www.energie-lexikon.info, enlex.info
RP-Energie-Lexikon
fachlich fundiert, unabhängig von Lobby-Interessen

Mieterstrom

<<<  |  >>>  |  Feedback

Definition: elektrische Energie, die in dezentralen Anlagen erzeugt und direkt (nicht über das öffentliche Stromnetz) an Mieter geliefert wird

Kategorie: elektrische Energie

Autor: Dr. Rüdiger Paschotta

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 19.07.2015; letzte Änderung: 12.06.2016

Der Begriff Mieterstrom ist in den letzten Jahren gebräuchlich geworden für elektrische Energie, die in dezentralen Stromerzeugungsanlagen erzeugt wird und direkt (also nicht über das öffentliche Stromnetz) an Mieter in Mehrfamilienhäusern oder gewerblichen Gebäuden geliefert wird. Es geht also um eine Form von Direktvermarktung für eine sehr verbrauchernahe Stromerzeugung.

Mieterstrom wird meist durch Photovoltaik oder Kraft-Wärme-Kopplung erzeugt.

In der Regel handelt es sich bei den für Mieterstrom verwendeten Erzeugungsanlagen entweder um Photovoltaikanlagen auf Dachflächen oder um kleine Blockheizkraftwerke (Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung), die z. B. mit Erdgas betrieben werden. Vereinzelt werden auch Kleinwindenergieanlagen eingesetzt. Im Falle der Photovoltaik und Windenergie handelt es sich um erneuerbare Energie, die mit sehr geringer Umweltbelastung erzeugt werden kann. Im Falle der Kraft-Wärme-Kopplung werden zwar meistens fossile Energieträger wie Erdgas verwendet, wodurch auch gewisse klimaschädliche CO2-Emissionen entstehen, aber immerhin handelt es sich um eine besonders effiziente Form der Nutzung solcher Energieträger. In manchen Fällen wird auch in der Nähe erzeugtes Biogas verwendet, also wiederum erneuerbare Energie.

Die Nicht-Benutzung des öffentlichen Stromnetzes ist der entscheidende Aspekt von Mieterstrom.

Der wesentliche Unterschied zwischen Mieterstrom und Strom, der von einem Erzeuger in das öffentliche Netz eingespeist und von Anderen darüber bezogen wird, ist der Transport der Energie durch das öffentliche Stromnetz, der bei Mieterstrom entfällt. Dieser Aspekt hat zwar eher geringfügige Auswirkungen auf die benötigten Kapazitäten der Stromnetze und damit auf die dafür entstehenden Kosten, verändert aber die betriebswirtschaftliche Kalkulation entscheidend, wie weiter unten diskutiert wird.

Ergänzung durch Strom aus dem öffentlichen Netz

In aller Regel wird die elektrische Energie aus den lokalen Anlagen ergänzt durch Energie aus dem öffentlichen Stromnetz, d. h. es handelt sich nicht um eine energieautarke Lösung, weil die Realisierung einer solchen technisch erheblich aufwendiger wäre. Der Anteil der lokal erzeugten Energie liegt häufig unter 50 %.

Übrigens wird der Begriff Mieterstrom häufig so verwendet, dass nicht klar ist, ob nur der lokal erzeugte Strom damit gemeint ist oder die gesamte Stromlieferung an die Verbraucher.

Für die Mieter ist es nicht direkt relevant, welcher Anteil der elektrischen Energie lokal erzeugt wird und wie viel von der lokalen Erzeugung in der Stromnetze eingespeist wird. Sie bekommen vom Betreiber der Anlagen einfach elektrische Energie zu einem gewissen Tarif geliefert, der häufig deutlich günstiger ist als für Strombezug allein aus dem öffentlichen Netz.

Die Versorgungssicherheit wird durch die Verbindung mit dem öffentlichen Stromnetz gesichert.

Die Versorgungssicherheit für die Mieter ist im Wesentlichen dieselbe wie für Kunden, die Energie nur aus dem öffentlichen Stromnetz beziehen. Wenn nämlich die lokalen Anlagen einmal ausfallen, kann die benötigte Energie ja problemlos aus dem öffentlichen Netz bezogen werden.

Eigenverbrauch und Direktverbrauch

Was genau sind Eigenverbrauch und Direktverbrauch?

Unter dem Direktverbrauch versteht man den Anteil der von der lokalen Erzeugungsanlage erzeugten elektrischen Energie, der unmittelbar am Ort vom Anlagenbetreiber oder von dessen Mietern verbraucht wird. Zu Zeiten, in denen die erzeugte Leistung die momentan verbrauchte Leistung übersteigt, wird der Überschuss in das öffentliche Stromnetz eingespeist.

Die von den Mietern direkt verbrauchte Energie zählt nicht als Eigenverbrauch, da die Mieter wirtschaftlich gesehen vom Anlagenbetreiber getrennte Parteien sind. Eigenverbrauch ist nur das, was der Anlagenbetreiber selbst verbraucht; dies ist ein Teil des Direktverbrauchs.

Falls der Anlagenbetreiber selbst keine Räume in den betroffenen Gebäuden nutzt (außer evtl. für den Betrieb der Stromerzeugungsanlagen), gibt es einen Eigenverbrauch allenfalls für diese Anlagen selbst. Anders ist der Fall, dass der Anlagenbetreiber der Besitzer eines Mehrfamilienhauses ist, in dem er eine Wohnung selbst nutzt. Selbst dann ist der Anteil des Eigenverbrauchs meist klein, außer bei sehr kleinen Häusern mit z. B. nur zwei Wohnungen.

Betriebswirtschaftliche Aspekte

Mieterstrom wird zum Teil von den Abgaben und Steuern entlastet, die sonst bei Stromlieferungen angewandt werden. Dies kann höhere Stromerzeugungskosten mehr als kompensieren.

Die reinen Erzeugungskosten für elektrische Energie liegen bei dezentralen Anlagen erheblich höher als bei Großkraftwerken – bei der Photovoltaik wegen der wesentlich höheren spezifischen Investitionskosten und bei KWK-Anlagen wegen der höheren Bezugskosten für die Brennstoffe, höheren Kosten für Wartung und Betriebsüberwachung sowie wegen der geringeren Lebensdauer. Trotzdem kann die Nutzung dezentral erzeugter Energie betriebswirtschaftlich deutlich günstiger sein als die Nutzung von Energie aus dem öffentlichen Stromnetz. Wenn nämlich die Energie auf dem Weg zwischen dem Erzeuger und dem Verbraucher (Mieter) nicht das öffentliche Stromnetz durchläuft, entfallen die Kosten für Netznutzungsentgelte und die Konzessionsabgabe, ebenfalls die Stromsteuer. Vor der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) in 2014 kam noch ein Rabatt von 2 ct/kWh auf die EEG-Umlage dazu; seitdem muss aber auf den Direktverbrauch durch die Mieter die volle EEG-Umlage bezahlt werden. Dagegen ist der Eigenverbrauch des Anlagenbetreibers weiterhin von der EEG-Umlage befreit, falls die Nennleistung der Anlage unter 10 kW liegt. (Bei Anlagen höherer Leistung ist ein reduzierter Anteil der EEG-Umlage zu zahlen.) Dies bedeutet beispielsweise, dass ein Gewerbebetrieb, der eine Photovoltaikanlage auf seinen Dächern selbst betreibt, finanziell deutlich besser gestellt wird als ein anderer, der diese Aufgabe auf einen externen Betreiber überträgt.

Ein wichtiger Faktor für die betriebswirtschaftliche Bilanz von Mieterstromprojekten ist also der Anteil des Direktverbrauchs. Soweit nämlich erzeugte Energie nicht direkt verbraucht wird, muss sie in das öffentliche Stromnetz eingespeist werden, wofür der Betreiber nur die Einspeisevergütung erhält; diese liegt heute wesentlich tiefer als der Tarif für zu anderen Zeiten aus dem Netz bezogenen Strom. Der Anteil des Direktverbrauchs hängt von diversen Faktoren ab:

Reduzierte Steuern und Abgaben auf Mieterstrom können als eine Förderung der Direktvermarktung erneuerbarer Energie angesehen werden.

Bei der direkten Belieferung von Mietern mit lokal erzeugtem Strom handelt es sich um eine Form von Direktvermarktung. Die deutsche Bundesregierung strebt an sich an, die Direktvermarktung von erneuerbarer Energie durch entsprechende Anreize möglichst stark auszuweiten, um damit die System- und Marktintegration der erneuerbaren Energien zu fördern. Allerdings hat die Streichung des Rabatts bei der EEG-Umlage für PV-Anlagen (des Grünstromprivilegs), die von der EU-Kommission gefordert worden war, in 2014 solche Anreize natürlich vermindert. Es gibt allerdings Bestrebungen, die Direktvermarktung demnächst auf andere Weisen zu fördern. Die Suche nach einer europarechtskonformen Regelung scheint allerdings bisher noch zu keinem konkreten Konzept geführt zu haben.

Sind Mieterstromprojekte noch betriebswirtschaftlich attraktiv?

Einige Stimmen haben (vor allem während der Vorbereitung der EEG-Novelle 2014) davor gewarnt, dass neue Mieterstromprojekte durch die Belastung mit der vollen EEG-Abgabe (seit der EEG-Novelle 2014) schwierig realisierbar seien; der betriebswirtschaftliche Rahmen sei dafür zu eng geworden. Allerdings ist die entstandene zusätzliche Kostenbelastung nicht allzu hoch; von daher sollte es nach wie vor möglich sein, Gesamtkosten zu erzielen, die deutlich unter denen für Strom aus dem öffentlichen Stromnetz liegen. Hinzu kommt, dass viele Mieter auch aus ideellen Gründen und/oder Image-Gründen einen höheren Anteil von Solarstrom oder besonders effizient genutzter fossiler Energie bevorzugen. Allerdings strebt die deutsche Bundesregierung ungeachtet ihrer häufig wiederholten Forderungen nach mehr Direktvermarktung an, in 2016 zusätzlich zu den bisherigen Änderungen auch noch eine Stromsteuer von 2,05 ct/kWh auf den Mieterstrom zu erheben. Dies soll jedenfalls für Anlagen gelten, die mehr als 20 000 kWh pro Jahr produzieren. Die zusätzliche Steuer betrifft also zumindest größere Einfamilienhäuser und könnte dort bei zukünftigen Projekten den Anteil des Solarstroms reduzieren.

Administrativer Aufwand

Der administrative Aufwand ist bei der Versorgung von Mietern höher als bei der Deckung des Eigenverbrauchs.

Im Vergleich zum Eigenverbrauch durch den Anlagenbetreiber selbst ist die Belieferung von (privaten oder gewerblichen) Mietern administrativ aufwendiger. Vor allem bei größeren Gebäuden entsteht ein gewisser Aufwand darin, die Mieter für die Annahme entsprechender Angebote zu motivieren; es müssen die Vorteile dargelegt und ggf. Bedenken ausgeräumt werden. (Es liegt natürlich im Interesse des Anlagenbetreibers, dass er möglichst alle Mieter für das Mieterstromprojekt gewinnen kann.) Im Betrieb müssen dann die jeweils verbrauchten Energiemengen erfasst und entsprechende Stromrechnungen erstellt werden. Hierbei gilt es eine Reihe rechtlicher Rahmenbedingungen zu beachten. In manchen Fällen werden diese administrativen Aufgaben von externen Dienstleistern übernommen.

Siehe auch: dezentrale Energieerzeugung, Photovoltaik, Kraft-Wärme-Kopplung, Direktverbrauch, Grünstromprivileg
sowie andere Artikel in der Kategorie elektrische Energie

Kommentare von Lesern

Hier können Sie einen Kommentar zur Veröffentlichung vorschlagen. Über die Annahme wird der Autor des RP-Energie-Lexikons nach gewissen Kriterien entscheiden. Im Kern geht es darum, dass der Kommentar für andere Leser potenziell nützlich ist.

Ihr Name:
(freiwillige Angabe – auch Pseudonyme sind erlaubt)
Ihre E-Mail-Adresse:
(freiwillige Angabe)
Ihr Hintergrund:
(freiwillige Angabe, z. B. Energieberater, Handwerker oder Journalist)
Ihr Kommentar:
Spam-Prüfung:   (bitte die Summe von fünf und zwölf hier als Ziffern eintragen!)

Bem.: Mit dem Abschicken geben Sie Ihre Einwilligung, Ihren Kommentar hier zu veröffentlichen. (Sie können diese später auch widerrufen.) Da Kommentare zunächst vom Autor durchgesehen werden, erscheinen sie verzögert, z. B. erst am Folgetag oder evtl. noch etwas später.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Ihr Gesamteindruck: weiß nicht unbefriedigend in Ordnung gut ausgezeichnet
Fachliche Qualität: weiß nicht unbefriedigend in Ordnung gut ausgezeichnet
Lesbarkeit: weiß nicht unbefriedigend in Ordnung gut ausgezeichnet
Verdient dieser Artikel (oder das Energie-Lexikon insgesamt) Ihrer Ansicht nach Links von anderen Webseiten?
  nein eventuell ja
Kommentar:

Vielleicht haben Sie auch konkrete Vorschläge für inhaltliche Ergänzungen, nützliche Literaturangaben etc. Falls Sie eine bessere Website für dieses Thema kennen, sind wir dankbar für einen Hinweis darauf.

Wenn Sie einen Kommentar zur Veröffentlichung auf unserer Seite vorschlagen möchten, verwenden Sie dazu bitte das Formular im Kasten "Kommentare von Lesern".

Spam-Prüfung: (bitte den Wert von 5 + 8 hier eintragen!)

Wenn Sie eine Antwort möchten, können Sie Ihre E-Mail-Adresse im Kommentarfeld hinterlassen oder direkt eine E-Mail senden. Letztere Methode führt meist zu schnelleren Antworten.

Wenn Ihnen das RP-Energie-Lexikon gefällt, möchten Sie vielleicht auch den RP-Energie-Blog als E-Mail-Newsletter abonnieren.

Teilen Sie den Link auf diesen Artikel mit anderen:

Energiesparfarben – reiner Humbug oder so wirksam wie eine Wärmedämmung?

Schön wär's definitiv: anstatt eine Wärmedämmung anzubringen, eine Fassade nur neu streichen und auch so Energie sparen. Aber kann das überhaupt funktionieren?

Unser Artikel über Energiesparfarben klärt dies kompetent von neutraler Warte aus. Er zeigt, dass es einerseits physikalisch durchaus möglich ist, mit Infrarot-reflektierenden Anstrichen Energie zu sparen, dass dies aber kein Ersatz für Wärmedämmung sein kann. Ebenfalls ist es in manchen Fällen möglich, damit eine verringerte Feuchtigkeit der Wandoberfläche zu erreichen.

Das RP-Energie-Lexikon hilft Ihnen, diverse Werbeversprechen zu überprüfen. Manche erweisen sich als stark übertrieben, manche sogar als völlig haltlos.

– Alle Banners –

– Ihr eigenes Banner! –

Die Startseite gibt Ihnen den Einstieg in das RP-Energie-Lexikon, auch mit Tipps zur Benutzung.
Hier finden Sie diverse Ratgeber-Artikel, insbesondere im Bereich der Haustechnik.
Hiermit wird Ihnen ein zufällig ausgewählter Lexikonartikel angezeigt.
Der RP-Energie-Blog präsentiert Interessantes und Aktuelles zum Thema Energie. Er ist auch als E-Mail-Newsletter erhältlich.
Hier finden Sie die Kontaktinformationen und das Impressum.
Werden Sie ein Sponsor des RP-Energie-Lexikons – des besten deutschsprachigen Energielexikons im Internet!
Hier erfahren Sie mehr über den Autor des RP-Energie-Lexikons und seine Grundsätze.
Hier können Sie die Artikel des RP-Energie-Lexikons nach Kategorien geordnet durchstöbern.
Verbreitete Irrtümer zu Energiefragen werden hier detailliert aufgedeckt.
Der Glossar fasst die Definitionen von Fachbegriffen aus den Artikeln zusammen.
Mit dem Energie-Quiz können Sie Ihr Wissen im Energiebereich testen und vertiefen.
Hier werden die Hintergründe des Projekts beschrieben, auch die gewählten Grundsätze.
Mit zigtausenden von Nutzern pro Monat ist das RP-Energie-Lexikon zu einer interessanten Werbeplattform geworden.
Vom Autor des RP-Energie-Lexikons können Sie auch Beratung erhalten, insbesondere zu Energie-Technologien.
Hier finden Sie die Liste aller Artikel zu einem bestimmten Anfangsbuchstaben.
Hier können Sie nach Artikeln suchen, deren Titel ein bestimmtes Stichwort enthalten.
(Beachten Sie auch die Volltextsuche beim Menüpunkt "Suche"!)