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Rebound-Effekt

Definition: der teilweise Verlust an Wirksamkeit beispielsweise von erhöhter Energieeffizienz durch erhöhten Verbrauch

Englisch: rebound effect

Kategorien: Energieeffizienz, Grundbegriffe

Autor:

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 20.06.2010; letzte Änderung: 23.07.2019

Diverse Arten von Rebound-Effekten (oder Bumerang-Effekten) können die Wirksamkeit z. B. von erhöhter Energieeffizienz zur Verminderung des Energieverbrauchs reduzieren. Die Problematik kann durch die folgende Überlegung illustriert werden. Man nehme an, dass es gelänge, den Kraftstoffverbrauch pro Kilometer bei allen Fahrzeugen um 10 % abzusenken. Dann würde man vielleicht erwarten, dass dies eine Reduktion des gesamten Kraftstoffverbrauchs pro Jahr und ebenso der damit verbundenen klimaschädlichen Kohlendioxid-Emissionen um ebenfalls 10 % zur Folge hätte. Dies ist jedoch nicht unbedingt der Fall. Der reduzierte spezifische Verbrauch und die deswegen auch geringeren Kraftstoffkosten dürften nämlich viele Benutzer dazu animieren, das Fahrzeug entsprechend mehr zu benutzen. Wenn dadurch beispielsweise 5 % mehr gefahren würde, würde die Hälfte der erhofften Energieeinsparung wieder zunichte gemacht.

Für Effizienzerhöhungen einzelner Komponenten gilt Ähnliches. Wenn beispielsweise einem Autohersteller die Erhöhung der Energieeffizienz eines Motors gelingt, wird er u. U. deswegen ein höheres Fahrzeuggewicht in Kauf nehmen, um andere Vorteile zu erzielen. Er verkauft dann womöglich nicht entsprechend sparsamere Autos, sondern größere oder leistungsstärkere Autos mit gleich bleibendem oder nur marginal gesunkenem Kraftstoffverbrauch.

Ein anderes Beispiel sind die Effizienzgewinne durch die energetische Sanierung von Gebäuden, die in vielen Fällen teilweise wieder dadurch zunichte gemacht werden, dass die Bewohner das Gebäude danach stärker beheizen in der Meinung, es komme nun ja nicht mehr auf sparsames Verhalten an.

In vielen Fällen werden Effizienzgewinne durch eine vermehrte Nutzung zunichte gemacht, wobei aber oft nicht klar ist, ob diese vermehrte Nutzung wirklich Folge der Effizienzgewinne ist oder ohnehin zu Stande gekommen wäre. Beispielsweise konnte der Stromverbrauch von Fernsehern mit Flachbildschirmen moderater Größe massiv reduziert werden, aber es werden zunehmend sehr große Fernseher verkauft, die dann trotzdem wieder relativ viel Energie verbrauchen; um wie viel schwächer dieser Trend wäre, wenn die Technik nicht effizienter geworden wäre, ist schwer zu ermitteln.

In einigen Fällen kann der Rebound-Effekt so stark werden, dass der gesamte Verbrauch sogar zunimmt (d. h. mehr als 100 % Rebound); man spricht dann auch von Backfire-Effekten. Einige Beispiele hierfür:

Ebenfalls eine Art von Rebound-Effekt ist der Umstand, dass zusätzliche Energieangebote z. B. von erneuerbarer Energie oder Kernenergie nicht unbedingt die gleiche Menge fossiler Energie ersetzt, sondern stattdessen teilweise zu einer Zunahme des Energieverbrauchs führen kann. Deswegen sind Behauptungen der Art “Dieses neue umweltfreundliche Kraftwerk (oder die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke) erspart der Atmosphäre pro Jahr so und so viel CO2” häufig falsch oder zumindest spekulativ.

Sogar Suffizienz ist nicht unbedingt frei von Rebound-Effekten. Wer beispielsweise auf eine teure und umweltschädliche Weltreise verzichtet, mag sich stattdessen einen Anbau für ein Haus leisten, was graue Energie für den Bau und einen dauerhaft erhöhten Aufwand an Betriebsenergie zur Folge hat. Bei gewusst gewählter Suffizienz könnte freilich auch eine Investition des gesparten Gelds in eine energetische Sanierung erfolgen, bei der der reduzierte Aufwand an Betriebsenergie die graue Energie schnell amortisiert.

Verschiedene Rebound-Mechanismen

Rebound-Effekte können auf verschiedene Weisen zustande kommen:

  • Wie die obigen Beispiele zeigen, kann ein direkter Rebound-Effekt dadurch auftreten, dass die verbesserte Effizienz die Kosten drückt und die niedrigeren Kosten dann die Nachfrage nach demselben Gut erhöhen. Es kann sogar das ganze Konsumverhalten entsprechend verändert werden (Transformationseffekte). Beispielsweise können effizientere Fahrzeuge die Entwicklung ungünstiger Siedlungsstrukturen begünstigen: Der Pendlerverkehr wird stärker, wenn Menschen weiter entfernt von den Ballungszentren leben und trotzdem in diesen arbeiten.
  • Indirekte Rebound-Effekte entstehen, wenn gespartes Geld für andere Güter oder Dienstleistungen ausgegeben wird. Beispielsweise könnte Geld, welches beim Kraftstoff für das Auto gespart wird, für eine Flugreise ausgegeben werden. Ebenfalls kann die Erhöhung der Energieeffizienz das gesamte Wirtschaftswachstum verstärken und auf diese Weise den Energieverbrauch erhöhen.
  • Der zunächst reduzierte Verbrauch kann den Energiepreis senken, und dies kann wiederum die Nachfrage anderer Verbraucher anheizen (→ general equilibrium effects). Die an einem Ort eingesparte Energie kann dann also teilweise woanders zusätzlich verbraucht werden. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass das Angebot bei einer Preissenkung sinken kann, insbesondere wenn die Gewinne der Produzenten ohnehin schon marginal waren. Wenn die Preiselastizität der Produzenten höher ist als die der Konsumenten, könnte die Gesamtwirkung der Effizienzmaßnahmen sogar noch gesteigert werden.

Besonders starke Rebound-Effekte sind zu erwarten, wo große ungesättigte Bedürfnisse bestehen (z. B. in Entwicklungsländern) und der Energieeinsatz durch verfügbare Geldmittel begrenzt ist.

Nicht als Rebound-Effekte sind solche Phänomene zu bezeichnen, die zwar die Wirkung einer Effizienzmaßnahme untergraben, aber nicht von dieser verursacht sind. So liegt beispielsweise kein Rebound vor, wenn Fahrzeuge zwar sparsamer werden, aber wegen des zunehmenden Wohlstands mehr Fahrzeuge betrieben werden. Solche Effekte sprechen auch keineswegs gegen eine Erhöhung der Energieeffizienz, sondern unterstreichen im Gegenteil deren Wichtigkeit.

Empirische Rebound-Schätzungen

Es gibt bisher nur einige wenige Untersuchungen, die die Stärke von Rebound-Effekten abschätzten. Typische Resultate sind, dass Rebound-Effekte z. B. bei effizienteren Haushaltsgeräten recht gering sind, während sie in den Sektoren Raumwärme und Raumkühlung sowie bei Autos erheblich (durchaus mehr als 20 %) sein können.

Die quantitativen Resultate müssen allgemein als sehr unsicher gelten, da solche Untersuchungen methodisch meist recht schwierig sind. Naturgemäß sind sozio-ökonomische Effekte wie induzierte Verhaltensänderungen sehr schwer erfassbar, und Rebound-Schätzungen kommen nicht ohne eine Reihe schwer überprüfbarer Annahmen aus.

Maßnahmen zur Verringerung von Rebound-Effekten

Je nach Art der Rebound-Effekte können verschiedene Maßnahmen ergriffen werden, um diese zu verhindern oder zumindest abzuschwächen:

  • Direkte und indirekte Rebound-Effekte verschwinden gleichermaßen, wenn gleichzeitig mit der Effizienzerhöhung ein entsprechender Anstieg der Energiepreise verursacht wird. Hierdurch bleiben beispielsweise die spezifischen Kraftstoffkosten (in Euro pro Kilometer) unverändert, und ein Anreiz zur erhöhten Benutzung entsteht nicht. Ökonomische Vorteile der erhöhten Effizienz werden also zunächst den Verbrauchern entzogen und können ihnen an anderer Stelle rückerstattet werden – allenfalls mit indirekten Rebound-Effekten. Wenn mit diesem Geld Energiesparbemühungen unterstützt werden, entsteht statt indirekten Rebound-Effekten sogar ein zusätzlicher positiver Effekt.
  • Die oben genannten general equilibrium effects können ebenfalls mit zusätzlichen Maßnahmen reduziert werden, beispielsweise mit internationalen Klimaschutzabkommen für Emissionsreduktionen. Solange der Mechanismus von Cap & Trade (→ Klimaschutz) mit einem konstanten Cap angewandt wird, können Rebound-Effekte im Prinzip jede Verbesserung zunichte machen. Andererseits darf nicht übersehen werden, dass Cap-Werte politisch ausgehandelt werden müssen, und dass niedrigere Caps möglich werden, wenn sie durch technische Verbesserungen einfacher erreichbar werden. Insofern kann es vorkommen, dass Rebound-Effekte kurzfristig stark wirken, langfristig aber kaum auftreten.
  • Maßnahmen, die beim Energieangebot anstatt bei der Nachfrage ansetzen, vermeiden Rebound-Effekte von vornherein – allerdings nur in dem Bereich, in dem sie angewandt werden. Beispielsweise können nationale Kraftstoffsteuern den Verbrauch des Landes ohne störende Rebound-Effekte reduzieren, jedoch durch general equilibrium effects in anderen Ländern an Wirkung verlieren. Maßnahmen wie globale CO2-Steuern können dem entgegen wirken.

Schlussfolgerungen

Es ist unbedingt nötig, die Möglichkeit von Rebound-Effekten zu berücksichtigen, wenn die Effekte von technischen Energieeffizienzmaßnahmen oder Emissionsreduktionen abgeschätzt werden. Leider wird dies bei rein ingenieurswissenschaftlichen Abschätzungen häufig übersehen. Dies ist einer der Gründe dafür, dass Klimaschutzmaßnahmen oft weniger effektiv als erhofft sind.

Die Stärke von Rebound-Effekten hängt entscheidend von den Rahmenbedingungen ab. Während sie in manchen Fällen die erreichten Verbesserungen vollständig zunichte machen oder sogar überkompensieren können (Backfire), können sie mit geeigneten Zusatzmaßnahmen häufig gut unter Kontrolle gehalten werden. In der Praxis ist es meist schwierig, die Stärke von Rebound-Effekten präzise zu erfassen.

Soweit Rebound-Effekte nicht effektiv begrenzt werden können, kann eine Effizienzstrategie zur Lösung von Knappheits- und Umweltproblemen eine Suffizienzstrategie nicht ersetzen.

Literatur

[1]R. Madlener und B. Alcott, “Energy rebound and economic growth: a review of the main issues and research needs”, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0360544208002934; siehe auch die dort gegebenen weiteren Literaturangaben
[2]Victoria Transport Policy Institute, “Rebound effekts – implications for transport planning”, http://www.vtpi.org/tdm/tdm64.htm
[3]P. de Haan et al., “Rebound-Effekte: Ihre Bedeutung für die Umweltpolitik”, UBA Texte 31/2015, http://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/texte_31_2015_rebound-effekte_ihre_bedeutung_fuer_die_umweltpolitik.pdf
[4]R. Madlener und B. Alcott, “Herausforderungen für eine technisch-ökonomische Entkoppelung von Naturverbrauch und Wirtschaftswachstum unter besonderer Berücksichtigung der Systematisierung von Rebound-Effekten und Problemverschiebungen”, Deutscher Bundestag, 2011, http://webarchiv.bundestag.de/archive/2013/1212/bundestag/gremien/enquete/wachstum/gutachten/m17-26-13.pdf
[5]M. Hänggi, “Fetisch Effizienz”, http://www.mhaenggi.ch/texte/fetisch-effizienz

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: Energieeffizienz, Energiesparen, Suffizienz
sowie andere Artikel in den Kategorien Energieeffizienz, Grundbegriffe

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Kommentare von Lesern

18.07.2019

Beispiel: Weihnachtsbeleuchtung. In den 1970er Jahren, nach dem sogenannten Ölschock, wurden Weihnachtbeleuchtungen stark dezimiert oder sogar ganz abgeschaltet, weil die Stromkosten so dramatisch gestiegen waren, dass die Geschäftsleute die Kosten nicht mehr tragen wollten.

Mit der Erfindung der hocheffizienten LED-Beleuchtung änderte sich das im 21. Jahrhundert wieder. Heute sieht man teilweise völlig übertriebene Weihnachtsbeleuchtungen, die neben der zunehmenden “Lichtverschmutzung” auch einen erhöhten Stromverbrauch darstellen. Merke: 1000 mal 1 Watt sind auch ein Kilowatt!

Antwort vom Autor:

Ja, das ist ein typisches Beispiel. LED-Licht wird vielfach verschwendet, nicht nur an Weihnachten.

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