[4]“100% erneuerbare Stromversorgung bis 2050: klimaverträglich, sicher, bezahlbar”, Sachverständigenrat für Umweltfragen, http://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/04_Stellungnahmen/2010_05_Stellung_15_erneuerbareStromversorgung.pdf (2010)
[5]Studie “Was kostet die Energiewende? Wege zur Transformation des deutschen Energiesystems bis 2050”, https://www.ise.fraunhofer.de/de/veroeffentlichungen/veroeffentlichungen-pdf-dateien/studien-und-konzeptpapiere/studie-was-kostet-die-energiewende.pdf
[6]Agora-Energiewende: Stromspeicher in der Energiewende, https://www.agora-energiewende.de/fileadmin/downloads/publikationen/Studien/Speicher_in_der_Energiewende/Agora_Speicherstudie_Web.pdf
[7]P. Hennicke und P. J. Welfens: Energiewende nach Fukushima. Deutscher Sonderweg oder weltweites Vorbild?, oekom-Verlag (München) (2012)
[8]“Energiewende oder Energiewendeende”, Deutsche Umwelthilfe und AVAAZ.org, http://www.duh.de/uploads/media/DUH-Analyse_Energiewende_Ende_mit_Zusammenfassung.pdf
[9]http://energytransition.de/, eine Veröffentlichung der Heinrich-Böll-Stiftung

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: Energiepolitik, Energie, Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Kernenergie, Atomausstieg, Stromlücke, Stromnetz, Biokraftstoff, Wärmewende, Sektorkopplung
sowie andere Artikel in den Kategorien Energiepolitik, Grundbegriffe

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