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Minergie

Definition: schweizerische Standards und Qualitätslabels für energetisch optimierte Gebäude

Kategorien: Energieeffizienz, Energiepolitik, Grundbegriffe, Haustechnik

Autor:

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 20.08.2011; letzte Änderung: 21.10.2018

Minergie-Label
Abbildung 1: Dieses Minergie-Label wird vergeben für Gebäude, die den Minergie-Basis­standard erfüllen.

In der Schweiz gibt es seit 1994 unter dem Namen Minergie ein System von Qualitätsstandards für energetisch optimierte Gebäude (Neubauten und sanierte Altbauten), auch als Niedrigenergiehäuser bezeichnet. Minergie ist ebenfalls eine weltweit geschützte Marke. Es gibt einen Minergie-Verein, der das Marketing des Labels betreibt. Die Minergie-Zertifikate werden von kantonalen Zertifizierungsstellen vergeben.

Alle Minergie-Standards sind freiwillig; sie gehen über die immer einzuhaltenden gesetzlichen Standards hinaus. Anders gesagt werden damit gesetzliche Standards vorweg genommen, wie sie etliche Jahre später für dann realisierte Neubauten gelten dürften.

Minergie-Standards

Alle Minergie-Gebäude müssen gewisse Anforderungen erfüllen:

  • Es gibt Primäranforderungen für die Gebäudehülle, die den jährlichen Heizwärmebedarf bezogen auf die Energiebezugsfläche betreffen. Technisch geht es hier hauptsächlich um eine gute Wärmedämmung und eine gute Dichtigkeit, aber auch passive solare Wärmegewinne spielen eine Rolle, somit auch die Ausrichtung und ggf. Verschattung des Hauses.
  • Zusätzlich gibt es einen Grenzwert für die gewichtete Energiekennzahl. Diese gibt im Prinzip den gesamten jährlichen Bedarf an Endenergie pro Quadratmeter Energiebezugsfläche (in MJ/m2) an, wobei allerdings für unterschiedliche Energieträger unterschiedliche Gewichtungsfaktoren (Primärenergiefaktoren) verwendet werden. Beispielsweise wird Wärme aus Brennholz nur zu 70 % gezählt, elektrische Energie dagegen doppelt. Wegen dieser Gewichtungsfaktoren quantifiziert die Energiekennzahl eher den Primärenergiebedarf als den Endenergiebedarf, wobei jedoch erneuerbare Energien weniger stark zählen. Es wird nicht nur der Heizenergiebedarf erfasst, sondern auch der für Warmwasser, die Lüftungsanlage und andere Anlagen zum Betrieb des Gebäudes.
  • Eine weitere Grundvoraussetzung ist für die meisten Gebäudekategorien die kontrollierte Belüftung mit Hilfe einer Lüftungsanlage. Hierbei ist eine Wärmerückgewinnung nicht zwingend vorgeschrieben, wird aber fast immer realisiert. Die kontrollierte Belüftung stellt sicher, dass eine gute Luftqualität im Gebäude ohne übermäßige Lüftungsverluste erzielt wird.
  • Je nach Gebäudekategorie gibt es diverse Zusatzanforderungen, die z. B. die Beleuchtung und Klimatisierung betreffen. (Der Energieaufwand für Belüftung und ggf. Klimatisierung ist ohnehin schon durch die Energiekennzahl begrenzt.)
  • Die Mehrkosten beim Bau dürfen gegenüber konventionellen Vergleichsobjekten maximal 10 % betragen.

Die genauen Anforderungen hängen von der Gebäudekategorie ab. Beispielsweise gilt für neue Wohngebäude eine maximale gewichtete Energiekennzahl von 38 kWh/m2, während für Restaurants und insbesondere für Krankenhäuser höhere Grenzwerte gelten. Zusatzanforderungen für die Beleuchtung gibt es für Verwaltungsgebäude, nicht aber für Wohngebäude. Für ältere Gebäude (Baujahr vor 2000) gelten niedrigere Anforderungen, beispielsweise für Wohngebäude eine maximale gewichtete Energiekennzahl von 60 kWh/m2.

Zusätzlich zum grundlegenden Minergie-Standard gibt es verschärfte Versionen:

  • Minergie-P bringt verschärfte energetische Anforderungen mit sich. Insbesondere gelten für den Heizwärmebedarf erheblich niedrigere Grenzwerte, was in der Regel eine weiter verbesserte Wärmedämmung bedingt. Die Luftdichtigkeit des Gebäudes muss geprüft werden (Blower-Door-Test). Der Heizleistungsbedarf darf maximal 10 W pro Quadratmeter Energiebezugsfläche betragen; damit wird der Einsatz einer reinen Warmluftheizung möglich. Der zumindest teilweise Einsatz erneuerbarer Energien ist erforderlich. Ein Minergie-P-Haus entspricht in etwa einem Passivhaus; es benötigt an kalten und trüben Tagen meist noch etwas Heizenergie, aber nur sehr wenig.
  • Minergie-A ist ein neuerer noch weiter gehender Standard, der zum Nullenergiehaus führt. Dies bedeutet, dass der bereits stark reduzierte Energiebedarf gänzlich durch erneuerbare Energien gedeckt wird. Ein Teil des Wärmebedarfs kann z. B. mit Holzpellets erzeugt werden, aber mindestens die Hälfte muss über thermische Sonnenkollektoren gedeckt werden. Ebenfalls möglich ist eine Wärmepumpe, wobei der jährliche Bedarf an elektrischer Energie durch Photovoltaik erzeugt wird. Eine sehr gute Wärmedämmung wird häufig realisiert werden, jedoch ist der Minergie-A-Standard auch erreichbar mit dem Minergie-Basis-Standard für die Dämmung, wenn vermehrt erneuerbare Energien genutzt werden.
  • Minergie-ECO beinhaltet zusätzlich zu den energetischen Anforderungen weitere Anforderungen einer gesunden und ökologischen Bauweise (Bauökologie). Hier muss die zum Bau benötigte graue Energie berechnet werden, und es werden bevorzugt natürliche Baustoffe und Recyclingbaustoffe eingesetzt. Es wird auf eine geringst mögliche Schadstoffbelastung der Raumluft geachtet. Weitere Aspekte sind gute Tageslichtverhältnisse und geringe Lärmimmissionen. Der Wohnkomfort wird damit weiter erhöht. Der ECO-Zusatz ist auch mit Minergie-P und Minergie-A kombinierbar.

Minergie-Nachweisverfahren

Es gibt zwei unterschiedliche Wege, die Berechtigung für das Minergie-Zertifikat nachzuweisen:

  • Ein Systemnachweis beinhaltet eine umfassende Berechnung der benötigten Energiemengen. Beispielsweise ergibt sich der Wärmebedarf aus einer detaillierten Betrachtung der Transmissionswärmeverluste, der Lüftungsverluste sowie der solaren und anderen Wärmegewinne.
  • Ein vereinfachter Nachweis für neu gebaute Einfamilienhäuser ist möglich bei Realisierung von einer von fünf gegebenen Standardlösungen, die sich auf die Arten der Wärmegewinnung beziehen. Hier müssen für alle Bauelemente der Gebäudehülle (Wände, Fenster, Abgang zum Keller etc.) gewisse Dämmstandards eingehalten werden, während es beim Systemnachweis nur auf den gesamten Energiebedarf ankommt, so dass einzelne Bauelemente damit auch schlechter sein dürfen.

Ein Minergie-Planer entscheidet sich also für eine dieser Varianten und reicht die entsprechend erarbeiteten Planungsunterlagen bei einer Minergie-Zertifizierungsstelle ein. Diese Stelle kontrolliert die Unterlagen und vergibt bei Erfüllung der Anforderungen ein provisorisches Zertifikat. Nach Abschluss der Baumaßnahmen wird dies der Zertifizierungsstelle bestätigt, und das definitive Minergie-Label wird ausgehändigt. Die Zertifizierungsstelle führt gelegentlich Stichproben am Bau durch, um die Einhaltung der versprochenen Standards zu gewährleisten.

Minergie-Sanierungen

Auch Altbauten mit schlechten energetischen Kennzahlen können in vielen Fällen durch eine energetische Sanierung auf den Minergie-Standard gebracht werden. Hierbei gelten etwas reduzierte Anforderungen; ein Minergie-Altbau ist also energetisch meistens nicht ganz so gut wie ein Minergie-Neubau, jedoch weitaus besser als ein durchschnittlicher unsanierter Altbau.

Zu einer Minergie-Sanierung gehören in der Regel die folgenden Elemente:

  • Zunächst muss eine Bestandsaufnahme erfolgen. Hierzu gehört es, den bisherigen Energieverbrauch zu erfassen und quantitativ einigermaßen zu verstehen. Dies wird zu einer der Grundlagen für die Planung des Vorhabens.
  • In aller Regel gehört zur Sanierung eine umfassende Verbesserung der Wärmedämmung. Je nach Zustand des Gebäudes müssen alle oder nur einige Komponenten (Fassade, Fenster, Dach, Kellerdecken) verbessert oder erneuert werden.
  • In der Regel wird eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung eingebaut. Da der nachträgliche Einbau der Lüftungsleitungen im Gebäudeinneren häufig schwierig oder aufwendig ist, bietet sich häufig die Verlegung zwischen Außenwand und der neuen Fassadendämmung an. Dies erfordert nur minimale Eingriffe in das Gebäudeinnere.
  • Die Heizungsanlage wird häufig erneuert. Hinzu kann eine Solaranlage für die Warmwasserbereitung kommen, ggf. auch mit Heizungsunterstützung.

Mehrfamilienhäuser sind häufig einfacher zu sanieren als Einfamilienhäuser, da die Fläche der Gebäudehülle im Verhältnis zum Volumen geringer ist, der Minergie-Standard jedoch keinen geringeren spezifischen Wärmebedarf fordert. Oft ist sogar für ursprünglich energetisch sehr schlechte Gebäude das Erreichen des Minergie-P-Standards gut möglich.

Ökonomische Aspekte

Beim Neubau führt die Einhaltung des Basis-Minergie-Standards meistens zu Mehrkosten von deutlich unter 10 % im Vergleich mit den gesetzlichen Vorschriften. Dem steht einerseits eine deutliche Einsparung bei den Betriebskosten (insbesondere Heizkosten) gegenüber und andererseits ein höherer Wert des Gebäudes. Der höhere Wert ergibt sich teilweise durch die niedrigeren Energiekosten, teilweise aber auch durch weiter erhöhten Wohnkomfort, was u. a. aus der verbesserten Belüftung resultiert. Beim Wiederverkauf kann das Minergie-Label ein wesentlicher Aspekt sein.

Bisher werden nur gut 20 % der Neubauten in der Schweiz nach Minergie zertifiziert (Stand 2009). Dies bedeutet allerdings nicht, dass die große Mehrheit der neuen Gebäude energetisch massiv schlechter ist. Häufig wird zwar eine gute Wärmedämmung und eine effiziente Wärmepumpenheizung installiert, jedoch auf eine Lüftungsanlage verzichtet (etwa wegen Zweifeln an der Notwendigkeit oder aus Kostengründen), wodurch eine Minergie-Zertifizierung unmöglich wird. Leider ist dann auch die spätere Nachrüstung einer Lüftungsanlage schwierig, da eine Verlegung unter der bereits erfolgten Wärmedämmschicht nicht mehr möglich ist.

Literatur

[1]Minergie-Website

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: Energieeffizienz, Niedrigenergiehaus, Passivhaus, Wärmedämmung, Belüftung von Gebäuden, Blower-Door-Test
sowie andere Artikel in den Kategorien Energieeffizienz, Energiepolitik, Grundbegriffe, Haustechnik

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