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Energieaufwand und Emissionen bei der Herstellung von Dieselkraftstoff und Benzin

Erschienen 2017-09-25 im RP-Energie-Blog (als E-Mail-Newsletter erhältlich!)

Permanente Adresse: https://www.energie-lexikon.info/rp-energie-blog_2017_09_25.html

Autor: , RP-Energie-Lexikon, RP Photonics Consulting GmbH

Inhalt: Interessanterweise sind der Energieaufwand und die Emissionen bei der Herstellung von Dieselkraftstoff in Europa sogar etwas höher als bei Benzin. Dies liegt an der Verdieselung der Fahrzeugflotte. Daraus folgt, dass Klimaschutz mit Dieselfahrzeugen noch weniger funktioniert, als bislang angenommen.

Ref.: WELL-TO-TANK Report Version 4.a, JEC WELL-TO-WHEELS ANALYSIS, https://iet.jrc.ec.europa.eu/about-jec/sites/iet.jrc.ec.europa.eu.about-jec/files/documents/report_2014/wtt_report_v4a.pdf

Rüdiger Paschotta

Erst vor zehn Tagen schrieb ich einen Newsletter zur Frage, ob Dieselfahrzeuge für den Klimaschutz unverzichtbar sind – sie sind es definitiv nicht, wie auch vom Umweltbundesamt festgestellt wurde. Nun wurde ich durch einen Leser darauf aufmerksam gemacht, dass es zu einem Detail neuere Zahlen gibt, die meine Schlussfolgerung im genannten Artikel sogar noch weiter stärken. Sie betreffen den Energieaufwand und die CO2-Emissionen bei der Herstellung von Kraftstoffen.

Bisher hatte ich angenommen, dass die Herstellung von Dieselkraftstoffen in der Raffinerie deutlich weniger aufwendig ist als bei Benzin, weil aufwendige Prozessschritte wie Cracken und Isomerisierung hier nicht nötig sind. Eine von der Europäischen Kommission bestellte Studie (siehe die oben angegebene Referenz) ergab jedoch, dass für europäische Verhältnisse eher das Gegenteil zutrifft, und zwar aus interessanten Gründen.

Zunächst einmal ist es zwar einfach, Energieaufwand und Emissionen im Betrieb einer Raffinerie zu ermitteln – nicht aber, diese Belastungen in angemessener Weise auf die einzelnen Produkte zu verteilen. Die Studie hat hierzu einen m. E. überzeugenden Ansatz gewählt. Mithilfe eines umfangreichen Modells einer Raffinerie, welches Energieaufwand und Emissionen bei verschiedenen Prozessschritten berücksichtigt, wurde ermittelt, wie stark sich die Emissionen ändern würden, wenn die Produktion von Dieselkraftstoff oder von Benzin um eine bestimmte Menge reduziert wurde, z. B. wenn man diese Kraftstoffe durch Biokraftstoffe ersetzen könnte; die Mengen aller anderen produzierten Produkte würden gleich bleiben. Das Resultat war, dass eine Produktionsverringerung von Dieselkraftstoffen die Emissionen stärker senken würde als die gleiche Verringerung bei der Herstellung von Benzin. Der Grund hierfür hängt damit zusammen, dass die Raffinerien wegen des hohen Dieselanteils in der europäischen Fahrzeugflotte relativ viel Diesel im Verhältnis zu Benzin herstellen müssen – mehr, als sich quasi natürlicherweise durch die Zusammensetzung des Rohöls ergäbe. Dies lässt sich in begrenztem Ausmaß erreichen, aber eben um den Preis eines höheren Energieaufwands.

In den USA sind die Verhältnisse anders: Dort gibt es relativ wenige Diesel-Autos, weswegen die Raffinerien sogar einen Überschuss an Diesel erzeugen. Deswegen gibt es Tanker, die Diesel von den USA nach Europa bringen und in der anderen Richtung Benzin transportieren. Dieser Langstrecken-Transport erhöht natürlich ebenfalls Kosten, Energieaufwand und Emissionen, aber zumindest betreffen die Kosten wohl weniger, als eine noch stärkere Änderung der Produktionsverhältnisse in den Raffinerien. Diesbezüglich wäre es also günstiger, wenn in den USA etwas mehr Dieselfahrzeuge gefahren würden, in Europa dagegen weniger.

Für meine Schlussfolgerungen im vorherigen Artikel bedeuten diese neuen Erkenntnisse, dass Klimaschutz mit einer Diesel-Strategie sogar noch weniger funktioniert, als ich es angenommen hatte. Nach den neuen Zahlen gibt es auf den Energieinhalt bezogen geringfügig höhere CO2-Emissionen für Dieselkraftstoff, anstatt deutlich niedrigere. Wenn also zukünftig mehr Benzin- statt Dieselfahrzeugen zugelassen werden, die (wie an meinem Beispiel des VW Golf ermittelt) den gleichen spezifischen Energieverbrauch pro Kilometer aufweisen, werden die Emissionen in den Raffinerien geringfügig abnehmen, anstatt deutlich zuzunehmen.

Es gilt also erst recht, dass die Behauptung der deutschen Bundesregierung, Dieselfahrzeuge seien unabdingbar für den Klimaschutz, haltlos ist. In Wirklichkeit ist es eher umgekehrt. Jedoch möchte man dies nicht zugeben, vermutlich weil man seine Parteispender nicht verärgern möchte.

Dieser Artikel erschien als Teil des RP-Energie-Blogs von Dr. Rüdiger Paschotta. Sie können Links auf diese Seite setzen, da ihre Adresse permanent ist, und die Seite auch zitieren. Siehe auch das RP-Energie-Lexikon.

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Kommentare von Lesern

28.02.2018

Wenn jetzt alle total Diesel-Panik machen und dadurch (extrem übertrieben) kaum noch Diesel gebraucht wird, sondern nur noch Benzin, dann müßte ich doch fast den gesamten Energieaufwand in der chemischen Trennung dem Benzin zuschreiben, oder?

Ideal wäre doch ein “gesunder” Mix aus dem Ergebnis des chemischen Prozesses, bis wir irgendwann mal eine andere Lösung haben.

Panikmache wäre zur Zeit dann wohl nicht die ideale Lösung.

Antwort vom Autor:

Mir fehlt die Begründung dafür, dass hier angeblich jemand extrem übertreibt. Dass jährlich tausende Menschen vorzeitig an erhöhten Stickoxidimmisionen sterben, ist doch schon ein Problem, oder?

Richtig ist, dass die Raffinerien Probleme bekämen, wenn gar kein Diesel mehr gebraucht wurde. Davon sind wir allerdings sehr weit entfernt – zumal ja auch das chemisch recht ähnliche Heizöl weiterverwendet wird.

07.03.2018

Es klingt so, als ob nur durch den Diesel-Motor jährlich tausende von Menschen am erhöhten Stickoxid-Belastungen sterben. Das wird der Sache nicht gerecht, weswegen man durchaus von einseitiger Panikmache reden sollte.

Dass wir generell etwas tun müssen, ist nicht anzuzweifeln, dann aber bitte schön zuerst dort, wo es die größten Probleme bereitet, in der Luftfahrt. Was hier diskutiert wird, ist ein herumdoktorn an lokalen Symptomen. Was nützt es uns, wenn wir die Städte vom Diesel befreien, um dann den Dreck über die E-Mobilität durch die Kraftwerke flächenmäßig verteilt zu bekommen. Darüber redet sonderbarerweise niemand. Wie viel Unweltschäden erzeugt ein E-Fahrzeug im Vergleich zu einem Verbrenner wenn er neu im Laden steht? Wie viel mehr Energie ist nötig, um Benzin anstelle von Diesel herzustellen? Es kann doch nicht wissenschaftlich sein, all diese Randbedingungen außen vor zu lassen. Für mich ein Indiz dafür, dass hier ganz bestimmte Interessen verfolgt werden und diese nicht wirklich dem Umweltschutz dienen.

Antwort vom Autor:

Es sterben in Ländern wie Deutschland in der Tat jährlich Tausende von Menschen vorzeitig aufgrund der erhöhten Stickoxidbelastungen der Atemluft. Diese Aussage ist nicht etwa haltlose Panikmache, sondern durch wissenschaftliche Studien bestätigt.

Die Luftfahrt ist ein Problem, aber nicht betreffend die Stickoxidbelastung der Atemluft in den Städten.

Umweltbelastungen durch Elektrofahrzeuge werden sehr wohl diskutiert – beispielsweise auf dieser Website im Artikel über Elektroautos. Diese Belastungen sind durchaus nicht zu vernachlässigen. Insbesondere wenn die Fahrzeuge mit “Dreckstrom” geladen werden, sind sie gar nicht unbedingt besser als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor.

Die Unterstellung, ich würde hier “ganz bestimmte Interessen verfolgen”, ist einfach haltlos.

26.01.2019

Lesen Sie doch bitte die auch die jüngste Argumentation der Lungenärzte. Zumindest das Prädikat “wissenschaftliche Studie” wird klar widerlegt. Das gilt auch für die Auswirkungen von menschengemachten CO2 auf das Weltklima. Nur weil eine These mehrheitlich propagiert wird, ist sie noch nicht bewiesen.

Antwort vom Autor:

Die Lungenärzte sollten erst mal diejenigen überzeugen, die Fachleute für Epidemiologie sind. Und da scheinen sie sich sehr schwer zu tun. Es geht übrigens keineswegs um eine wissenschaftliche Studie, sondern um eine Vielzahl. Ich würde mir nicht erlauben, irgendwelche Meinungsäußerungen – und sei es von Lungenärzten – zum Anlass zu nehmen, die Resultate jahrzehntelanger wissenschaftlicher Forschung einfach so vom Tisch zu hauen. Lesen Sie dazu auch meinen Blog-Artikel vom 31.01.2019.

Die Sache mit den Klimagefahren ist inzwischen dermaßen gut belegt, dass solche Äußerungen nur noch lächerlich sind – ein haltloses Gerede, offenbar getrieben durch das, was bequemer wäre zu glauben.

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