RP-Energie-Lexikon
fachlich fundiert, unabhängig von Lobby-Interessen

Grenzkosten

<<<  |  >>>

Definition: die zusätzlichen Kosten durch erhöhte Produktion

Englisch: marginal cost, incremental cost

Kategorie: Grundbegriffe

Autor: Dr. Rüdiger Paschotta (G+)

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 21.03.2013; letzte Änderung: 21.02.2017

Der Begriff der Grenzkosten stammt aus der Betriebswirtschaftslehre und spielt in der Energiewirtschaft häufig eine wichtige Rolle. Man versteht darunter die zusätzlichen Kosten, die durch eine kleine Erhöhung der Produktion entstehen. Man wählt eine kleine Erhöhung im Sinne einer differenziellen Betrachtung, und spricht auch von Marginalkosten.

Die Vollkosten können weitaus höher liegen als die Grenzkosten, da sie auch Fixkosten enthalten, z. B. die Investitions- und Kapitalkosten.

Betriebswirtschaftlich ist eine Produktion, die einen Erlös von nur wenig mehr als die Grenzkosten einbringt, einerseits besser als eine Unterlassung dieser Produktion. Andererseits ist sie auf Dauer gefährlich, weil so kaum Deckungsbeiträge für die Amortisation der Fixkosten erwirtschaftet werden. Wenn z. B. ein Markt mit starkem Wettbewerb das häufige Operieren in diesem Bereich erzwingt, ist die Rentabilität stark gefährdet.

Beispiele für Grenzkosten bei der Stromerzeugung

Kohlekraftwerk

Man betrachte ein Kohlekraftwerk, welches mit etwas höherer Leistung oder auch für längere Zeit pro Tag betrieben werden könnte, um mehr elektrische Energie zu erzeugen. An den Investitionskosten und Kapitalkosten ändert dies nicht. Jedoch entsteht durch verstärkten Betrieb ein vergrößerter Verbrauch vor allem von Kohle. (Bei Wärmekraftwerken sind die Brennstoffkosten meist der größte Teil der variablen Betriebskosten.) Außerdem können durch die erhöhten CO2-Emissionen zusätzliche Kosten für Emissionszertifikate entstehen, wenn die Emissionen in einem Bereich erfolgen, wo der Emissionshandel im Rahmen von Cap & Trade betrieben wird. So entstehen Grenzkosten typischerweise in der Höhe von 30 bis 70 € pro Megawattstunde, d. h. 3 bis 7 ct/kWh. Die niedrigeren Werte gelten für moderne Braunkohlekraftwerke, die dafür aber höhere Investitionskosten als Steinkohlekraftwerke aufweisen.

Man beachte, dass die Grenzkosten nicht durch den Wirkungsgrad, sondern genauer durch den differenziellen Wirkungsgrad bestimmt werden. Sie werden also geringer, wenn der Wirkungsgrad im Teillastbetrieb absinkt.

Gaskraftwerk

Bei den Gaskraftwerken gibt es recht unterschiedliche Typen:

  • Gas-und-Dampf-Kombikraftwerke haben einen hohen Wirkungsgrad, heute bis zu ca. 60 %. Trotz der höheren spezifischen Kosten von Erdgas (im Vergleich zu Kohle nach dem Primärenergiegehalt bewertet) liegen dadurch die Grenzkosten oft in ähnlicher Höhe wie bei Steinkohlekraftwerken.
  • Für die Spitzenlasterzeugung werden aber einfachere Gasturbinen-Kraftwerke eingesetzt, die nur Wirkungsgrade von 30 bis 40 % haben und daher wesentlich höhere Grenzkosten aufweisen. Da hier die Investitionskosten erheblich niedriger liegen, ist dies bei einer geringen Zahl von Volllaststunden ökonomisch akzeptabel.

Kernkraftwerk

Kernkraftwerke weisen sehr hohe Investitions- und Kapitalkosten auf. Die Betriebskosten sind jedoch recht gering, und als Teil davon schlagen die Kosten für neue Brennelemente wenig zu Buche. Dies bedeutet, dass die Grenzkosten sehr niedrig liegen – in der Größenordnung von 10 €/MWh. Wirtschaftlich betreiben lässt sich ein Kernkraftwerk auf Dauer aber nur, wenn mehrfach höhere Stromerlöse erzielt werden, weil sonst die hohen Investitionskosten nicht amortisiert werden können. Diese Charakteristik gilt für viele Grundlastkraftwerke.

Photovoltaik-Anlagen

Die Kosten von Photovoltaik-Anlagen sind praktisch unabhängig davon, ob sie Strom produzieren oder nicht (z. B. bei Abregelung aufgrund nicht nutzbarer Stromüberschüsse). Ihre Grenzkosten sind deswegen annähernd null. Genauso wie bei Kernkraftwerken gilt aber auch hier, dass trotzdem natürlich erhebliche Erlöse nötig sind, um die hohe Anfangsinvestition zu amortisieren.

Die Rolle von Grenzkosten im Strommarkt

Im heutigen Strommarkt spielen die Grenzkosten eine wichtige Rolle. An der Strombörse wird das Merit-Order-Verfahren praktiziert. Dieses zwingt die Stromanbieter dazu, ihre Angebote in etwa an den Grenzkosten zu orientieren – mit einem nur geringen Aufschlag für Gewinne. Der Börsenstrompreis ergibt sich dann aus den Kosten für das sogenannte Grenzkraftwerk, d. h. dasjenige Kraftwerk, welches gerade noch verwendet werden kann. Die meisten Anbieter erzielen dann gute Deckungsbeiträge, weil ihre Grenzkosten deutlich niedriger sind.

Da das Grenzkraftwerk häufig ein Gas- oder Kohlekraftwerk ist, ergeben sich Börsenstrompreise in der Größenordnung von deren Grenzkosten, also bei rund 4 bis 7 ct/kWh. Hiervon profitieren z. B. die Betreiber von Kernkraftwerken, die solche Erlöse unbedingt brauchen, um ihre Investitionen zu amortisieren (siehe oben). Zunehmende Einspeisungen von erneuerbaren Energien (in Deutschland gemäß dem Erneuerbare-Energien-Gesetz gefördert) verschieben aber häufig die Merit Order so, dass der Börsenstrompreis stark sinkt – in Einzelfällen (Situationen mit starken Überschüssen) sogar auf negative Werte.

Siehe auch: Kraftwerk, Grenzkraftwerk, Strommarkt
sowie andere Artikel in der Kategorie Grundbegriffe

Teilen Sie den Link auf diesen Artikel mit anderen:

Die Startseite gibt Ihnen den Einstieg in das RP-Energie-Lexikon, auch mit Tipps zur Benutzung.
Hier finden Sie diverse Ratgeber-Artikel, insbesondere im Bereich der Haustechnik.
Hiermit wird Ihnen ein zufällig ausgewählter Lexikonartikel angezeigt.
Der RP-Energie-Blog präsentiert Interessantes und Aktuelles zum Thema Energie. Er ist auch als E-Mail-Newsletter erhältlich.
Hier finden Sie die Kontaktinformationen und das Impressum.
Werden Sie ein Sponsor des RP-Energie-Lexikons – des besten deutschsprachigen Energielexikons im Internet!
Hier erfahren Sie mehr über den Autor des RP-Energie-Lexikons und seine Grundsätze.
Hier können Sie die Artikel des RP-Energie-Lexikons nach Kategorien geordnet durchstöbern.
Verbreitete Irrtümer zu Energiefragen werden hier detailliert aufgedeckt.
Der Glossar fasst die Definitionen von Fachbegriffen aus den Artikeln zusammen.
Mit dem Energie-Quiz können Sie Ihr Wissen im Energiebereich testen und vertiefen.
Hier werden die Hintergründe des Projekts beschrieben, auch die gewählten Grundsätze.
Mit zigtausenden von Nutzern pro Monat ist das RP-Energie-Lexikon zu einer interessanten Werbeplattform geworden.
Vom Autor des RP-Energie-Lexikons können Sie auch Beratung erhalten, insbesondere zu Energie-Technologien.
Hier finden Sie die Liste aller Artikel zu einem bestimmten Anfangsbuchstaben.
Hier können Sie nach Artikeln suchen, deren Titel ein bestimmtes Stichwort enthalten.
Geben Sie das Stichwort ein, wählen Sie den passenden Eintrag in der Liste und klicken Sie auf "dorthin gehen".
(Beachten Sie auch die Volltextsuche beim Menüpunkt "Suche"!)