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Nachtstrom

Definition: bei Nacht gelieferte elektrische Energie

Allgemeinerer Begriff: Niedertarifstrom

Englisch: nighttime-produced energy, off-peak electricity

Kategorien: elektrische Energie, Haustechnik

Autor:

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 04.04.2010; letzte Änderung: 14.03.2020

Nachtstrom ist elektrische Energie, die bei Nacht geliefert wird – beispielsweise zwischen 22 und 6 Uhr. Häufig werden für Nachtstrom reduzierte Stromtarife (Niedertarif oder Schwachlasttarif) angesetzt, insbesondere für Elektrospeicherheizungen, Elektroboiler für Warmwasser sowie für Großverbraucher. Dies setzt technisch voraus, dass der Nachtstromverbrauch über einen separaten Nachtstromzähler oder mit einem Zweitarifstromzähler erfasst wird, was bei vielen Haushalten nicht der Fall ist. Häufig wird auch nur der Verbrauch einer Elektroheizung zum Nachtstromtarif berechnet, nicht aber der sonstige nächtliche Verbrauch eines Haushalts.

Gründe für reduzierte Nachtstromtarife

Eine vereinfachte (und nicht immer zutreffende) Begründung für reduzierte Nachtstromtarife ist, dass wegen des reduzierten Bedarfs an elektrischer Leistung in der Nacht die Kapazitäten von Kraftwerken und Stromnetzen weniger ausgelastet sind. Es besteht nun ein Interesse der Stromversorger, dieses “Nachtstromtal” in der Verbrauchskurve möglichst stark einzuebnen, indem erstens möglichst viel Verbrauch vom Tag in die Nachtzeiten verlagert und zweitens auch ein zusätzlicher Nachtstromverbrauch erzeugt wird. Nachtstromtarife dienen offenkundig diesen Zielen, indem sie den Verbrauchern entsprechende Anreize geben.

Eine möglichst flache Verbrauchskurve (d. h. geringe Schwankungen des Leistungsbedarfs zwischen Tag und Nacht) hat energiewirtschaftliche Vorteile:

  • Die Kraftwerke und Stromnetze (z. B. Hochspannungsleitungen) können optimal ausgelastet werden. Mit anderen Worten kann eine bestimmte Gesamtmenge an elektrischer Energie pro Tag mit geringst möglichen Kapazitäten geliefert werden. Umgekehrt wird für eine gegebene maximale Leistung der Anlagen ein maximaler Stromabsatz möglich.
  • Ein größerer Anteil der gesamten Stromerzeugung entfällt dann auf die Grundlast und entsprechend weniger auf die Mittellast und Spitzenlast, deren Erzeugung mit höheren Investitions- und Betriebskosten verbunden ist.

Das “Nachtstromtal” wurde allerdings vielerorts bereits mehr als aufgefüllt, zumindest in kalten Winterwochen (siehe unten). Nachtstrom ist also nicht unbedingt Schwachlaststrom im eigentlichen Sinn, sondern kann sogar Spitzenlaststrom sein.

In aller Regel nicht zutreffend ist die gelegentlich angetroffene Meinung, es gäbe nachts “überschüssige Energie”, die sonst nicht genutzt werden könnte. Es handelt sich allenfalls um überschüssige Kapazitäten: Kraftwerke laufen dann mit reduzierter Leistung oder teils auch gar nicht.

Ökologische Bewertung von Nachtstrom

Ein ökologischer Vorteil von Nachtstrom gegenüber Tagstrom tritt im Wesentlichen nur dann auf, wenn der Nachtstrom mit ökologisch günstigeren Kraftwerken erzeugt wird. Beispielsweise könnte Strom aus Laufwasserkraftwerken oder Windenergieanlagen, der nachtsüber nicht anderweitig benötigt wird, als Nachtstrom z. B. für Elektroheizungen eingesetzt werden, während für zusätzlichen Tagstrom Kohlekraftwerke und Gaskraftwerke herangezogen werden müssten.

Es kann jedoch durchaus auch die umgekehrte Situation auftreten, etwa wenn der Nachtstrom aus Braunkohlekraftwerken stammt, während die Mittellast und Spitzenlast mit Gas-und-Dampf-Kombikraftwerken erzeugt wird. In diesem Fall ist die Umweltbelastung des Nachtstroms wesentlich höher als die des Tagstroms.

Oftmals ist nicht allein der ökologische Vergleich von Tag- und Nachtstrom relevant, sondern vielmehr der Vergleich von Nachtstrom z. B. für Elektroheizungen mit anderen Wärmequellen. Beispielsweise verbrauchen elektrische Wärmepumpenheizungen sowohl Tag- als auch Nachtstrom, von beidem zusammen jedoch viel weniger als Elektroheizungen. Dadurch erzielt die Wärmepumpenheizung in aller Regel selbst dann eine günstigere Ökobilanz, wenn der Nachtstrom tatsächlich ökologisch günstiger erzeugt werden könnte.

Nachtstrom und Elektrospeicherheizungen; Primat der Absatzförderung

Vielerorts wurde insbesondere durch die Verbreitung von Elektrospeicherheizungen ein so großer Bedarf an Nachtstrom geschaffen, dass das “Nachtstromtal” an kalten Wintertagen völlig ausgefüllt ist oder sogar in den Nachtstunden die Spitzenlast auftritt. In dieser Situation gilt nicht mehr die häufig geäußerte Behauptung, den Elektrospeicherheizungen seien nur die Betriebskosten der Kraftwerke, nicht jedoch die Investitionskosten für die Kraftwerke und Stromnetze anzulasten.

Verschiedene Erkenntnisse deuten nun darauf hin, dass das Gewähren stark vergünstigter Nachtstromtarife weit mehr der Absatzförderung dient als der Verlagerung von Tagstromverbrauch in die Nacht:

  • Wie oben dargelegt, wird das Nachtstromtal vielerorts mehr als ausgefüllt. In dieser Situation führen gerade die Elektroheizungen zu einer deutlichen Erhöhung der Investitionskosten, da sie höhere Erzeugungs- und Leitungskapazitäten notwendig machen. Von daher müsste dann sogar eher ein Zuschlag für Nachtstrom erhoben werden – zumindest in den kältesten Wochen des Winters.
  • Die vergünstigten Nachtstromtarife waren für die Stromversorger vor der Liberalisierung des Strommarkts trotzdem wirtschaftlich sinnvoll, indem sie den Absatz beförderten. Unter den Bedingungen der Preisaufsicht war der Gewinn durch den Absatz begrenzt, und höhere Kosten konnten auf die Verbraucher abgewälzt werden. Diese Abwälzung erfolgte allerdings wesentlich mehr auf die Kleinverbraucher, da Betreiber von Elektroheizungen eine deutlich erhöhte Preissensibilität haben. Sie haben auch diverse Möglichkeiten, auf andere Arten der Wärmeerzeugung umzusteigen. Es erfolgte also eine Quersubventionierung von Elektroheizungen durch die Kleinverbraucher.
  • Seit der Liberalisierung des Strommarkts sind die Nachtstromtarife besonders stark gestiegen. Das lässt sich dadurch erklären, dass nun die Investitions- und Betriebskosten weniger leicht auf die Verbraucher abgewälzt werden können. Insbesondere können sich die Kleinverbraucher von einem EVU durch einen Stromanbieterwechsel abwenden, wenn sie allzu sehr durch eine Quersubventionierung von Elektroheizungen belastet werden.
  • Anreize für die Verlagerung von Tagverbrauch in die Nacht dürften zumindest bei den Haushalten nur geringfügige Wirkungen haben, da allenfalls der Gebrauch von Waschmaschinen, Wäschetrocknern und Geschirrspülern gut in die Nacht verlegt werden könnte und selbst dies wohl meist nicht erfolgt, weil die Preisanreize hierfür zu gering sind. Also dürften vergünstigte Nachtstromtarife kaum dadurch motiviert sein.
  • Ein weiteres Indiz für das Primat der Absatzförderung ist, dass der Niedertarif für Elektrospeicherheizungen häufig nicht nur in der Nacht gewährt wird, sondern auch am Nachmittag: Dies legt entweder nahe, dass das Nachtstromtal bereits ausgefüllt ist, oder dass man auch Elektroheizungen mit kleinerer Speichermasse (insbesondere in Zimmern aufgestellte Heizkörper) fördern möchte, obwohl diese nicht allein mit Nachtstrom betrieben werden können.
  • Ferner wird der Nachtstromtarif häufig nur für den Verbrauch der Elektroheizung gewährt, nicht aber für den sonstigen nächtlichen Verbrauch; offenbar soll der Anreiz primär dem Betrieb einer Elektroheizung gelten, und Mitnahmeeffekte bei nicht preissensitiven Verbrauchssektoren werden vermieden.

Es ist klar, dass Stromtarife nicht unbedingt volkswirtschaftlich wünschbare Entwicklungen begünstigen, insbesondere unter Bedingungen eines nicht liberalisierten Strommarkts. Durch die Liberalisierung wird eine Quersubventionierung bestimmter Verbrauchssektoren schwieriger.

Weniger Nachtstrom durch erneuerbare Energien

Typische Quellen erneuerbarer Energien liefert tagsüber mehr elektrische Energie als nachts:

  • Am meisten gilt dies für die Photovoltaik, die nachts überhaupt keinen Strom liefert.
  • Windenergie steht tendenziell tagsüber mehr zur Verfügung als nachts, weil die den Wind antreibenden Temperaturunterschiede, die ja von der Sonneneinstrahlung verursacht werden, am Tag größer sind.
  • Mit Biogas befeuerte Kraftwerke können bei Bedarf vermehrt tagsüber eingesetzt werden.

Dies bedeutet, dass ein vermehrter Einsatz von erneuerbaren Energien die Nachtstromerzeugung tendenziell reduziert.

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