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Welcher Ölpreis wäre optimal für die Umwelt?

Rüdiger Paschotta

Die Gewinnung und der Verbrauch von Erdöl sind bekanntlich mit großen Umweltbelastungen verbunden, wobei die Klimagefahren global und langfristig gesehen eindeutig die größte Rolle spielen. Da der Ölpreis einen starken Einfluss sowohl auf die Aktivitäten zur Erdölgewinnung als auch auf den Verbrauch hat, liegt die Frage nahe, welchen Ölpreis man sich als Umweltschützer wünschen würde. Wie im Folgenden gezeigt, ist dies keine einfache Frage.

Niedrige Ölpreise sind für die Umwelt sicher ungünstig.

Ein niedriger Ölpreis bewirkt natürlich, dass der Verbrauch zunimmt, weil bedenkenlos konsumiert und weniger gespart wird. Dies wirkt sich dann natürlich bald auch auf die Produktion aus. Ein solches Szenario kann man sich als Umweltschützer sicher nicht wünschen.

Helfen aber hohe Ölpreise? Das ist nicht so klar.

Andererseits ist keineswegs klar, dass ein Szenario mit hohen Ölpreisen der Umwelt zugute käme. Zwar drückt dies den Ölverbrauch, jedoch schafft es gleichzeitig starke Anreize, neue Ölvorkommen zu erschließen – insbesondere auch solche, die die Anwendung nicht konventioneller Fördermethoden voraussetzen, die oft besonders umweltschädlich sind. Hier ist an die Gewinnung von Teersanden und an Fracking zu denken, aber auch an die riskante Ausbeutung von Vorkommen in der Tiefsee, auch in arktischen Gewässern, wo die Gefahr von Unfällen und deren Folgen besonders groß sind. Die bereits eingetretene Entwicklung hin zu einem zunehmenden Anteil von besonders “dreckigem” (umweltbelastend gewonnenen) Öl habe ich kürzlich in einem anderen Blog-Artikel diskutiert.

Zusätzlich gibt es natürlich auch viele indirekte Effekte, deren Stärke sehr schwer vorhersehbar ist. Der wohl wichtigste ist, dass hohe Ölpreise mittelfristig die weltweite Konjunktur drücken, damit auch die allgemeine Intensität der wirtschaftlichen Aktivitäten, was ökologisch gesehen sicher günstig ist. Allerdings geht dies natürlich zulasten des Wohlstands, und hierbei ist natürlich nicht nur an geringfügige Einbußen bei Wohlstandsbürgern zu denken, sondern vor allem an das große Leiden bei vielen sehr armen Menschen auf dieser Welt. Bei allen zusammen bewirken wirtschaftliche Sorgen üblicherweise, dass langfristige Probleme wie die Klimagefahren in den Hintergrund gedrängt, also nicht mehr angegangen werden. Freilich scheint es für viele Menschen nie eine für den Umweltschutz passende Zeit zu geben: Mal muss man sein wirtschaftliches Überleben sichern, ein anderes Mal sind Umweltbelastungen eben die mehr oder weniger unvermeidliche Folge des menschlichen Lebens. In wirtschaftlich guten Zeiten gibt man sich häufig schon damit zufrieden, wenigstens die spezifischen Umweltbelastungen (etwa den CO2-Ausstoß pro gefahrenem Kilometer oder beheiztem Quadratmeter Wohnfläche) etwas zu senken, selbst wenn die absoluten Belastungen weiter steigen, z. B. als Folge erhöhter Fahrleistungen oder größerer Wohnungen.

Ein ganz wichtiger Aspekt von Preisen sind nicht nur deren momentane Werte, sondern auch deren Tendenz zu Schwankungen (Volatilität) und die sich einstellenden Zukunftserwartungen. Interessanterweise scheint es, als habe die zeitweise recht hohe Volatilität der Ölpreise ganz unterschiedliche Effekte auf Produktion und Verbrauch:

Volatile Preise vermindern die Investitionen in die zukünftige Ölförderung.

Der Verbrauch wird ebenfalls eher gedämpft, da die Unsicherheit Energiesparmaßnahmen eher begünstigt.

Man erkennt also, dass die Volatilität der Ölpreise die Förderkapazitäten mittel- und langfristig vermindert, gleichzeitig aber den Verbrauch eher dämpft als steigert. Für die Umwelt sind also nicht unbedingt hohe oder niedrige Ölpreise günstig, deren starke Schwankungen allerdings schon. Für diese Schwankungen sorgen freilich nicht Umweltschützer, sondern viele andere Faktoren, insbesondere konjunkturelle Einflüsse, Kriege und politische Krisen.

Werden die Marktkräfte das Problem von sich aus lösen?

Selbstverständlich besteht keinerlei Anlass, sich bequem zurückzulehnen in der Hoffnung, die Marktmechanismen würden das Problem quasi automatisch für uns lösen. Zunächst einmal macht es einen großen Unterschied, ob man die Wirkungen zukünftiger Erdöl-Preisschocks theoretisch studiert oder am eigenen Leib zu spüren bekommt. Aus ökologischer Sicht muss man zudem im Auge behalten, dass die verfügbaren Mengen fossiler Energieträger zwar durchaus begrenzt sind, andererseits aber locker ausreichen, um das Weltklima für viele Jahrhunderte komplett zu destabilisieren. Wir müssen es also irgendwie hinbekommen, dass ein guter Teil der Bodenschätze für immer im Boden bleibt, obwohl seine Ausbeutung kurzfristig dem Ausbeuter mehr Wohlstand verspricht, während die resultierenden Schäden zwar größer sind als der Nutzen, aber nicht unmittelbar eintreten und vor allem weitgehend von anderen Menschen erlitten werden.

Dieser Artikel erschien als Teil des RP-Energie-Blogs von Dr. Rüdiger Paschotta. Sie können Links auf diese Seite setzen, da ihre Adresse permanent ist, und die Seite auch zitieren. Siehe auch das RP-Energie-Lexikon.

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