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Atomprojekt Hinkley Point C: der Grundstein für zwei milliardenschwere Debakel ist gelegt

Erschienen 2016-07-29 im RP-Energie-Blog (als E-Mail-Newsletter erhältlich!)

Permanente Adresse: https://www.energie-lexikon.info/rp-energie-blog_2016_07_29.html

Autor: Dr. Rüdiger Paschotta, RP-Energie-Lexikon, RP Photonics Consulting GmbH

Inhalt: Die jüngst getroffene Entscheidung der EDF für das Festhalten am Atomprojekt Hinkley Point C bedeutet enorme finanzielle Risiken sowohl für die Briten als auch für die Franzosen. Der Artikel erklärt die Hintergründe des Projekts und die enorm schwierige Situation, in der sich die französische Regierung (die die EDF steuert) befindet. Sich aus den enormen Verstrickungen zu lösen, wäre für eine schwache Regierung ein viel zu großer Kraftakt.

Rüdiger Paschotta

Am vergangenen Donnerstag hat der Verwaltungsrat der Électricité de France (EDF) entschieden, am Plan festzuhalten, in den nächsten Jahren mit dem Bau zweier Kernkraftwerksblöcke in Hinkley Point (Somerset, Großbritannien) zu beginnen. Diese wahrhaft bemerkenswerte und folgenreiche Entscheidung ist für mich ein Anlass, dieses Projekt im RP-Energie-Blog einmal ausführlich zu beleuchten.

Der Ursprung des Projekts

Die britische Regierung hat unter dem kürzlich abgetretenen Premierminister David Cameron den Plan verfolgt, anscheinend um jeden Preis die Nutzung der Kernenergie mit einem großen Neubauprojekt fortzuführen. Der Hintergrund ist, dass der bestehende Park von Kernkraftwerken bereits ziemlich alt ist (mit der letzten Inbetriebnahme in 1995), etliche Kernkraftwerke in den nächsten Jahren außer Betrieb genommen werden sollten und ein Ersatz durch Kohlekraftwerke aus Gründen des Klimaschutzes und Gesundheitsschutzes klar nicht infrage kommt. Natürlich hätte man stattdessen auch stärker auf erneuerbare Energien setzen können, insbesondere auf Windenergie (für die in Großbritannien ziemlich gute Bedingungen herrschen), aber aus nicht klar nachvollziehbaren Gründen (über die es diverse Spekulationen gibt) wollte man dies offenbar nicht.

Massive Verteuerung des Stroms für Großbritannien

Dieser Plan schien sich zunächst gut zu treffen mit dem großen Interesse der bereits in Großbritannien aktiven Électricité de France, eine Zukunft der französischen Atomtechnologie zu demonstrieren. Man hatte in den letzten Jahrzehnten – einer Zeit mit fast keinen Neubauprojekten mehr in Europa – zusammen mit Siemens den neuen Europäischen Druckwasserreaktor (EPR) entwickelt und hofft immer noch darauf, diesen international verkaufen zu können. Nur ist das Problem eben, dass sich die ersten beiden Bauprojekte mit diesem Reaktor (siehe unten) als extrem kostspielig und risikoreich erwiesen haben.

Deswegen mussten die Briten extrem großzügige Subventionszusagen machen, um dem Projekt (übrigens mit einem französisch-chinesischen Konsortium) überhaupt eine Chance zu geben: Abnahmepreise für den eingespeisten Strom von anfangs 92,5 GBP/MWh (= 0,0925 GBP/kWh) (Preisbasis 2012), dies garantiert für 35 Jahre (!) mit einem regelmäßigen Inflationsausgleich und obendrein noch mit einer staatlichen Kreditgarantie über 10 Milliarden GBP zwecks Senkung der Finanzierungskosten. Von einer Einspeisevergütung in dieser Höhe und vor allem von dieser Dauer könnten beispielsweise die Betreiber von Windenergieanlagen nur träumen. Beispielsweise erhalten deutsche Offshore-Anlagen, die 2016 in Betrieb gehen, nach dem Basismodell eine erhöhte Anfangsvergütung von 15,4 ct/kWh für nur 12 Jahre, danach nur noch die magere Grundvergütung von 3,9 ct/kWh – und keinen Inflationsausgleich, was bei langen Zeiträumen natürlich sehr wichtig ist. (Zum Vergleich: die oben genannten 92,5 GBP/MWh entsprechen derzeit ca. 11 ct/kWh – trotz dem aufgrund der Brexit-Ängste stark gefallenen britischen Pfund und ohne Berücksichtigung des Inflationsausgleichs.) Für Onshore-Windstrom sind die Zahlen noch um einiges niedriger. Der Windstrom kostet uns also bereits heute viel weniger als der neue Atomstrom die Briten, und hier sinken die Kosten, während sie dort enorm steigen.

Im Vergleich zum mittlerweile deutlich gefallenen Börsenstrompreis in Großbritannien liegen diese zugesagten Preise bei über dem Doppelten, werden also die Kosten der Stromerzeugung stark in die Höhe treiben. Für die britischen Stromverbraucher ist dies also ein extrem schlechtes Geschäft; aber wenn man unbedingt die atomaren Risiken möglichst lange haben möchte, muss einem dies eben schon etwas wert sein … Übrigens bleibt konsequenterweise auch der Großteil der enormen finanziellen Risiken für den Fall eines Super-GAUs bei der britischen Bevölkerung.

Es sind noch Gerichtsverfahren gegen diese extremen und offenkundig wettbewerbsverzerrenden Subventionen anhängig; es könnte also sein, dass diese Sache irgendwann (gar nach Baubeginn?) allein schon von daher noch ins Schleudern gerät. Es ist zu vermuten, dass die Subventionen nicht mit EU-Recht vereinbar sind, auch wenn die EU-Kommission eine andere Position eingenommen hat (vielleicht aus Angst vor dem Brexit).

Es könnte auch sein, dass die neue britische Regierung das Projekt noch beerdigen wird. Jedenfalls wird in Großbritannien darüber heiß debattiert; viele sind äußerst besorgt. Die neue Premierministerin Theresa May hätte wohl eher als David Cameron die Möglichkeit, das Projekt mit Hinweis auf die inzwischen stark verschlechterten Rahmenbedingungen (und deswegen den britischen Verbrauchern drohende enorme Kosten) zu beenden. Jedoch ist noch nicht klar, nach welchen Kriterien die neue britische Regierung entscheiden wird. Immerhin wurde am Freitag bekannt, dass die Regierung May die vorgesehene Vertragsunterzeichnung verschoben hat und erst im Herbst 2016 definitiv entscheiden möchte.

Katastrophale Aussichten für die Électricité de France (EDF)

Die EDF befindet sich in einer nicht nur ungemütlichen, sondern ohne jede Übertreibung bedrohlichen Lage:

Die existenzbedrohenden Gefahren bewogen im März 2016 den Finanzvorstand Thomas Piquemal der EDF zum Rücktritt. Vor der endgültigen Abstimmung über den Einstieg in dieses Wahnsinnsprojekt am vergangenen Donnerstag trat ein weiteres Mitglied des Verwaltungsrats der EDF unter Protest zurück. Der restliche Verwaltungsrat entschloss sich dann mit zehn gegen sieben Stimmen für das Projekt. Ursächlich scheint dafür der staatliche Druck zu sein; der französische Staat hat einen Anteil von 85 % an der EDF und scheint solche Entscheidungen zu allerletzt nach den finanziellen Aussichten des Projekts zu fällen. Damit nimmt man in Kauf, dass den französischen Steuerzahlern zusätzliche Risiken in Höhe von vielen Milliarden Euro aufgebürdet werden, denn man wird die EDF wohl nicht wie ein normales Unternehmen notfalls Konkurs gehen lassen können: An ihr hängt die französische Stromversorgung.

Man sollte nun aber nicht glauben, dass die oben beschriebenen Katastrophen schon alles sind. Schließlich haben wir die Frage des Rückbaus der enorm vielen (und größtenteils sehr alten) französischen Kernkraftwerke genauso wenig angekratzt wie die Frage der langfristigen Finanzierung der Endlagerung der radioaktiven Abfälle. Mich persönlich würde es enorm wundern, wenn in den nächsten Jahrzehnten dort nicht weitere Debakel im Umfang von Milliarden von Euro aufträten, die die heutigen Probleme noch leicht in den Schatten stellen.

Nebenbei bemerkt: Würden die Kritiker der deutschen Energiewende wohl gerne unsere Situation im Stromsektor mit der von Frankreich tauschen??

Und warum das alles?

Es ist nicht anzunehmen, dass die Mitglieder der französischen Regierung, die die Geschicke der EDF maßgeblich bestimmen, komplett dem Wahnsinn verfallen sind – obwohl man dies angesichts der Entscheidung vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Fakten eigentlich denken könnte und Analysten die Entscheidung tatsächlich auch schon als wahnsinnig (“insane”) bezeichnet haben. Auf der anderen Seite muss man sich aber bewusst sein, welche enorme Tragweite eine Beendigung des Projekts durch die Franzosen hätte. Zunächst einmal würde man damit eingestehen, dass die EPR-Kraftwerke selbst unter traumhaften finanziellen Bedingungen, wie man sie mit den Briten ausgehandelt hat, finanziell nicht realisierbar sind. (Der EDF-Chef Jean-Bernard Lévy sagte kürzlich zutreffend: “Without Hinkley Point, the group would have no credibility to reach new nuclear markets.”) Darüber hinaus wäre damit klar, dass die Kernenergie, die in Frankreich weitaus mehr als in irgendeinem anderen Land zur Stütze der Stromversorgung gemacht wurde, keine Zukunft mehr hat – abgesehen von der so oder so bleibenden Aufgabe, die voraussichtlich extrem teure Entsorgung der riesigen Mengen radioaktiver Abfälle und den Rückbau der zahlreichen Kraftwerke zu finanzieren. Eine solch dramatische Kehrtwende der Regierung müsste dann unweigerlich zu einer komplett geänderten Energiepolitik führen; schließlich würden die Bürger einen Plan dafür erwarten, wie man die kommenden Probleme zu bewältigen gedenkt. Zu diesem Kraftakt ist die französische Regierung jedoch wohl einfach nicht in der Lage. So verschließt man weiterhin die Augen vor den kommenden finanziellen Katastrophen und überlässt die Gestaltung der Zukunft späteren Regierungen.

Nachtrag vom 16.10.2016: Fünf Arbeiternehmer-Vertreter im Verwaltungsrat der EDF haben vor dem Handelsgericht Klage gegen die Entscheidung für Hinkley Point eingelegt; der Verwaltungsrat sei vom Konzernchef L&ecaute;vy unzureichend informiert gewesen. Offenbar versuchen gewerkschaftliche Kreise, auf diese Weise das Projekt noch zu stoppen, um den EDF-Konzern und damit ihre Arbeitsplätze zu retten. Außerdem ermittelt die französische Börsenpolizei wegen Verdachts auf unzureichende Information der Aktionäre über den Deal.

Drohende atomare Katastrophen

Große Gefahren im Betrieb würde ich nicht in erster Linie in Hinkley Point C befürchten – zumal es sehr gut möglich ist, dass dieses Projekt ohnehin noch gestoppt wird, z. B. von der britischen Regierung oder von EU-Gerichten. Jedoch müssen einem die vielen uralten und technisch mehr oder weniger maroden französischen Kernkraftwerke wirklich Angst machen. Obwohl natürlich auch in Frankreich immer wieder beteuert wird, die Sicherheit habe jederzeit oberste Priorität, ist es offenkundig anders: Reaktoren, die aus Sicherheitsgründen schon längst stillgelegt werden müssten (etwa in Fessenheim), laufen doch Jahr für Jahr weiter, weil man sich in einem Ausmaß wie sonst nirgends von der Kernenergie abhängig gemacht hat und weil der Umstieg auf eine ungefährlichere und gleichzeitig klimaverträgliche Stromversorgung viele Milliarden und auch etliche Jahre kosten würde.

Freilich werden atomare Katastrophen nicht durch finanzielle Notwendigkeiten verhindert. Sollte eine solche – oder auch nur ein schwerer Zwischenfall mit Potenzial für eine Katastrophe – in den nächsten Jahren in Frankreich auftreten, wird die französische Gesellschaft über eine äußerst unangenehme Wahl zu entscheiden haben: durch einen schnellen Atomausstieg die Stabilität der Stromversorgung zu gefährden oder aber die dann für alle offenkundigen atomaren Risiken für viele weitere Jahre auf sich nehmen zu müssen. Vermutlich wird man dann froh sein, wenigstens zum kleineren Teil mit erneuerbarer Energie (und zum Teil auch mit Kohlestrom) aus Deutschland mitversorgt werden zu können. Der Klimaschutz wird in der Debatte dann vermutlich die geringste Rolle spielen.

Am Ende sind diese enormen Probleme zu einem guten Teil Folgen der Entscheidung, sich um jeden Preis atomar zu bewaffnen und die dazu passende Strom-Infrastruktur aufzubauen. Rein wirtschaftlich gesehen gab es zu keiner Zeit einen vernünftigen Grund zum Einstieg in diese Technologie. Die politischen und militärischen Überlegungen jedoch waren den französischen Regierungen damals wie heute Grund genug, alle wirtschaftlichen Risiken genauso wie die Unfallrisiken in Kauf zu nehmen. Es wird immer klarer, wie sehr sich dies mit der Zeit rächt.

Übrigens kann man im "World Nuclear Industry Status Report" nachlesen, dass auch anderswo die Lage für AKW-Neubauten desaströs ist.

Dieser Artikel erschien als Teil des RP-Energie-Blogs von Dr. Rüdiger Paschotta. Sie können Links auf diese Seite setzen, da ihre Adresse permanent ist, und die Seite auch zitieren. Siehe auch das RP-Energie-Lexikon.

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