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Neue Energiequellen, Effizienztechnologien, oder Verzicht?

(Dieser Artikel ist in ähnlicher Form erschienen in Energie & Umwelt 2/2005, dem Magazin der Schweizerischen Energiestiftung.)

Autor:

Die sich verschärfende Energieproblematik wird teils die Erschließung neuer Energiequellen zur Folge haben, teils die Steigerung der Energieeffizienz, teils aber auch Verzicht erzwingen. Welche Mischung bekommen wir, und wie können wir darauf Einfluss nehmen?

Dass es ein globales Energieproblem gibt und dieses zunehmen wird, ist kaum mehr zu bestreiten. Alle Möglichkeiten, damit umzugehen, lassen sich in drei Kategorien einordnen: Wir können neue Energiequellen erschließen, die Effizienz der Nutzung von Energie steigern, oder Verzicht üben. Interessant ist die Frage, welche Entwicklung wohl eintreten wird bzw. wie wir die unangenehmsten Auswirkungen vermeiden können. Betrachten wir also die Optionen.

Neue Energiequellen

Der größte Traum der Technokraten ist seit Jahrzehnten die Erschließung der Kernfusion, und zwar nicht über unseren großen Fusionsreaktor (die Sonne), sondern über deutlich kleinere, an der Erdoberfläche zu betreibende Reaktoren. Die ergäbe eine fast unerschöpfliche Energiequelle, die dazu hoffentlich weniger gefährlich wäre als die Nutzung der Kernspaltung betreffend unkontrollierte Kettenreaktionen, radioaktive Abfälle und atombombentaugliche Erzeugnisse. Zunächst hätten wir damit nur eine potente Quelle elektrischer Energie; über die Wasserstofftechnologie könnten wir damit auch Autos und Flugzeuge bewegen, Häuser heizen, die Chemieindustrie betreiben etc. Der offensichtlichste Haken daran ist, dass es bis zum ersten Prototyp-Fusionsreaktor seit vielen Jahren jeweils noch Jahrzehnte dauert, weil die technischen Schwierigkeiten immens sind: Während ein kleiner Kernspaltungsreaktor problemlos auf einem größeren Labortisch in Betrieb genommen werden kann, ist das Starten und mehr noch das Aufrechterhalten einer Kernfusionsreaktion extrem schwierig.

Als Physiker ist man geneigt zu glauben, dass diese technischen Probleme bei genügendem Einsatz irgendwann gelöst werden können. Allerdings ist kaum vorstellbar, wie dies jemals zu einer Energiequelle mit vertretbaren Kosten führen soll. Schon Kernspaltungsreaktoren sind wegen ihrer komplizierten Technik sehr teuer, und die weitaus schwieriger zu konstruierenden Fusionsreaktoren werden mit Sicherheit noch viel teurer. Interessierte Kreise reden deswegen viel lieber über die Unerschöpflichkeit der Fusionsenergie und notfalls über die Sicherheitsaspekte, aber praktisch nie über Wirtschaftlichkeit.

Wie steht es nun mit den alternativen Energien? Sonne und Wind sind ebenfalls unerschöpflich, allerdings nur begrenzt verfügbar. Der geringe Ertrag pro Flächeneinheit ist der fundamentalere Grund, während die Kosten die erste Sorge sind. Für gute Standorte ist Windstrom mittlerweile recht günstig und wird sicher noch günstiger. Leider sind gute Standorte knapp – insbesondere in der Schweiz. Sonnenstrom aus Solarzellen muss noch weitaus billiger werden, bis er in großem Umfang einsetzbar ist; der erhoffte Durchbruch ist bisher nicht erreicht, könnte allerdings doch noch kommen: etwa wenn es gelingt, neuartige organische Solarzellen haltbarer zu machen. Selbst mit mäßigen Wirkungsgraden ließe sich z. B. auf Dachflächen damit viel erreichen. Wir sollten darauf hoffen, uns aber nicht darauf verlassen. Ähnliches gilt für viele andere Technologien, etwa die Geothermie, mit der erst noch Erfahrungen gesammelt werden müssen.

Biokraftstoffe befinden sich in Zeiten teureren Erdöls im Aufwind. Kompogas treibt relativ umweltfreundlich Fahrzeuge an. Biodiesel ist ein hochwertiger nachwachsender Ölersatz, ebenso das Bioethanol. Sogar aus bisher ungenutzten Holzabfällen lässt sich Biokraftstoff gewinnen. In der Schweiz sollte dies genügen, um mittelfristig die fossilen Kraftstoffe um einige Prozent zu strecken, was schon einmal einiges wäre. Vergleicht man dieses Potenzial aber mit dem Verbrauchswachstum der letzten Jahre, erscheint es doch wieder sehr bescheiden. Hier liegt in der Tat für alle Energiequellen das entscheidende Problem: Solange der Verbrauch stetig wächst, wird keine neue Technologie die fossilen Brennstoffe ablösen können.

Energieeffizienz

Vergleichen wir etwa den durchschnittlichen Kraftstoffverbrauch heutzutage gekaufter Autos mit dem der schon verfügbaren besten Modelle, so wird klar, dass hier ein enormes Potenzial besteht, welches aber weitgehend ungenutzt bleibt. Zwar werden auch die tatsächlich gekauften Autos allmählich immer sparsamer, jedoch wächst der Verbrauch trotzdem, weil immer mehr Autos immer weiter gefahren werden. Wenn jeweils die genügsamsten Modelle gekauft würden und in Folge auch das Angebot viel besser würde, könnte der Ölverbrauch ohne Weiteres viel stärker reduziert werden als bei maximalem Einsatz von Biodiesel und Biogas. Diese Entwicklung tritt aber bisher nicht ein, weil die Verbraucher, eingelullt von Politikern und Erdöllobby, die Dringlichkeit der Sache nicht erkennen oder trotzdem anderen Aspekten den Vorrang geben – etwa dem Bedürfnis, in einem klimatisierten Panzerschrank zu fahren.

Bei der Hausheizung – ebenfalls ein wichtiger Verbrauchssektor – wurde einiges erreicht: Zu vertretbaren Kosten werden heute Häuser gebaut, die weitaus weniger Heizöl brauchen als ältere. Allerdings steht dem auch wieder der Zuwachs an Pro-Kopf-Wohnfläche gegenüber. Ganz allgemein besteht bisher die Tendenz, dass Effizienzvorteile durch Mehrkonsum weitgehend ausgeglichen oder gar überkompensiert werden (→ Rebound-Effekte). Hieraus schließen manche, Energieeffizienz bringe wenig – was freilich kein Wunder ist, solange für verbrauchssteigernde Maßnahmen (z. B. Förderung des Luftverkehrs) weitaus mehr Geld zur Verfügung steht als für Energieeffizienz. In der Schweiz investieren wir für das Programm EnergieSchweiz pro Kopf und Jahr gerade einmal ein paar Franken! Wären es ein paar hundert Franken, könnten wir die Resultate bald sehen.

Verzicht

Verbrauchseinschränkung durch Verzicht (Suffizienz) gilt insbesondere in der Schweiz als undenkbar, während sie für den Großteil der Weltbevölkerung notgedrungen die Normalität darstellt. Der “Vorteil” dieser Art der Verbrauchsbeschränkung ist, dass man dafür nichts vorbereiten muss. Auch in der Schweiz wird der Erdölverbrauch in den nächsten Jahrzehnten drastisch abnehmen – wenn nicht durch rechtzeitige Anpassung, dann erzwungen durch massive Preissteigerungen, die dann gleichzeitig die Mittel für wirksame technische Maßnahmen rauben, oder gar durch eine schwere Rezession.

Fazit

So unklar die Potenziale diverser zukünftiger Energiequellen sind, zeichnet sich deutlich ab, dass alle erkennbaren Quellen zusammen genommen es nicht erlauben werden, die fossilen Energieträger zu ersetzen und gleichzeitig einem zunehmenden Anteil der Weltbevölkerung einen Verbrauch auf unserem heutigen Niveau zu ermöglichen. Dies gilt insbesondere unter Berücksichtigung der Kosten, die die Anwendung vieler Technologien sehr beschränken werden.

Um unseren Wohlstand so weit wie möglich zu bewahren, müssten wir eine Kombination von Maßnahmen beherzt einsetzen: zuallererst den konsequenten Einsatz vorhandener Effizienztechnologien sowie deren Weiterentwicklung (um dann später gestiegene Importpreise durch Exporterlöse ausgleichen zu können), zusätzlich die Erschließung von mit tragfähigen Kosten nutzbaren erneuerbaren Energiequellen (und zwar bevor diese mit noch billigem Erdöl konkurrenzfähig werden), und ein Stück weit wohl auch durch Verzicht an den Stellen, wo es nicht allzu weh tut.

Siehe auch: Kernfusion, erneuerbare Energie, Energieeffizienz

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