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Lungenärzte gegen Immissionsgrenzwerte – was ist davon zu halten?

Erschienen 2019-01-31 im RP-Energie-Blog (als E-Mail-Newsletter erhältlich!)

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Autor: , RP-Energie-Lexikon, RP Photonics Consulting GmbH

Inhalt: Eine Gruppe von Lungenärzten hat sich an die Öffentlichkeit gewandt mit der Darstellung, der Stand der Wissenschaft zu den Gefahren von Luftschadstoffen wie Stickoxiden und Feinstaub sei völlig falsch, und entsprechende Grenzwerte seien unsinnig. Der Artikel analysiert, wer hier mit welchen Methoden arbeitet und wie dies mit diversen wissenschaftlichen Grundsätzen zu vereinbaren ist.

Rüdiger Paschotta

Seit kurzem gibt es massive Angriffe auf die europaweit geltenden Grenzwerte für Luftschadstoffe, insbesondere für Stickoxide und Feinstaub – und dies interessanterweise angeleitet durch eine Gruppe von Lungenärzten unter der Führung von Prof. Dieter Köhler, eines früheren Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Hier werden erstaunliche Positionen vertreten:

Der deutsche Bundesverkehrsminister Volker Scheuer ist von diesen Aussagen begeistert und hofft nun, die derzeit arg lästigen Probleme mit der schlechten Luft in diversen Städten gar nicht mehr lösen zu müssen, weil sie ohnehin nicht real seien. Er sieht das ganze ohnehin nur als eine “masochistische Debatte, wie wir uns in Deutschland mit immer schärferen Grenzwerten selbst schaden und belasten können”. Offenbar hat er in der deutschen Bevölkerung das Bedürfnis festgestellt, sich möglichst stark selbst zu schaden, und bietet sich nun an, solche bedenklichen Entwicklungen zu bekämpfen. Mein Verdacht ist allerdings, dass die Aussicht auf weitere millionenschwere Spenden von der Autoindustrie einen noch stärker motivierenden Effekt auf ihn hat; schon früher habe ich auf den Zusammenhang mit Korruption hingewiesen. Es kann auch kaum verwundern, dass solchen “Volksparteien” das Volk irgendwann davonläuft.

(Anmerkung: Bitte beachten Sie auch meinen späteren Artikel vom 15.02.2019 mit der Diskussion weiterer sachlicher Fehler.)

Positionspapier der DGP: Warnung vor massiven Gesundheitsgefahren

Zurück zu den Lungenärzten. Die genannte Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin hat am 27.11.2018 ein Positionspapier zur Problematik der Luftverschmutzung veröffentlicht, in dem der Stand der epidemiologischen Forschung durch eine Expertengruppe umfassend dargestellt wurde – von neun unterschiedlichen Autoren und Autorinnen, die offenbar eine besondere Fachkompetenz in den jeweiligen Spezialbereichen aufweisen (etwa zu nachgewiesenen gesundheitlichen Effekten und den Wirkorten der Luftschadstoffe). Auch das HelmholtzZentrum München, die Charité Berlin, die Universität Bielefeld und die Heinrich Heine Universität Düsseldorf waren daran beteiligt. Einige Kernpunkte daraus:

  • Die DGP fordert ein gesellschaftliches Umdenken in Sachen Luftverschmutzung. Die Problematik müsse wesentlich ernster genommen werden als bisher, da die durch die derzeitige Luftverschmutzung in Deutschland verursachten Gesundheitsprobleme erheblich sein. Substanzielle Expositionsminderungen durch Reduktion der Luftschadstoffemissionen mittels (i) infrastruktureller Maßnahmen und Vermeidungsstrategien, (ii) technischer Innovationen sowie ergänzend durch (iii) verhaltenspräventive Maßnahmen seien notwendig.
  • Die Resultate stützen sich auf eine Vielzahl von epidemiologischen Studien, aber auch auf die Evidenz aus experimentellen und kontrollierten Studien. Basis ist also das wissenschaftliche Wissen nach dem derzeitigen internationalen Stand.
  • Als besonders bedenklich wird die Situation bezüglich Feinstaub betrachtet, aber auch die Stickoxide finden große Beachtung. Es wird darauf hingewiesen, dass gerade viele in den letzten Jahren veröffentlichte Studien, die innerhalb und außerhalb Europas durchgeführt wurden, weitere gewichtige Erkenntnisse geliefert hätten, die offenbar keineswegs als Grund für eine Entwarnung angesehen werden.
  • Besonders wird hingewiesen auf die Gefährdung von Kindern, älteren und kranken Menschen. Man sieht eine durch Luftverschmutzung erhöhte Sterblichkeit und die Begünstigung einer weiten Spanne von Erkrankungen; die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu werden im Bericht detailliert dargelegt.

Gegenteilige Position einer Gruppe von Lungenärzten

Vermutlich drückt dieses Positionspapier die Meinung der überwiegenden Zahl der Mitglieder der DGP aus. Jedoch hat sich nun eine Gruppe von Mitgliedern exponiert, die die dargelegten Sichtweisen nicht nur punktuell kritisieren, sondern rundherum ablehnen. Prof. Köhler greift die Epidemiologie pauschal massiv an; er hat sie im Fernsehen sogar mit dem Versuch verglichen, aus einer Korrelation zwischen Geburten und dem Vorkommen von Störchen auf einen kausalen Zusammenhang zu schließen. Effektiv scheint er die Epidemiologie als eine Pseudowissenschaft zu betrachten und eine Vielzahl von Wissenschaftlern im Inland und Ausland für unfähig zu halten, oder alternativ für irgendwie befangen – freilich ohne dies nachvollziehbar erklären zu können. Daraus zieht er dann sofort auch radikale Konsequenzen: Offenbar möchte er die geltenden Grenzwerte für Schadstoffemissionen massiv erhöht sehen, wenn nicht gar gänzlich abgeschafft, weil eigentlich unnötig.

Diese Gruppe wäre offenbar nicht damit zufrieden, dass die Mehrheit der Experten gewisse Kritikpunkte verarbeitet und entsprechend gewisse Positionen revidiert (wofür auch ein fachlicher Rahmen geeigneter wäre als eine polemische Diskussion in der Öffentlichkeit); vielmehr verlangen sie, dass die Einschätzung der Schädlichkeit der Luftverschmutzung radikal revidiert wird mit der Folge, dass die derzeitige Luftverschmutzung zumindest in Deutschland als völlig unproblematisch gelten würde. Es ist wohl unwahrscheinlich, dass es diesbezüglich bald zu einem Konsens unter den Lungenärzten kommen wird; dafür liegen die Positionen entschieden zu weit auseinander. Es gibt auch bereits sehr klare öffentliche Äußerungen zur Verteidigung der Epidemiologie, ihrer Resultate und der geltenden Grenzwerte. Beispielsweise stimmt das Forum der Internationalen Lungengesellschaften (FIRS) den nationalen deutschen Standards, den europäischen Standards und denen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nachdrücklich zu, wie man kürzlich in der FAZ nachlesen konnte. Klare Aussagen gibt es auch von Dr. Bernd Lamprecht, Vorstand einer österreichischen Klinik für Lungenheilkunde, Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger.

Wer kritisiert hier?

Es ist interessant zu beobachten, wer genau hier agiert und wie. Zunächst einmal wurde eine Stellungnahme veröffentlicht, die auf gerade mal zwei Seiten und ohne jede Quellenangabe den derzeitigen wissenschaftlichen Wissensstand – nach überwiegender Mehrheit der entsprechenden Experten – rundherum ablehnt, wofür allerdings nur eine handvoll ziemlich kurzer und grober Argumente geboten wird. Es wird lediglich behauptet, man könne bei Bedarf alles belegen, macht sich aber nicht die Mühe, das schon mal aufzuschreiben. (Wissenschaft funktioniert definitiv anders!) Als Korrespondenzadresse wird diejenige von Prof. Dieter Köhler angegeben.

Inzwischen hat die Organisation LobbyControl, die gegen den Einfluss mächtiger Interessengruppen vor allem auf die Gesetzgebung ankämpft, einen interessanten Aspekt aufgedeckt, nämlich dass die jüngste Stellungnahme der Lungenärzte nicht etwa nur einen Autor hat, wie es im genannten Dokument scheint, sondern deren vier – wobei nur zwei davon Lungenärzte sind und einer (Thomas Koch vom KIT) früher zehn Jahre lang Motorenentwickler bei der Daimler AG war. Offenbar sieht man bei einem Motorenentwickler die wahre Kompetenz zur Beurteilung epidemiologische Studien, nicht bei den entsprechenden Experten. Die drei im Papier fehlenden Namen erscheinen lediglich als Nachnamen im Begleittext, ohne weitere Angaben etwa zu ihrer beruflichen Funktion – und in der separat gelieferten Unterschriftenliste, aber ohne Kennzeichnung als Koautoren. Herr Thomas Koch erscheint hier übrigens als Institutsleiter am KIT, ohne zu erwähnen, dass dieses Institut an Kolbenmaschinen (Motoren) arbeitet und nicht etwa an gesundheitlichen Aspekten. Solche Dinge verstoßen natürlich gegen elementarste Regeln der Wissenschaft.

Der genannte Motorenentwickler Thomas Koch setzt sich auch anderswo äußerst engagiert für eine gute Zukunft des Dieselantriebs ein. Er vertritt auch nach seinem Wechsel zum KIT weiterhin Positionen, an denen sein früherer Arbeitgeber und der Verkehrsminister allergrößte Freude haben dürften. Das wäre nicht prinzipiell zu kritisieren, wenn nicht sachlich eine erhebliche Schlagseite festzustellen wäre. Ein kleines Beispiel: In einem bei NTV erschienenen Artikel mit dem Titel "Schluss mit unseriösen Diesel-Statements" weist er darauf hin, dass diese Kraftstoffe in der Raffinerie zu etwa gleichen Teilen wie ottomotorische Kraftstoffe anfallen müssen. Das stimmt (wegen der Zusammensetzung des Rohöls) – er verschweigt aber, dass in Europa der Verbrauch an Diesel im Vergleich zu Benzin dafür zu hoch ist, sodass Tanker Benzin von Europa in die USA transportieren müssen und auf dem Rückweg Diesel bringen. Ein deutliche Reduktion des Dieselanteils würde also die Verbrauchsstruktur in besseren Einklang mit den Raffinerien bringen und lange Transportwege einsparen – ganz im Gegensatz zu dem, was Herr Koch mit seiner Anmerkung suggerierte. Seine ganze Polemik gegen die angeblich “unerträgliche Schädigung unserer eigenen erfolgreichen Volkswirtschaft unter Diskreditierung von erfolgreichen Ingenieursentwicklungen” klingt für mich keineswegs wie der Ausdruck einer wissenschaftlich fundierten ausgewogenen Meinungsbildung, sondern nach einem durchsichtigen politisch motivierten Ablenkungsmanöver. Einen Skandal sieht Herr Koch auch nicht etwa in den in den letzten Jahren aufgedeckten Abgas-Manipulationen diverser Autohersteller, sondern nur in der “Panikmache” der Medien. Genau dies dürfte unserem Verkehrsminister bestens gefallen, weswegen man diesen “glühenden Diesel-Fan” (Stuttgarter Zeitung) auch als Gutachter die Frage behandeln ließ, was eine Hardware-Nachrüstung alter Dieselmotoren bringen würde.

Es darf mit Fug und Recht bezweifelt werden, dass man mit solchen Autoren eine fundiertere Bewertung des Stands der Wissenschaft und insbesondere der Epidemiologie erhält, als wenn man die diesem Gebiet arbeitenden in- und ausländischen Experten befragt. Auch sicher nichts weniger als eine “Versachlichung der Diskussion”.

Leider kein Einzelfall

Die Sache erinnert übrigens an einen früheren Fall. Laut einem Bericht im Spiegel hat zwischen 1989 und 1993 der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie mehrere von der Tabakindustrie finanzierte Studien verfasst, mit denen die gesundheitlichen Konsequenzen von Passivrauchen bei Kindern mit Asthma geleugnet wurden.

Leider geben sich immer wieder mal selbst angesehene Fachleute für solch fragwürdige Dinge hin und finden dann begeisterte Resonanz bei den entsprechenden Interessengruppen. Damit werden einerseits Falschinformationen gestreut, die dann politische Entscheidungen zulasten der Bevölkerung beeinflussen, und andererseits wird das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft allgemein geschädigt (was solchen Interessengruppen ein weiteres Mal nützen kann). Dadurch muss man sich immer mal wieder fragen “Von wem wurde der wohl gekauft?” – ohne dass ich aber im aktuellen Fall unfundierte Unterstellungen etwa gegen Prof. Köhler verbreiten will; mir ist soweit nichts bekannt z. B. über finanzielle Verwicklungen mit der Autoindustrie (außer den oben genannten mit gewissen politischen Parteien).

Wie bewertet man den Stand der Wissenschaft?

In manchen Köpfen geistern äußerst seltsame und weltfremde Vorstellungen davon herum, wie man den derzeitigen Stand des Wissens am zuverlässigsten feststellen solle. Beispielsweise gibt es die Meinung, man frage am besten nicht die Experten im jeweiligen Gebiet, weil die ja ohnehin befangen seien, sondern eine handvoll sich äußerst kompetent fühlender Leute, die zwar im relevanten Fachgebiet nichts oder wenig an wissenschaftlichen Erkenntnissen veröffentlicht haben, aber umso stärkere Meinungen vertreten. Man brauche dafür auch nicht detaillierte Belege; es genügt ja, wenn diese Leute versichern, sie könnten bei Bedarf alles detailliert begründen.

Ich habe zu dieser Frage freilich eher altmodische Ansichten. Mir ist nämlich bewusst, dass eine Wissenschaft wie die Epidemiologie ein äußerst komplexes Feld ist, welches nur diejenigen voll überschauen können, die auch jahrelang darin aktiv arbeiten. Da kann es ganz leicht passieren, dass der Nicht-Experte bestimmte Erkenntnisse als merkwürdig und unglaubwürdig empfindet, weil ihm schlicht das nötige Wissen fehlt. Aus solchen Gründen würde auch ich als Physiker mit sehr umfangreichem Wissen über Energie mir beispielsweise niemals anmaßen, die Einschätzung der Klimagefahren durch die jeweiligen Wissenschaftler einfach beiseite zu wischen und meine eigenen Meinungen zu solchen Themen an deren Stelle zu setzen. Gerade auch wegen der Komplexität solcher Dinge beginne ich gar nicht erst den Versuch einer fachlichen Analyse diverser Einwände gegen die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung – überlassen wir dies doch einfach denen, die hierfür kompetent sind. Auch wenn einige der angeführten Argumente so offenkundig fragwürdig sind, dass man schon ohne spezielles Fachwissen hellhörig werden muss. Nur zwei Beispiele dafür:

  • “Nun hat jedes Gift, auch das Stärkste, eine Schwellendosis.” Das ist eine unbelegte Behauptung, die schon aus prinzipiellen Gründen kaum wissenschaftlich belegt werden kann - wie auch sollte dies geschehen?, – und die für etliche Gifte (etwa genotoxische) sogar ziemlich unplausibel ist.
  • “Wenn nun aber die Luftverschmutzung so gefährlich wäre, so müsste sie ein typisches Vergiftungsmuster verursachen, wie es für jedes Gift mehr oder weniger typisch ist.” Man muss nicht Mediziner sein, um dies als Unsinn zu erkennen: Gerade chronische Vergiftungen äußern sich sehr oft gerade nicht mit spezifischen Symptomen.

Völlig außer Acht gelassen wird auch beispielsweise, dass sekundäre Luftschadstoffe aus Stickoxiden gebildet werden – beispielsweise das gerade für Kranke sehr schädliche Reizgas Ozon.

Ein Professor Dieter Köhler kann die Mehrheit seiner eigenen Fachkollegen natürlich nicht überzeugen, auch nicht mit Hilfe seines “glühenden Diesel-Fans” Thomas Koch. Dies “erklärt” er dann einfach mit der unverschämten und nicht näher belegten pauschalen Unterstellung, die ihm nicht folgenden Kollegen seien eben alle irgendwie befangen oder inkompetent. Wie muss sich dabei beispielsweise das Mitglied eines Expertenteams fühlen, welches jahrelang hunderte groß angelegter epidemiologische Studien durchgeackert hat, um sie genau zu analysieren, ihre Ergebnisse miteinander kritisch zu vergleichen und schlussendlich zu einer ausgewogenen Bewertung des aktuellen Stands des Wissens zu kommen? Ich kann mich jedenfalls kaum darüber wundern, dass Prof. Heinz-Erich Wichmann, ehemaliger Direktor des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München, in der Diskussionssendung von Anne Will am 27.01.2018 teils etwas gereizt wirkte.

Wenn ein Professor Köhler seine Kollegen im In- und Ausland großmehrheitlich nicht mit seinen Argumenten überzeugen kann, sieht er die Rettung dann offenbar aber darin, sich direkt an die Öffentlichkeit zu wenden. Leute wie unser Verkehrsminister sind auch wirklich viel dankbarere Abnehmer solcher Absonderungen als die Kollegen in der Wissenschaft. Nur kann ich in diesem Vorgehen schwer einen Beitrag zur “Versachlichung der Diskussion” führen; es liegt ja denkbar fern von einem wissenschaftlichen Vorgehen, wozu unter anderem gehören würde:

  • dass man die Autorschaften klar und unmissverständlich offenlegt, ggf. auch mögliche Interessenskonflikte (etwa bei einem Diesel-Fan mit politischer Agenda),
  • dass man seine Erwägungsgründe detailliert darlegt anstatt nur zu versprechen, man habe welche,
  • dass man grundlegende Aspekte wie hier z. B. das Vorsorgeprinzip und Gefährdung von Kindern, Alten und Kranken nicht komplett ausblendet,
  • und dass man nicht wissenschaftliche Erkenntnisse angreift, ohne sich dabei selbst dem üblichen Peer-Review-Verfahren (also der möglichen Kritik von Fachkollegen vor der Veröffentlichung) auszusetzen.

In Wirklichkeit ist es einfach so, dass eine wie auch immer motivierte Minderheit von Lungenärzten (und anderen!), die schon aus Kapazitätsgründen gar nicht die Chance hat, beispielsweise den Stand der von ihr nicht betriebenen Wissenschaft umfassend festzustellen, sich über Gebühr das Gehör der Öffentlichkeit erkämpft und dabei von gewissen Interessengruppen begeistert unterstützt wird.

Wie entstehen Grenzwerte?

Es ist auch instruktiv, über die Entstehung von Schadstoffgrenzwerten etwas nachzudenken.

Zunächst einmal erlassen Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) keine Grenzwerte, sondern bemühen sich nur um die Schaffung der wissenschaftlichen Grundlagen dazu. Daraus entwickeln sie sogenannte Richtwerte, die als aus gesundheitlicher Sicht wünschenswerte Grenzen z. B. für die Schadstoffimmissionen in Städten zu verstehen sind. Auf dieser Stufe dürften die Einflüsse mächtiger Lobbygruppen noch relativ schwach sein; um seine Stimme in solchen Gremien zu erheben, muss man eine profunde wissenschaftliche Qualifikation aufweisen. Das schließt übrigens nicht aus, dass auch hier schwach begründete Meinungen eingehen, aber der wissenschaftliche Prozess (ausführlicher Dialog einer Vielzahl von Experten) dürfte die meisten Fehler bald ausmerzen.

Entscheidungen für Grenzwerte fallen dann beispielsweise in EU-Fachgremien, die einerseits das gesundheitlich Wünschenswerte zur Kenntnis nehmen, andererseits aber auch die praktischen Schwierigkeiten der Umsetzung stark berücksichtigen. Gehört werden hier nicht nur Wissenschaftler, sondern richtigerweise auch diverse Interessengruppen – beispielsweise Industrieverbände und Umweltorganisationen, wobei die letzteren natürlich mit wesentlichen Nachteilen zu kämpfen haben, beispielsweise massiv geringeren Budgets. Zu glauben, so entstandene Grenzwerte würden leicht zu einem übertriebenen Schutz der Gesundheit führen auf Kosten wirtschaftlicher Interessen, ist schlicht weltfremd. Typischerweise entstehen Kompromisse zwischen dem gesundheitlich und ökologisch Wünschbaren und den Interessen von Lobbygruppen. Im Falle der Grenzwerte für Stickoxide führte dies in der EU übrigens zu einem Langzeit-Immissionsgrenzwert von 40 μg/m3, was dem Doppelten des Richtwerts der WHO entspricht und deswegen von etlichen Wissenschaftlern kritisiert wird. Es ist eben ein Kompromiss.

Fake News statt Fakten – ein aktueller Trend

Die aktuelle Geschichte mit den Lungenärzten passt leider bestens in einen aktuellen Trend, der stärker im angelsächsischen Bereich wirkt, aber offenbar mehr und mehr auch zu uns nach Europa herüberschwappt. Wenn einem wissenschaftliche Ergebnisse nicht passen, sucht man sich einfach irgend einen Außenseiter und erklärt die Mehrheit der Fachleute zu Idioten (die zum Beispiel die Sache mit den Störchen und den Kindern noch nicht begriffen haben) oder von irgendwie befangenen Leuten (nach dem Motto “Wir nicht, aber die auch!”). Letztendlich kann sich dann jeder beispielsweise am Stammtisch seine eigene Meinung zu Fragen wie den Klimagefahren bilden und diese dann über die Resultate der entsprechenden Experten darstellen.

Es ist leicht erkennbar, welche enormen Gefahren in solchen Praktiken liegen. Das Funktionieren unserer modernen Gesellschaft hängt ja mehr und mehr davon ab, dass Entscheidungen großer Tragweite zu komplexen Dingen auf möglichst vernünftige Weise gefällt werden. Wenn es aber z. B. jedem Verkehrsminister in Nöten gestattet wird, einfach die wunderlichen Meinungen eines Professor Köhler und seines Diesel-Kumpels über die Mehrheitsmeinung der Wissenschaft zu stellen, um die europaweit geltenden Grenzwerte auszuhebeln, wird der Willkür Tür und Tor geöffnet, und Fakten zählen immer weniger. Es ist höchste Zeit, sich gegen so gefährliche Tendenzen energisch zur Wehr zu setzen.

Weitere Lektüre

Bitte beachten Sie auch meinen Artikel vom 15.02.2019 mit der Diskussion weiterer sachlicher Fehler.

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Dieser Artikel erschien als Teil des RP-Energie-Blogs von Dr. Rüdiger Paschotta. Sie können Links auf diese Seite setzen, da ihre Adresse permanent ist, und die Seite auch zitieren. Siehe auch das RP-Energie-Lexikon.

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Kommentare von Lesern

09.02.2019

Ich wohne seit über 20 Jahren an einer stark gefahrenden Bundesstraße, am Ende des letzten Jahrhunderts fiel mir auf, dass die Dieselfahrzeuge gestunken haben. Da ich Allergiker bin, habe ich dies zunächst auf die leichte Schulter genommen, aber es wurde immer unerträglicher, so dass ich eines guten Tages zum Technischen Überwachungsverein gegangen bin, um dort herauszufinden, worauf dieser Gestank zurückzuführen ist. Der dortige Ingenieur erklärte mir, dass es an der neuen Dieseltechnologie liegen würde, im Gegensatz zu dem vorherigen Verfahren, wo sonst nur große Rußpartikel aus der Abgasanlage in die Umwelt gelangt sind und diese durch ihr Gewicht sich sofort am Straßenrand abgesetzt haben, würde das neue Verfahren nun diese groben Partikel so fein zerstäuben, und diese sollten dann der Verbrennung noch einmal zugeführt werden; im schlechtesten Fall würden die Nanopartikel in die Umwelt gelangen und könnten dort auf Grund ihrer Giftigkeit ihr Unwesen treiben.

Jetzt stellt sich für mich die Frage, ob diese Nanopartikel Schuld an meiner schweren Herzerkrankung sind, da diese Nanopartikel bis ins Blut vordringen können, sodass diese Schuld an den entzündlichen Vorgängen sind, die wiederum zu Gefäßverschlüssen führen und die Fließeigenschaft des Blutes verândert. Sonst finde ich keine Erklärung dafür, dass mir in den letzten Jahren mittlerweile 16 Stents in den Herzkranzgefäßen implantiert werden mussten.

Des weiteren stelle ich mir die Frage, da die Nanopartikel so klein sind verbinden diese sich auch mit den Blütenpollen, könnte es sein das in diesem Zusammenhang das Bienensterben mit den Nanopartikeln in Verbindung gebracht werden könnte?

Antwort vom Autor:

Man weiß, dass Dieselabgase definitiv gesundheitsschädlich sind, insbesondere verantwortlich für viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Details sind aber noch lange nicht vollständig erforscht.

Es scheint tatsächlich erste Hinweise auf einen Zusammenhang mit dem Bienensterben zu geben, aber ich kann das nicht einschätzen.

12.02.2019

Wer sind eigentlich Professor Köhler und Kollegen? Auf einmal werden hier irgendwelche Lungenspezialisten aus dem Hut unserer Politik gezaubert, und schwubdiwup sind alle Grenzwerte nicht mehr so wichtig. Besser ist, man setzt die Grenzwerte hoch und redet die Rußpartikelbelasstung schön. Dies ist ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die unter den Umwelteinflüssen zu leiden haben. Meiner Ansicht nach hat dieser alte Professor Köhler ein großes Problem damit, diese Angelegenheit richtig einzuschätzen, und sollte sich besser zur Ruhe setzen und einfach nur schweigen.

Antwort vom Autor:

Diese Empfehlung scheint mir vernünftig.

04.05.2019

Eigentlich wollte ich mich heute einmal über den Emissionshandel informieren und bin dabei auf den Beitrag von Herrn Dr. Paschotta hier im RP-Energie-Lexikon gestoßen. Davon war ich ob seiner Sachlichkeit beeindruckt. Chapeau!

Spaßeshalber habe ich dann auf die Quizfrage des Autors zum Thema Fracking geclickt. Die dort angebotene Auflösung fand ich schon deutlich weniger überzeugend.

Schließlich aber habe ich mir den Beitrag “Lungenärzte gegen Immissionsgrenzwerte” angesehen. Hier hat der Autor in meinen Augen seinen gesamten Kredit verspielt. Bornierter und voreingenommener geht es kaum. Mir kommt die Galle hoch, wenn er von “ein Professor Köhler” spricht oder wenn ich z.B. lese: “Gerade auch wegen der Komplexität solcher Dinge beginne ich gar nicht erst den Versuch einer fachlichen Analyse diverser Einwände gegen die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung - überlassen wir dies doch einfach denen, die hierfür kompetent sind.” Nein, das ist nicht meine Meinung von Wissenschaft. Jedermann sollte Plausibilitätsprüfungen machen können und nicht nur einfach der Mehrheitsmeinung “glauben”. Dies gilt insbesondere dann, wenn es sich um medizinische Forschung handelt (beispielsweise ist die mittlere Qualität medizinischer Doktorarbeiten ja weithin bekannt).

Von einem promovierten und habilitierten Physiker hatte ich mehr erwartet.

Antwort vom Autor:

Ich habe selbstverständlich nichts dagegen, dass jedermann irgendwelche Plausibilitätsprüfungen anstellt. Das tue ich selbst übrigens auch ständig. Was aber gar nicht geht: dass jemand auf der Basis von ein paar solchen kruden Überlegungen, die zudem in wesentlichen Punkten schon leicht erkennbar grob falsch sind, meint, den Stand der Wissenschaft umwerfen zu müssen.

Zu einem vernünftigen Umgang mit solchen Dingen (und mit Wissenschaftlern) gehört meines Erachtens, dass man seine eigenen Grenzen kennt und nicht mit einer Kombination von Ignoranz und Arroganz all die Resultate vom Tisch haut, die einem auf den ersten Blick nicht als plausibel vorkommen.

Dass es auch wissenschaftlichen Arbeiten oft sehr an Qualität fehlt, ist mir schmerzlich bewusst. So etwas korrigiert man als Wissenschaftler aber durch Publikation besserer Darlegungen in den einschlägigen Journalen (mit Peer Review) und nicht durch unfundierte und überaus polemische Behauptungen in Talkshows.

Wohlgemerkt sind das, was Professor Köhler hier kritisiert hat, nicht einfach ein paar minderwertige Doktorarbeiten, sondern die Resultate jahrelanger Arbeit durch eine große Gruppe von Experten aus vielen Ländern. Da braucht es schon etwas mehr Substanz, um all dies umzuwerfen.

Dasselbe erleben wir ja ständig mit diversen “Klimaskeptikern”, die alles Mögliche nicht richtig verstanden haben, sich aber für kompetenter halten als all die Wissenschaftler, die sich Tag für Tag mit der Problematik auseinandersetzen. So kommen wir nicht weiter, vor allem nicht zu vernünftigen Entscheidungen.

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