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Atomprojekt Hinkley Point C: der Grundstein für zwei milliardenschwere Debakel ist gelegt

Rüdiger Paschotta

Am vergangenen Donnerstag hat der Verwaltungsrat der Électricité de France (EDF) entschieden, am Plan festzuhalten, in den nächsten Jahren mit dem Bau zweier Kernkraftwerksblöcke in Hinkley Point (Somerset, Großbritannien) zu beginnen. Diese wahrhaft bemerkenswerte und folgenreiche Entscheidung ist für mich ein Anlass, dieses Projekt im RP-Energie-Blog einmal ausführlich zu beleuchten.

Der Ursprung des Projekts

Die britische Regierung hat unter dem kürzlich abgetretenen Premierminister David Cameron den Plan verfolgt, anscheinend um jeden Preis die Nutzung der Kernenergie mit einem großen Neubauprojekt fortzuführen. Der Hintergrund ist, dass der bestehende Park von Kernkraftwerken bereits ziemlich alt ist (mit der letzten Inbetriebnahme in 1995), etliche Kernkraftwerke in den nächsten Jahren außer Betrieb genommen werden sollten und ein Ersatz durch Kohlekraftwerke aus Gründen des Klimaschutzes und Gesundheitsschutzes klar nicht infrage kommt. Natürlich hätte man stattdessen auch stärker auf erneuerbare Energien setzen können, insbesondere auf Windenergie (für die in Großbritannien ziemlich gute Bedingungen herrschen), aber aus nicht klar nachvollziehbaren Gründen (über die es diverse Spekulationen gibt) wollte man dies offenbar nicht.

Massive Verteuerung des Stroms für Großbritannien

Dieser Plan schien sich zunächst gut zu treffen mit dem großen Interesse der bereits in Großbritannien aktiven Électricité de France, eine Zukunft der französischen Atomtechnologie zu demonstrieren. Man hatte in den letzten Jahrzehnten – einer Zeit mit fast keinen Neubauprojekten mehr in Europa – zusammen mit Siemens den neuen Europäischen Druckwasserreaktor (EPR) entwickelt und hofft immer noch darauf, diesen international verkaufen zu können. Nur ist das Problem eben, dass sich die ersten beiden Bauprojekte mit diesem Reaktor (siehe unten) als extrem kostspielig und risikoreich erwiesen haben.

Traumhaftere Bedingungen für die Kraftwerksbauer kann man sich kaum vorstellen. Für Windstrom gibt es so etwas jedenfalls nicht annähernd.

Deswegen mussten die Briten extrem großzügige Subventionszusagen machen, um dem Projekt (übrigens mit einem französisch-chinesischen Konsortium) überhaupt eine Chance zu geben: Abnahmepreise für den eingespeisten Strom von anfangs 92,5 GBP/MWh (= 0,0925 GBP/kWh) (Preisbasis 2012), dies garantiert für 35 Jahre (!) mit einem regelmäßigen Inflationsausgleich und obendrein noch mit einer staatlichen Kreditgarantie über 10 Milliarden GBP zwecks Senkung der Finanzierungskosten. Von einer Einspeisevergütung in dieser Höhe und vor allem von dieser Dauer könnten beispielsweise die Betreiber von Windenergieanlagen nur träumen. Beispielsweise erhalten deutsche Offshore-Anlagen, die 2016 in Betrieb gehen, nach dem Basismodell eine erhöhte Anfangsvergütung von 15,4 ct/kWh für nur 12 Jahre, danach nur noch die magere Grundvergütung von 3,9 ct/kWh – und keinen Inflationsausgleich, was bei langen Zeiträumen natürlich sehr wichtig ist. (Zum Vergleich: die oben genannten 92,5 GBP/MWh entsprechen derzeit ca. 11 ct/kWh – trotz dem aufgrund der Brexit-Ängste stark gefallenen britischen Pfund und ohne Berücksichtigung des Inflationsausgleichs.) Für Onshore-Windstrom sind die Zahlen noch um einiges niedriger. Der Windstrom kostet uns also bereits heute viel weniger als der neue Atomstrom die Briten, und hier sinken die Kosten, während sie dort enorm steigen.

Ein Beitrag zu einer bezahlbare Stromversorgung sähe sicherlich anders aus.

Im Vergleich zum mittlerweile deutlich gefallenen Börsenstrompreis in Großbritannien liegen diese zugesagten Preise bei über dem Doppelten, werden also die Kosten der Stromerzeugung stark in die Höhe treiben. Für die britischen Stromverbraucher ist dies also ein extrem schlechtes Geschäft; aber wenn man unbedingt die atomaren Risiken möglichst lange haben möchte, muss einem dies eben schon etwas wert sein … Übrigens bleibt konsequenterweise auch der Großteil der enormen finanziellen Risiken für den Fall eines Super-GAUs bei der britischen Bevölkerung.

Es sind noch Gerichtsverfahren gegen diese extremen und offenkundig wettbewerbsverzerrenden Subventionen anhängig; es könnte also sein, dass diese Sache irgendwann (gar nach Baubeginn?) allein schon von daher noch ins Schleudern gerät. Es ist zu vermuten, dass die Subventionen nicht mit EU-Recht vereinbar sind, auch wenn die EU-Kommission eine andere Position eingenommen hat (vielleicht aus Angst vor dem Brexit).

Wird die neue britische Regierung das Projekt stoppen?

Es könnte auch sein, dass die neue britische Regierung das Projekt noch beerdigen wird. Jedenfalls wird in Großbritannien darüber heiß debattiert; viele sind äußerst besorgt. Die neue Premierministerin Theresa May hätte wohl eher als David Cameron die Möglichkeit, das Projekt mit Hinweis auf die inzwischen stark verschlechterten Rahmenbedingungen (und deswegen den britischen Verbrauchern drohende enorme Kosten) zu beenden. Jedoch ist noch nicht klar, nach welchen Kriterien die neue britische Regierung entscheiden wird. Immerhin wurde am Freitag bekannt, dass die Regierung May die vorgesehene Vertragsunterzeichnung verschoben hat und erst im Herbst 2016 definitiv entscheiden möchte.

Katastrophale Aussichten für die Électricité de France (EDF)

Die EDF befindet sich in einer nicht nur ungemütlichen, sondern ohne jede Übertreibung bedrohlichen Lage:

Das erste EPR-Projekt ist eine Katastrophe.

  • Das erste kommerzielle EPR-Projekt ist das Kraftwerk Olkiluoto III in Finnland. In 2003 wurde der Auftrag hierfür an die französische Areva NP und an Siemens vergeben mit der Erwartung, dass das Kraftwerk in 2009 schlüsselfertig zu einem Preis von ca. 3 Milliarden Euro übergeben würde. Aus den verschiedensten Gründen (u. a. Problemen mit der Sicherheit, die teure Änderungen erforderten) kam es zu extremen Verzögerungen und Kostensteigerungen. Ende 2015 wurde der Betriebsbeginn auf Ende 2018 geschätzt, also neun Jahre später als ursprünglich geplant – und auch dies kann wohl niemand garantieren. Deswegen und wegen den völlig aus dem Ruder gelaufenen Kosten (ein Mehrfaches der geplanten Summe) kam es auch zu einem Rechtsstreit zwischen dem Auftraggeber (der finnischen TVO) und den Erbauern. Die Siemens AG hat sich inzwischen aus dem Projekt abgeseilt. Wie der enorme finanzielle Schaden auf Auftraggeber und Erbauer verteilt werden wird, ist derzeit noch unklar; die Areva ist aber faktisch bereits am Ende und musste deswegen in 2015 (auf Druck von der französischen Politik) aufgespalten und zum größeren Teil von der EDF übernommen werden.

Das zweite EPR-Projekt auch.

  • Das zweite Projekt in Flamanville (am Ärmelkanal in Frankreich) verläuft ebenfalls extrem schlecht. Die in 2007 vorgesehene Fertigstellung in 2012 ist heute (2016) kaum absehbar – wohl frühestens 2018. Auch hier sind die Baukosten von ursprünglich vorgesehenen 3,3 Milliarden Euro auf vermutlich deutlich über 10 Milliarden angestiegen.

Und das dritte soll ganz anders werden?

  • Für Hinkley Point C rechnete man offenbar schon deutlich weniger unrealistisch mit Baukosten von 16 Milliarden GBP für zwei EPR-Kraftwerke (Stand 2013). Jedoch müsste es hier massiv besser laufen als bei den ersten beiden Projekten, damit nicht ein weiteres milliardenschweres Debakel eintritt. Bis 2014 waren die Schätzungen für die zu zwei Dritteln von der EDF aufzubringenden Investitionskosten bereits auf mindestens 24,5 Mrd. GBP gestiegen, und man darf gespannt sein, wie dies weitergeht. Bei diesem Projekt erhöht der drohende “Brexit” die Risiken noch weiter: unter anderem, weil die Erlöse in den bereits stark gefallenen britischen Pfund garantiert sind, die Kosten jedoch zu einem erheblichen Teil nicht in Pfund anfallen.
  • Zu beachten ist außerdem, dass die EDF mit ca. 37 Milliarden Euro bereits extrem verschuldet und deswegen nicht mehr beliebig belastbar ist.
  • Rating-Agenturen haben angekündigt, im Falle der Realisierung des Projekts die Kreditwürdigkeit der EDF herunterzustufen; das macht die bestehenden riesigen Schulden noch prekärer.
  • Der Aktienkurs der EDF ist seit Anfang 2015 um ca. die Hälfte gefallen und liegt ca. bei einem Siebtel des Höchststands von Ende 2007.
  • Die französische Börsenaufsicht hat kürzlich den Konzernsitz der EDF in Paris durchsucht; laut “Le Monde” gibt es unter anderem Zweifel daran, ob die Anleger korrekt über das Projekt Hinkley Point C informiert worden sind.
  • Übrigens agieren selbst französische Gewerkschaften massiv gegen das Projekt, von dem sie befürchten, dass es die EDF endgültig ruiniert und damit ihre Arbeitsplätze gefährdet. Würden sie an Gewinne glauben, gäbe es diese Proteste wohl kaum.

Manche EDF-Vorstände und Gewerkschaften haben es bereits verstanden.

Die existenzbedrohenden Gefahren bewogen im März 2016 den Finanzvorstand Thomas Piquemal der EDF zum Rücktritt. Vor der endgültigen Abstimmung über den Einstieg in dieses Wahnsinnsprojekt am vergangenen Donnerstag trat ein weiteres Mitglied des Verwaltungsrats der EDF unter Protest zurück. Der restliche Verwaltungsrat entschloss sich dann mit zehn gegen sieben Stimmen für das Projekt. Ursächlich scheint dafür der staatliche Druck zu sein; der französische Staat hat einen Anteil von 85 % an der EDF und scheint solche Entscheidungen zu allerletzt nach den finanziellen Aussichten des Projekts zu fällen. Damit nimmt man in Kauf, dass den französischen Steuerzahlern zusätzliche Risiken in Höhe von vielen Milliarden Euro aufgebürdet werden, denn man wird die EDF wohl nicht wie ein normales Unternehmen notfalls Konkurs gehen lassen können: An ihr hängt die französische Stromversorgung.

Nicht vergessen: Da wird voraussichtlich noch viel mehr kommen.

Man sollte nun aber nicht glauben, dass die oben beschriebenen Katastrophen schon alles sind. Schließlich haben wir die Frage des Rückbaus der enorm vielen (und größtenteils sehr alten) französischen Kernkraftwerke genauso wenig angekratzt wie die Frage der langfristigen Finanzierung der Endlagerung der radioaktiven Abfälle. Mich persönlich würde es enorm wundern, wenn in den nächsten Jahrzehnten dort nicht weitere Debakel im Umfang von Milliarden von Euro aufträten, die die heutigen Probleme noch leicht in den Schatten stellen.

Nebenbei bemerkt: Würden die Kritiker der deutschen Energiewende wohl gerne unsere Situation im Stromsektor mit der von Frankreich tauschen??

Und warum das alles?

Wir haben mit elenden Verstrickungen zu tun, aus denen sich schwache Regierungen nicht mehr lösen können.

Es ist nicht anzunehmen, dass die Mitglieder der französischen Regierung, die die Geschicke der EDF maßgeblich bestimmen, komplett dem Wahnsinn verfallen sind – obwohl man dies angesichts der Entscheidung vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Fakten eigentlich denken könnte und Analysten die Entscheidung tatsächlich auch schon als wahnsinnig (“insane”) bezeichnet haben. Auf der anderen Seite muss man sich aber bewusst sein, welche enorme Tragweite eine Beendigung des Projekts durch die Franzosen hätte. Zunächst einmal würde man damit eingestehen, dass die EPR-Kraftwerke selbst unter traumhaften finanziellen Bedingungen, wie man sie mit den Briten ausgehandelt hat, finanziell nicht realisierbar sind. (Der EDF-Chef Jean-Bernard Lévy sagte kürzlich zutreffend: “Without Hinkley Point, the group would have no credibility to reach new nuclear markets.”) Darüber hinaus wäre damit klar, dass die Kernenergie, die in Frankreich weitaus mehr als in irgendeinem anderen Land zur Stütze der Stromversorgung gemacht wurde, keine Zukunft mehr hat – abgesehen von der so oder so bleibenden Aufgabe, die voraussichtlich extrem teure Entsorgung der riesigen Mengen radioaktiver Abfälle und den Rückbau der zahlreichen Kraftwerke zu finanzieren. Eine solch dramatische Kehrtwende der Regierung müsste dann unweigerlich zu einer komplett geänderten Energiepolitik führen; schließlich würden die Bürger einen Plan dafür erwarten, wie man die kommenden Probleme zu bewältigen gedenkt. Zu diesem Kraftakt ist die französische Regierung jedoch wohl einfach nicht in der Lage. So verschließt man weiterhin die Augen vor den kommenden finanziellen Katastrophen und überlässt die Gestaltung der Zukunft späteren Regierungen.

Nachtrag vom 16.10.2016: Fünf Arbeiternehmer-Vertreter im Verwaltungsrat der EDF haben vor dem Handelsgericht Klage gegen die Entscheidung für Hinkley Point eingelegt; der Verwaltungsrat sei vom Konzernchef L&ecaute;vy unzureichend informiert gewesen. Offenbar versuchen gewerkschaftliche Kreise, auf diese Weise das Projekt noch zu stoppen, um den EDF-Konzern und damit ihre Arbeitsplätze zu retten. Außerdem ermittelt die französische Börsenpolizei wegen Verdachts auf unzureichende Information der Aktionäre über den Deal.

Drohende atomare Katastrophen

Große Gefahren im Betrieb würde ich nicht in erster Linie in Hinkley Point C befürchten – zumal es sehr gut möglich ist, dass dieses Projekt ohnehin noch gestoppt wird, z. B. von der britischen Regierung oder von EU-Gerichten. Jedoch müssen einem die vielen uralten und technisch mehr oder weniger maroden französischen Kernkraftwerke wirklich Angst machen. Obwohl natürlich auch in Frankreich immer wieder beteuert wird, die Sicherheit habe jederzeit oberste Priorität, ist es offenkundig anders: Reaktoren, die aus Sicherheitsgründen schon längst stillgelegt werden müssten (etwa in Fessenheim), laufen doch Jahr für Jahr weiter, weil man sich in einem Ausmaß wie sonst nirgends von der Kernenergie abhängig gemacht hat und weil der Umstieg auf eine ungefährlichere und gleichzeitig klimaverträgliche Stromversorgung viele Milliarden und auch etliche Jahre kosten würde.

Die Entscheidung zwischen katastrophalen atomaren Risiken und der Aufgabe einer stabilen Stromversorgung ist eine sehr harte, wenn man nicht rechtzeitig eine Energiewende einleitet.

Freilich werden atomare Katastrophen nicht durch finanzielle Notwendigkeiten verhindert. Sollte eine solche – oder auch nur ein schwerer Zwischenfall mit Potenzial für eine Katastrophe – in den nächsten Jahren in Frankreich auftreten, wird die französische Gesellschaft über eine äußerst unangenehme Wahl zu entscheiden haben: durch einen schnellen Atomausstieg die Stabilität der Stromversorgung zu gefährden oder aber die dann für alle offenkundigen atomaren Risiken für viele weitere Jahre auf sich nehmen zu müssen. Vermutlich wird man dann froh sein, wenigstens zum kleineren Teil mit erneuerbarer Energie (und zum Teil auch mit Kohlestrom) aus Deutschland mitversorgt werden zu können. Der Klimaschutz wird in der Debatte dann vermutlich die geringste Rolle spielen.

Am Ende sind diese enormen Probleme zu einem guten Teil Folgen der Entscheidung, sich um jeden Preis atomar zu bewaffnen und die dazu passende Strom-Infrastruktur aufzubauen. Rein wirtschaftlich gesehen gab es zu keiner Zeit einen vernünftigen Grund zum Einstieg in diese Technologie. Die politischen und militärischen Überlegungen jedoch waren den französischen Regierungen damals wie heute Grund genug, alle wirtschaftlichen Risiken genauso wie die Unfallrisiken in Kauf zu nehmen. Es wird immer klarer, wie sehr sich dies mit der Zeit rächt.

Übrigens kann man im "World Nuclear Industry Status Report 2016" nachlesen, dass auch anderswo die Lage für AKW-Neubauten desaströs ist.

Dieser Artikel erschien als Teil des RP-Energie-Blogs von Dr. Rüdiger Paschotta. Sie können Links auf diese Seite setzen, da ihre Adresse permanent ist, und die Seite auch zitieren. Siehe auch das RP-Energie-Lexikon.

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