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Kernfusion mit Helium-3 – die geniale Lösung der Energieprobleme?

Rüdiger Paschotta

Wenn von Kernfusion gesprochen wird, geht es in aller Regel um die Ausnutzung der Fusionsreaktion zwischen Deuterium (2H) und Tritium (3H). In dieser Richtung wird seit Jahren z. B. im ITER-Projekt geforscht – übrigens mit enormen Verzögerungen und Kostensteigerungen, sodass brauchbare Resultate (ein stabil laufender Fusionsreaktor, aber noch ohne nutzbare Energiegewinnung) allenfalls gegen Mitte des Jahrhunderts zu erwarten sind.

Von daher wäre es doch toll, wenn mit einem anderen technischen Ansatz, basierend auf Helium-3 (3He), viel schneller nutzbare Energie erzeugt werden könnte – gemäß manchen Stimmen gar schon ab ca. 2030! Diese Vision, die seit etlichen Jahren immer mal wieder diskutiert wird, dürfte jedenfalls interessant genug sein, um hier näher beleuchtet zu werden.

Die Verwendung von Helium-3 statt Deuterium und Tritium verspricht mehrere wichtige Vorteile:

Leider hat dieser Ansatz aber auch diverse Haken:

Also müsste man vor allem die folgenden Probleme lösen:

Bevor sich nun meine Leser darüber aufregen, dass für unsere Energiegewinnung nun auch noch der Mond verwüstet werden soll, und dass man weiterhin mit Radioaktivität zu tun hätte (wenn auch in viel geringerem Umfang als bei der Kernspaltung), gebe ich folgende Einschätzungen ab:

Das Hauptproblem – die extremen Kosten des Fusionsreaktors – besteht in ähnlicher Form natürlich auch für den konventionelleren Ansatz basierend auf der Deuterium-Tritium-Reaktion. Auch hier gibt es seit Jahrzehnten Leute, die uns weismachen wollen, dies würde am Ende doch funktionieren (meist in mehreren Jahrzehnten, wobei diese Spanne nicht abnimmt, wie bei der Karotte am Stab vor dem Kopf des Esels). Meines Wissens konnte aber noch niemand plausibel machen, wie eine so extrem komplizierte Technik plötzlich bezahlbar werden soll, oder wie man sie massiv vereinfachen könnte. Die kalte Kernfusion hätte die Sache wirklich massiv vereinfacht; das Problem ist nur, dass sie eben nicht funktioniert.

Mein Fazit: Machen wir uns keine Sorgen über die drohende Verwüstung des Mondes oder die verbleibenden radioaktiven Gefahren der Kernfusion; das wird ohnehin nicht kommen, und schon gar nicht bis 2030. Vor allem aber sollten wir uns nicht zurücklehnen in der Erwartung, dass irgendwelche genialen Ingenieure unser Energie- und Klimaproblem schon irgendwie lösen werden. Was bleibt, sind die altbekannten Ansätze: erneuerbare Energien, höhere Energieeffizienz, dazu ein gutes Stück weit auch Suffizienz. Wenn wir es damit nicht schaffen, gehen wir eben unter; nukleare Science-Fiction wird uns jedenfalls nicht retten.

Dieser Artikel erschien als Teil des RP-Energie-Blogs von Dr. Rüdiger Paschotta. Sie können Links auf diese Seite setzen, da ihre Adresse permanent ist, und die Seite auch zitieren. Siehe auch das RP-Energie-Lexikon.

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