RP-Energie-Lexikon
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Pluralität der Denkweisen zu Klima, Energie und Corona-Krise: Segen oder Fluch für unsere Gesellschaft?

Erschienen 2021-11-09 im RP-Energie-Blog (als E-Mail-Newsletter erhältlich!)

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Autor: , RP-Energie-Lexikon, RP Photonics Consulting GmbH

Inhalt: Kontroversen in den Bereichen Energie und Klimaschutz sowie zur Coronaviren-Pandemie werden heftiger, und festgefahrene, unüberbrückbar werdende Positionen drohen zuzunehmen. Andererseits ist die Vielfalt von Denkweisen auch eine große Stärke unserer Gesellschaft. Im Artikel wird analysiert, worauf diverse Differenzen beruhen, inwieweit sie noch unüberbrückbar sind und wo Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt drohen.

Rüdiger Paschotta

(Der Artikel wurde am 11.11. und 13.11.2021 noch in diversen Punkten erweitert.)

Zu wichtigen Zukunftsthemen wie die Weiterführung der Energiewende und den Klimaschutz gibt es seit langem einen Wettstreit verschiedener Denkweisen. Neuerdings erleben wir insbesondere auch im Zusammenhang mit der Coronaviren-Krise den Zusammenstoß konträrer Meinungen sowohl betreffend die Sachlage als auch das als angemessen betrachtete Vorgehen. Einerseits ist die Meinungsfreiheit ein hohes Gut und die große Pluralität der Denkweisen eine besondere Stärke unser demokratisch organisierten Gesellschaft. Andererseits gibt es aber auch Anlass zu großen Sorgen, dass die Überbrückung ernsthafter Differenzen, ja sogar die Einigung auf schlichte Fakten hier und da zunehmend schwieriger wird. Deswegen lohnt sich die Beschäftigung mit der Natur solcher Diskrepanzen und mit ihren Auswirkungen. Dies führt zu Fragen wie den folgenden:

Selbstverständlich kann ein Artikel wie dieser keine endgültigen Antworten auf solche Fragen geben, aber doch hoffentlich wertvolle Anregungen dazu liefern. Konstruktive Rückmeldungen sind willkommen; siehe dazu das Formular am Ende der Seite.

Kontroversen in der Energie- und Klimapolitik

Der frühere Streit um die Kernenergie

In früheren Jahren dominierte der Streit um die Kernenergie. Die einen sahen diese als unverzichtbare Errungenschaft der Moderne und als eine wichtige Basis für die Entwicklung der Industrie und unseres Wohlstands durch die Bereitstellung großer Mengen billiger Energie. Andere dagegen fürchteten sich vor schweren Atomunfällen, die womöglich ganze Gegenden unbewohnbar machen könnten. Diverse Studien zur Sicherheit von Kernkraftwerken bescheinigten diesen geringfügige Risiken – mit einer eher theoretischen Möglichkeit schwerer Unfälle, für die eine extrem geringe Wahrscheinlichkeit angegeben wurde. Dies überzeugte die Befürworter der Kernenergie, fand aber keinen Glauben bei den Gegnern, zumal das Vertrauen aus verschiedenen Gründen bereits ziemlich angeschlagen war. Kaum ein Thema war in früheren Jahren die Problematik der Klimagefahren durch fossile Energieträger, die durch Kernenergie vermieden werden könnten – eher noch die Luftschadstoffe als Verursacher von Waldschäden.

Die Katastrophe von Tschernobyl erschütterte dann den Glauben in die Sicherheit der Kernenergie erheblich, und das Desaster von Fukushima versetzte diesem einen weiteren schweren Schlag, der in Deutschland sogar die konservative Bundesregierung zur Rückkehr zum Atomausstieg bewegte. Dies vordergründig, weil man die Kernenergie als der Bevölkerung nicht mehr vermittelbar ansah, aber vermutlich auch wegen der inzwischen erkannten Kostenproblematik: Die vor allem durch erhöhte Sicherheitsanforderungen immer weiter steigenden Kosten machten die Technologie auch für die Industrie immer weniger attraktiv.

Die heute gelegentlich gehörte Meinung, man hätte aus Gründen des Klimaschutzes den Atomausstieg erst nach dem Kohleausstieg vornehmen sollen, ist für mich immerhin wesentlich überzeugender als die Behauptung extrem geringer Risiken und enormer wirtschaftlicher Vorteile. Aber für eine klare Mehrheit sind die Risiken alternder Kernkraftwerke (die aktuelle Sicherheitsstandards längst nicht mehr erfüllen) eben nicht auf Dauer hinnehmbar, und eine Renaissance der Kernenergie wird aus Kostengründen ohnehin nicht kommen. Dieses Streitthema ist also so gut wie vom Tisch.

Klimagefahren, die erkannte große Herausforderung

Heute stehen zurecht die Klimagefahren im Vordergrund der energiepolitischen Diskussion. Während einerseits mittlerweile den meisten klar sein dürfte, dass eine umfassende Energiewende insbesondere mit einer schnellen Abkehr von den fossilen Energieträgern absolut notwendig ist, graut es vielen angesichts der Größe der Herausforderung. Wäre die Energiewende in den letzten Jahrzehnten beherzt weiter getrieben worden, wäre das wohl recht gut zu bewältigen gewesen. Nach mehreren verschlafenen Jahrzehnten, in denen ein großer Teil unseres CO2-Budgets entsprechend dem 1,5-Grad-Ziel sinnlos verprasst wurde, muss das Tempo nun heftig angezogen werden, was die Sache auch weitaus teurer macht, als sie hätte sein müssen. Diese oft als beängstigend empfundenen Herausforderungen motivieren nun etliche Leute zur Suche nach einfachen Auswegen:

  • Die allereinfachste (aber natürlich extrem schwache) Antwort auf die Herausforderungen ist die Leugnung der Klimagefahren gegen alle Evidenz der Wissenschaft und sogar trotz der konkret erlebbaren Dürrephasen und Überschwemmungskatastrophen. Diese Haltung entsteht einerseits durch die Angst vor den notwendigen Umwälzungen und wird andererseits auch noch gezielt befördert von gut organisierten Partikularinteressen; die Lobby der fossilen Energieträger hat Milliarden zu verlieren und gibt diese nicht kampflos auf. Eine anscheinend weltweit orchestrierte Lügenkampagne tut sich mit der Mehrheit der deutschen Gesellschaft mittlerweile recht schwer, wurde deswegen auch schon in Teilen aufgegeben, findet aber in gewissen Milieus (z. B. der AfD) immer noch einen fruchtbaren Boden.
  • Andere träumen wieder heftig von einer Renaissance der Kernenergie und reden sich ein, damit eine alternative Lösung zu haben. Sie blenden geflissentlich aus, dass nicht einmal mehr die Industrie Interesse daran hat. Die paar derzeitig verfolgten Neubauprojekte (etwa in Frankreich, Finnland und Großbritannien) zeigen ja auch so verheerende Kosten, dass ohne milliardenschwere staatliche Subventionen nichts mehr zu machen ist; die weiter steigenden Kosten liegen schon weit über denen für erneuerbare Energien, die gleichzeitig weiter sinken. Ein Stück weit relativiert dies zwar der größere Bedarf für Energiespeicher bei den Erneuerbaren, aber da starke Stromnetze (Stichwort Supergrid) den Speicherbedarf massiv reduzieren können, kann dies die Sache der Kernenergie nicht mehr retten. Dieser Teil der Diskussion wird also m. E. kaum noch Zukunft haben.
  • Ein anderer Ansatz ist bei der scheidenden konservativen Bundesregierung zu beobachten und auch sonst in weiten Kreisen populär: Man gibt einerseits die Notwendigkeit entschiedenen Handelns inzwischen freimütig zu, ergreift andererseits aber konsequent immer bei weitem zu wenig effektive Maßnahmen, um die gesetzten Ziele in vernünftiger Zeit erreichen zu können. Man meint sogar teils auf die am niedrigsten hängenden Früchte verzichten zu können (etwa das allgemeine Tempolimit auf Autobahnen), bzw. hält selbst den geringsten Verzicht für unzumutbar und setzt darauf, dass das Problem schon irgendwie von selbst verschwinden würde. Selbst diejenigen, die sonst mit sozialen Anliegen denkbar wenig am Hut haben, gebärden sich dann noch als Beschützer der Interessen der kleinen Leute. Das wäre fast schon lustig, wenn es nicht doch oft ganz ordentlich funktionierte.

Worauf basieren die Unterschiede?

Interessant ist nun die Frage, woraus genau sich die Differenzen der Sichtweisen ergeben:

  • Wenigstens in Europa spielt der Streit um die Fakten der Klimaproblematik keine große Rolle mehr, nachdem er allerdings doch für viele Jahre die Diskussion verwirrt und Maßnahmen elend verzögert hat.
  • Es gibt verschiedene Sichtweisen darüber, welche Lösungswege funktionieren könnten – etwa eine gewaltige Ausdehnung der Kernenergienutzung oder ein noch viel breiterer Ausbau der erneuerbaren Energien – und welche zusätzlichen Maßnahmen hierbei sinnvoll wären (etwa ein starker Ausbau der Stromnetze oder von umfangreichen Energiespeichern). Jedoch scheint mir, dass häufig weniger die Überzeugungskraft einer bestimmten Handlungsoption im Vordergrund steht sondern mehr die Ablehnung anderer Optionen, vor denen man sich fürchtet. Beispielsweise selbst mancher auf Kernenergie nicht etwa, weil er einen konkreten Plan sähe, wie wir damit auf kostenverträgliche Weise das Klimaproblem lösen könnten, sondern eher, weil er an die erneuerbaren Energien nicht glaubt und somit irgendetwas anderes nötig ist. Bei den Fans der Erneuerbaren ist oft Ähnliches zu beobachten: Manche interessieren sich für die Erarbeitung konkreter Lösungen weniger als für die Abwehr anderer Ansätze.
  • Zusätzlich gibt es starke Unterschiede in der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen:
  • Manche zweifeln ganz grundlegend an der Möglichkeit einer umfassenden Kooperation, sehen ein rücksichtsloses Festhalten an eigenen Vorteilen als den einzige überhaupt denkbaren Weg in schwierigen Zeiten und müssen folglich vor der Klimaproblematik kapitulieren oder sie ersatzweise dann eben leugnen.
  • Andere erkennen eine umfassende Kooperation als die einzige Chance, eine Klimakatastrophe noch abzuwenden, und setzen deswegen voll darauf – auch mit der Bereitschaft zu gewissen Vorleistungen sowie im Bewusstsein, dass wir durchaus auch auf diesem Wege scheitern könnten. Wohl weil einem so wenigstens noch eine Chance bleibt, neigt man mit diesen Denkweisen weniger zur Leugnung der Problematik.
  • Bei manchen Akteuren werden die Sichtweisen durch harte wirtschaftliche Interessen diktiert: So muss etwa die Gaswirtschaft das Erdgas als eine vergleichsweise saubere Brückentechnologie anpreisen, die Problematik der klimaschädlichen Methanverluste tunlichst unter den Teppich kehren und Power to Gas als die zentrale Zukunftstechnologie portieren, nachdem eine Zukunft der Gaswirtschaft auch nur so aussehen kann.

Fakten und Logik sind nicht alles

Eine Gesamtsicht auf die Energie- und Klimaproblematik ergibt sich wohlgemerkt keineswegs zwangsläufig aus Fakten und logischen Schlüssen:

  • Die Fakten ernsthaft anzuschauen und nach einer schlüssigen Strategie zu suchen, hat diverse Voraussetzungen: nicht nur eine gewisse Sachkenntnis (die bei der Beschäftigung mit der Sachlage wachsen kann), sondern auch die psychische Kraft, um Bedrohungen zu konfrontieren und nicht einfach zu verdrängen. Und wenn das Leben sonst schon kompliziert und mühsam ist (etwa durch unsichere ökonomische Situation oder chronische menschliche Konflikte im Umfeld), wird man tendenziell eher zu einfachen Pseudolösungen wie Leugnung oder Verdrängung suchen.
  • Es gibt einen Konflikt zwischen langfristigen Interessen und kurzfristigem Wohlergehen, und damit gehen Menschen unterschiedlich um. Während viele gerne “im Augenblick leben” möchten (z. B. Zukunftssorgen verdrängen), geben andere langfristigen Überlegungen viel mehr Gewicht und suchen nach einem Plan, der zukünftiges Wohlergehen vorbereitet.
  • Eine andere Abwägung betrifft die Interessen der Menschheit als Ganzes (einschließlich der kommenden Generationen) und die des eigenen Umfelds. Während die einen von grundlegenden Menschenrechten ausgehen, die jedem zustehen, halten sich andere nur eine viel kleineren Kreis von Menschen gegenüber verantwortlich – im Extremfall sogar nur für sich selbst. Die horrenden Ungerechtigkeiten gegenüber Menschen in armen Ländern und den zukünftigen Generationen, die die Verantwortlichen bisher mit ihrer tatenlosen Politik in Kauf nehmen, sind eigentlich unbestreitbar, und doch besteht immer noch kein Konsens darüber, dass dies definitiv nicht hinnehmbar ist. Nicht wenige bewerten z. B. selbst ihr Vergnügen, in einem dicken SUV zu fahren, klar höher als ihre Verantwortung.
  • Die Komplexität der Sachlage ist so groß, dass eine realistische Gesamtstrategie schwer zu finden und im Detail zu prüfen ist. In jedem Fall bleiben viele Unsicherheiten, deren Bewertung ein Stück weit subjektiv bleiben muss.
  • Eine umfassende Prüfung der komplexen Sachlage durch einen Einzelnen ist völlig unmöglich. In dieser Situation kann man sich auf die Erkenntnisse der am besten informierten Gruppen verlassen (etwa der Wissenschaftler), oder auf Parteien, denen man sich zugehörig fühlt, oder nur auf das eigene Bauchgefühl. Manche stellen durchaus das eigene Bauchgefühl, frei von jedem konkreten Sachverstand, über die noch so fundierten Resultate einer riesigen Zahl von Wissenschaftlern – häufig, weil ihnen die Resultate irgendwie nicht passen, oder weil es an Vertrauen in anonym erscheinende Fachpersonen fehlt. Ein grenzenloses Vertrauen dieser Art wäre ja auch durchaus nicht gerechtfertigt; manche von einer breiten Fachwelt vertretenen Positionen haben sich Jahre später durchaus als ziemlich falsch erwiesen, etwa betreffend die Sicherheit und die Kosten der Kernenergie. Aber es ist natürlich extrem fragwürdig, deswegen das eigene Bauchgefühl über alles zu stellen; anzustreben ist vielmehr eine Kompetenz im Umgang mit Unsicherheiten, d. h. für die Bildung von Positionen, die aus dem verfügbaren begrenzten Wissen möglichst vernünftige vorläufige Schlüsse ziehen. An solchen Kompetenzen fehlt es jedoch nicht nur der allgemeinen Bevölkerung, sondern teils sogar bei Fachpersonen.

Konflikte in der Pandemie

In der Coronaviren-Pandemie seit 2020 gibt es wiederum einen teils sogar ziemlich festgefahrenen Konflikt verschiedener Meinungen. Manche Aspekte erinnern durchaus an frühere Streitigkeiten in anderen Gebieten, aber es gibt auch spezifische Aspekte. Einige Gedanken hierzu:

  • Während die grundlegenden Aspekte von durch Viren verursachten Infektionen und der Problematik der gegenseitigen Ansteckungen von den meisten einigermaßen verstanden werden, krankt die Diskussion häufig an einem fundamentalen Unverständnis grundlegender Aspekte einer Pandemie (auch bei manchen Politikern, vereinzelt sogar bei Ärzten). Insbesondere scheinen viele nicht zu verstehen, dass das momentane Verhalten der Bevölkerung (etwa Kontaktbeschränkungen zur Vermeidung von Infektionen) nicht einfach nur die Infektionsrate der nächsten Woche bestimmt, sondern das exponentielle Wachstum. Wenn die Eindämmungsmaßnahmen nicht ausreichen, wird der bekannte R-Wert größer als 1 mit der Folge, dass man ein solches exponentielles Wachstum erhält, welches in kürzester Frist zu einer für jeden inakzeptablen Krisensituation führt. Auch mit einer drastischen Ausweitung der Bettenkapazitäten auf Intensivstation gewönne man kaum Zeit. Es geht also eben nicht darum, ob man nicht ein paar mehr Infektionen tolerieren könnte, sondern ob man die Infektionen völlig außer Kontrolle geraten lässt. Bereits braucht man keineswegs perfekte Maßnahmen, um den R-Wert unter 1 zu drücken und damit das Problem weitestgehend zu entschärfen.
  • Eine Gemeinsamkeit mit der Klimakrise besteht darin, dass mit dem “Gegner” (hier: den Viren) nicht verhandelt werden kann; wenn man nicht genug tut, gerät man als Gesellschaft unvermeidlich unter die Räder.
  • Eine weitere Gemeinsamkeit liegt darin, dass recht einschneidende Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Krisen notwendig sind – auch wenn der Zeithorizont dafür bei der Virenkrise viel kürzer ist. Da die Nebenwirkungen (etwa wirtschaftlicher Art) erheblich sind und die Nerven bei vielen blank liegen, neigen wieder etliche zur Verleugnung des Problems – nicht weil man dafür überzeugende Evidenz hätte, sondern weil man die Maßnahmen und somit das Problem einfach nicht haben möchte. Alternativ kann man zwar das Problem akzeptieren, aber behaupten, die Maßnahme seien völlig unnötig, weil es viel bessere Ansätze gäbe (etwa die Stärkung des Immunsystems mit mehr oder weniger obskuren, wissenschaftlich nicht belegten Ansätzen). Das Resultat ist gewöhnlich, dass nicht nur die gesundheitlichen, sondern auch die wirtschaftlichen Schäden dann weitaus größer ausfallen, als es mit mehr Vernunft gekommen wäre.
  • Im Unterschied zur Klimakrise treffen einen die Folgen falschen Handelns zu einem guten Teil auch selbst – aber eben auch andere. So überstehen zwar vor allem junge Leute eine Infektion in den meisten Fällen problemlos, gefährden gleichzeitig aber Ältere und Kranke erheblich. Zusätzlich tragen Sie zur massenhaften Ausbreitung bei, was wiederum strengere Gegenmaßnahmen nötig macht.
  • Häufig übersehen wird leider, dass nicht wenige Infizierte selbst nach einem anfänglich nicht dramatischen Verlauf unter äußerst bedenklichen Long-Covid-Phänomenen leiden, was übrigens auch enorme Kosten für die Gesellschaft bedeuten könnte (etwa durch lang dauernde Arbeitsunfähigkeit vieler Menschen). Ebenso übersehen wird, dass die Entstehung neuer, noch bedenklicherer (z. B. ansteckenderer) Virusvarianten umso wahrscheinlicher ist, je weniger die Infektionen eingedämmt werden. Diese Aspekte ähneln der Blindheit eines großen Teils der Bevölkerung für diverse Nebenwirkungen der Klimakrise, etwa auf die Artenvielfalt, deren dramatische Reduktion uns wiederum in vieler Hinsicht sehr treffen kann.
  • Teils fällt auch eine eigentümliche Art von Komplexitätsreduktion auf: Man lehnt beispielsweise Maßnahmen aufgrund angeblich untragbare Kosten ab, ohne aber darlegen zu können, wie die Folgen beispielsweise einer ausufernden Infektionswelle bewältigt werden könnten.
  • Auch das angeschlagene Vertrauen in Fachpersonen spielt wieder eine wichtige Rolle; das nähert beispielsweise den (nach meiner Überzeugung zwar grundfalschen) Verdacht, die Impfkampagne sei in Wirklichkeit eher von Interessen der Pharmaindustrie getrieben als von vernünftigen Gründen. Dass dieser (teils sogar berechtigte) Mangel an Vertrauen für die Gesellschaft enorm schädlich sein kann, indem er hilfreiche Aktivitäten behindert, wäre übrigens ein weiterer Grund, gegen Fehlentwicklungen vorzugehen, die solches Vertrauen immer wieder beschädigen – etwa gegen ausufernden Lobbyismus der Pharmaindustrie und Geschäftemacherei von manchen Bundestagsabgeordneten.

Die Vielfalt von Meinungen zu dieser Thematik (etwa mehr oder weniger schräge Argumente zur Ablehnung von Impfungen) finde ich an sich weniger verständlich als im Falle der Klimakrise, da wirklich jeder gewisse Kernpunkte längst verstehen müsste:

  • Das genannte exponentielle Wachstum muss zwingend gestoppt werden, lange bevor ein großer Teil der Bevölkerung infiziert ist, weil sonst ein Zusammenbruch des Gesundheitssystems dramatische Folgen hätte und eine ausufernde Zahl von Long-Covid-Geschädigten ebenfalls völlig inakzeptabel wäre. Diese Meinung ergibt sich praktisch zwingend aus den bekannten und bestens abgesicherten Fakten. Ein vertieftes Verständnis der Virologie und Epidemiologie ist dafür nicht erforderlich.
  • Wir haben derzeit die “vierte Welle”, die wiederum Tag für Tag unzählige Leute tötet, weitere durch erlittene schlimme Wochen und/oder Long Covid schädigt sowie diverse nicht-gesundheitliche Schäden für die gesamte Gesellschaft anrichtet – und all das hätten wir nur in weitaus geringerem Ausmaß, wenn sich alle impfen ließen, für die kein vernünftiger Grund dagegen spricht. (Der R-Wert wäre dann mit moderaten Maßnahmen leicht unter 1 zu halten, mit der Folge einer weitgehend unterdrückten Pandemie.) Wir wissen zwar nie, wer genau wie stark durch Ansteckung anderer Menschen zur Entwicklung der Pandemie beiträgt. Jedoch ist klar, dass der genannte Personenkreis letztendlich verantwortlich ist für die (nur mit mühsamen und teuren Maßnahmen einigermaßen eindämmbaren) Folgen seines Nichthandelns. Absurderweise fühlen sich genau diejenigen, die sich objektiv asozial (nämlich ohne vernünftigen Grund gesellschaftsschädigend) verhalten, dann auch noch als die bösartig Verfolgten. Ich staune, dass eine breite Mehrheit von Vernünftigen dies immer noch hinnimmt.
  • Man kann natürlich darüber streiten, welche Maßnahmen genau das beste Verhältnis von Wirksamkeit und Nebenwirkungen hätten. Jedoch ist völlig klar, dass gerade die Bewältigung der Pandemie mit möglichst geringen Nebenwirkungen – was wir alle anstreben sollten – unmöglich gemacht wird, wenn ein wesentlicher Teil der Bevölkerung Obstruktion betreibt auf der Basis von unhaltbaren Meinungen. Hierdurch werden nämlich leicht vermeidbare Infektionen verursacht, die dann mit einschneidenden Maßnahmen irgendwie ausgeglichen werden müssen. (Dies ähnelt der Ablehnung eines Tempolimits als Klimaschutzmaßnahme zu Kosten von weniger als gar nichts, was dann zusätzliche kostspielige Maßnahmen erfordert.)
  • Auch die oft so entschiedene Ablehnung einer Impfpflicht (selbst z. B. für Altenpfleger) ist m. E. arg schwach begründet – meist ohne den Versuch einer vernünftigen Abwägung von Für und Wider einerseits auf ethischer Ebene und andererseits mit pragmatischer Vernunft. Wenn gegen die Impfpflicht etwa das Recht auf körperliche Unversehrtheit angeführt wird, während unzählige Menschen an der Pandemie leiden und sterben, ist das ziemlich irr: Eine minimale Gefährdung durch eine Impfung soll nicht zumutbar sein (trotz gleichzeitiger Vermeidung des meist viel größeren Risikos einer Ansteckung), die massenhafte Gefährdung durch Aufrechterhaltung einer Pandemie dagegen schon? Ein Problem wäre eher der gewaltige Stress für diejenigen, die sich aus irrationalen Gründen enorm vor einer Impfung fürchten, aber notfalls könnte man ja diejenigen ausnehmen, denen ein Psychiater amtlich bestätigt, dass sie durch einen Impfzwang unzumutbar nachhaltig geschädigt würden. (Übrigens, wer übernimmt eigentlich die Verantwortung für solche durch Fake News erst geschaffene Ängste?) Selbst für eine allgemeine Impfpflicht (d. h. nicht nur für besondere Berufe) kann man anführen, dass die für einen solchen Eingriff in die Freiheit des Einzelnen sehr “schwerwiegenden Gründe” auf Hand liegen: Schließlich wird unser aller Freiheit massiv beschränkt (auch unser Leben und Wohlstand bedroht) durch die vierte Welle, die es mit einer Impfpflicht so nicht gegeben hätte.
  • Diverse zirkulierende Verschwörungstheorien sind in dermaßen krasser Weise unplausibel, dass man über ihre Anhänger nur noch staunen kann. Wie kann man etwa glauben, eine Firma, die einen womöglich noch nicht einmal richtig funktionierenden Impfstoff entwickelt hat, könnte weltweit Zigtausende von Wissenschaftlern manipulieren, damit sie diese Impfungen empfehlen? Natürlich ohne dass es andere Wissenschaftler (oder z. B. auch konkurrierende Firmen) merken und lautstark anprangern!
  • Atemberaubend ist auch in diesem Gebiet die offenbar verbreitete Vorstellung, man könne auch ohne besondere Fachkenntnisse allein nach seinem Bauchgefühl genügend zuverlässig beurteilen, ob die wissenschaftliche Gemeinschaft in den Bereichen Virologie und Pandemieforschung korrekt gearbeitet hat. Die dahinter steckende Arroganz und Überheblichkeit sollte öfter mal deutlich herausgestellt werden. Ja, man darf auch uninformierte und dumme Meinungen frei äußern – aber man muss dann auch damit leben können, als uninformiert und/oder dumm erkannt zu werden.
  • Ein weiteres absurdes Element der Diskussion ist, dass einerseits völlig überzogene Ängste vor Nebenwirkungen der Impfung im Umlauf sind, andererseits aber die extremen Belastungen durch eine intensivmedizinische Behandlung kaum beachtet werden. Natürlich ist es theoretisch denkbar, dass wir selbst nach der Verabreichung vieler Millionen von Impfdosen, die soweit nur sehr seltene und in den allermeisten Fällen wenig bedrohliche Nebenwirkungen gezeigt haben, nach Jahren noch irgendwelche ernsten Langzeitwirkungen finden – was aber für Impfungen generell sehr ungewöhnlich wäre und deswegen eine sehr unplausible Annahme ist. Auf der anderen Seite ist völlig klar, dass die gar nicht so selten notwendige Behandlung auf einer Intensivstation für den Körper extrem belastend ist; das geht nicht ohne eine Vielzahl starker Medikamente (siehe z. B. einen Artikel im Stern), vor deren Nebenwirkungen man sich weitaus mehr fürchten müsste. Diese Risiken müssen dann aber in Kauf genommen werden, um wenigstens die akute Todesgefahr zu reduzieren. Oder sagt man dann, ich sterbe lieber, weil mir die Behandlung zu ungesund wäre?
  • Immer wieder hört man außerdem das dumme Argument, man sei ja auch mit Impfung nicht sicher beispielsweise vor einem Ende auf der Intensivstation. Zum einen ist die Wahrscheinlichkeit dafür wenigstens erheblich reduziert – ist das etwa nichts wert? Zum anderen sollte nochmals betont werden, dass dieses Restrisiko für die Geimpften zum größten Teil denen zu verdanken ist, die sich ohne vernünftigen Grund nicht impfen lassen. Impfdurchbrüche kämen kaum je vor, wenn nicht Millionen von Ungeimpftem die Pandemie am Laufen hielten.

Man muss hier leider zusätzlich zur Viren-Epidemie eine Epidemie der Irrationalität feststellen. Zwar ist die Gesamtlage sicherlich sehr komplex, und bei vielen Einzelentscheidungen ist die Abschätzung der Auswirkungen äußerst schwierig. Jedoch ist es in den meisten Fällen (also mit Ausnahme von Spezialfällen, z. B. mit bestimmten Vorerkrankungen) absolut offensichtlich, dass die Vorteile der Impfung die möglichen Nachteile bei weitem überschreiten – zunächst einmal für das Individuum und dann nochmals für die Gesellschaft. Dies also mit Hinweis auf irgendwelche unwahrscheinlichen Risiken abzulehnen, ist einfach irrational und verantwortungslos.

Ein produktiver Dialog?

Angesichts der Komplexität der zu lösenden Probleme, die die Fähigkeiten jedes einzelnen Individuums bei weitem übersteigt, ist eine intensive Zusammenarbeit vieler kluger Köpfe unabdingbar. Lösungen entstehen häufig in einem komplizierten Prozess des gedanklichen Austausches, der ein intensives Lernen bei vielen Beteiligten gleichzeitig voraussetzt und ermöglicht. Mut machen kann einem die Einsicht, dass genau diese Möglichkeiten die Grundlage des unglaublichen wissenschaftlich-technologischen und gesellschaftlichen Fortschritts sind, den wir in den letzten Jahrhunderten erleben durften. Dass so etwas geht, ist also längst eindrucksvoll bewiesen. Genau diese grundsätzliche Fähigkeit der fruchtbaren Kooperation hebt die Menschheit vielleicht am meisten gegenüber dem anderen Leben auf der Erde ab.

Es gibt natürlich längst einen sehr produktiven Dialog unter Leuten mit fundierter Sachkenntnis zu Themen wie Pandemie, Klimagefahren oder Energiepolitik und Energietechnologie – und zwar insbesondere im Bereich der Wissenschaft. Während gewisse Ignoranten lautstark und empört fordern, dass “alles auf den Tisch” müsse, ist genau das natürlich längst der gelebte Alltag in der Wissenschaft – nur dass Laien das meiste davon eben nicht mitbekommen, weil die Details zu kompliziert sind, um sie einem breiten Publikum leicht vermitteln zu können. Das ist natürlich ein Problem, da in wichtigen Bereichen wie Klimaschutz und Pandemiebekämpfung die breite Öffentlichkeit natürlich die Gelegenheit haben soll, die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die darauf basierenden Schlussfolgerungen einigermaßen nachzuvollziehen.

Es ist also notwendig, diesen produktiven Dialog ein Stück weit mit einem viel größeren Publikum zu führen. Dies freilich nicht so, dass die von Sachkenntnis unberührte Meinung besorgter Bürger oder auch die manipulierende Propaganda bezahlter Akteure als gleichwertig mit Resultaten der Wissenschaft gilt. Ein Dialog “auf Augenhöhe” kann nicht heißen, dass jede noch so unfundierte Meinung als berechtigt gilt und genauso verbreitet wird wie die Resultate jahrelang intensiv betriebene Wissenschaft. Vielmehr muss dies bedeuten, dass man als Fachperson große Anstrengungen unternimmt, die Kernpunkte der Resultate herauszuarbeiten und möglichst verständlich zu vermitteln – verständlich vor allem auch für diejenigen, die keinerlei besondere Sachkenntnis im Gebiet haben.

Diese Kunst beherrscht leider ein Großteil der Wissenschaftler nicht; umso mehr zu schätzen sind Einzelne, die sich gleichzeitig mit solider wissenschaftlicher Arbeit und mit ausgezeichneter Öffentlichkeits-Kommunikation profilieren. Als Beispiel nenne ich den Klimaforscher Stefan Rahmstorf mit einer Vielzahl von wissenschaftlichen Publikationen und einer Vielzahl anderer Aktivitäten wie etwa dem Blog Klimalounge.

Ein fruchtbarer Dialog fordert natürlich immer mindestens zwei Seiten. Wissenschaftlichen Laien können hier sinnvoll beitragen, z. B. indem sie einem undurchsichtig oder irritierend erscheinende Aspekte vorbringen – eben als unverstandene Dinge. Wer jedoch aus seiner eigenen Verwirrung gleich folgert, dass die Wissenschaftler offenbar nur Blödsinn produzieren und man auf sie nicht mehr hören muss, trägt offensichtlich nichts zum Dialog bei.

Wo Dialog unmöglich ist

So wichtig der gesellschaftliche Dialog auch ist, trifft er leider an einigen Stellen auf harte Grenzen:

  • Es klinken sich immer wieder bezahlte Propagandisten ein, die nicht nach Wahrheit suchen oder zu wahren Erkenntnissen beitragen wollen, sondern verdeckt bestimmte Interessen verfolgen, die häufig in krassem Widerspruch zu denen der Allgemeinheit stehen. Natürlich kann man nicht erwarten, diese mit Argumenten irgendwie zu überzeugen; höchstens kann man sie möglichst öffentlichkeitswirksam entlarven, um ihnen das Handwerk zu legen.
  • Bürger, die sich einmal auf das konsequente “Querdenken” festgelegt haben, scheinen leider oft durch Fakten und Logik prinzipiell nicht mehr erreichbar zu sein. Schließlich basiert ihr Festhalten an gewissen Positionen auch nicht auf der Überzeugungskraft von Fakten und logischen Schlüssen, sondern auf komplizierteren psychologischen Mechanismen – etwa auf Ängsten (etwa finanziellen Sorgen angesichts nötiger Klimaschutzmaßnahmen), auf Eitelkeit (mit der Notwendigkeit, sich vom verachteten “Mainstream” abzuheben) oder auf der Treue zu gesellschaftlichen Gruppen, von denen man sich abhängig fühlt. Es wird wohl noch viel Denkarbeit nötig sein, um geeignete Wege für die Auflösung solcher Blockaden zu finden.

Wo ein fruchtbarer Dialog offenbar sogar mutwillig gestört wird (etwa durch bezahlte Propagandisten, die Fake News verbreiten), muss man auch nach wirksamen und angemessenen Gegenmaßnahmen suchen. Auch die nicht böswillige, sondern nur dumme Verbreitung von Fake News ist so problematisch (in der Pandemie sogar tödlich!), dass man nicht mehr einfach nur zusehen kann. Natürlich ist aber ein Vorgehen z. B. im Bereich der Social Media äußerst schwierig; manchen propagierten Patentrezepten fehlt es sehr an Wirksamkeit oder Angemessenheit, und üble Nebenwirkungen werden oft zu wenig bedacht. Mir scheint, dass ein wirklich schlüssiges Konzept hier noch nicht existiert – aber früher oder später brauchen wir das. Auf dem Weg dorthin wird übrigens ein produktiver, auch kontroverser Dialog unter Fachleuten und in der breiteren Gesellschaft wiederum ein wichtige Rolle spielen.

Wie weiter?

Große Sorgen macht mir, dass in den letzten Jahren Folgendes immer deutlicher geworden ist:

  • Blockaden des gesellschaftlichen Dialogs werden von gewissen Kreisen mit großer Konsequenz und offenbar auch unter Benutzung erheblicher Ressourcen ganz gezielt geschaffen. Das sind gefährliche Angriffe, die auf eine Destabilisierung unserer Gesellschaft zielen.
  • Je mehr die Gesellschaft unter Stress steht, etwa verursacht durch Krisen und dadurch ausgelöste Konflikte, desto schwieriger wird es, noch einen vernünftigen Dialog und damit einen gewissen gesellschaftlichen Zusammenhalt aufrecht zu erhalten. Grauenhaft ist die Vorstellung, dass sich ab einem gewissen Punkt eine solche Entwicklung in einem Teufelskreis verselbstständigen könnte: dass sich nämlich Krisen durch das zurückdrängen der Vernunft aus der Politik verschärfen und dies wiederum durch stärkere Stressreaktionen die Sache der Vernunft weiter erschwert.

Die relative Stabilität unser europäischen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass katastrophale gesellschaftliche Krisen durchaus möglich sind; wir sehen sie ja auch in diversen Weltregionen sowie in der Geschichte Deutschlands und Europas. Die aktuellen Konflikte in Bereichen wie Energie und Klima sowie der Viren-Pandemie sollten wir nicht nur als solche ernst nehmen, sondern auch vor dem genannten Hintergrund betrachten.

In dieser Lage erscheint mir die Beschäftigung mit der Thematik dieses Artikels als extrem wichtig. Gerade junge Leute, die noch mehr an Zukunft zu verlieren haben als die älteren, sollten sich einerseits den aktuellen Problemen stellen und andererseits die gesellschaftlichen Dimensionen davon stets im Auge behalten. Der Anfang alles zielführenden Handelns ist intensive Denkarbeit durch die Einzelnen und im Dialog. Eine Vielzahl von Fragen muss weitaus klarer und ernsthafter angegangen werden als bislang; einige Beispiele:

  • Wie genau sieht ein vernünftiges Verhältnis von Freiheit und Verantwortung aus? Wo müssen die gesellschaftlichen Regeln entsprechend nachjustiert werden?
  • (Konkret zum Beispiel: Ist es noch haltbar, dass auch eine weit überdurchschnittliche Klimaschädigung durch Einzelne auch ohne triftigen Grund, nur mit dem pauschalen Hinweis auf menschliche Freiheit, geduldet werden muss?)
  • Wie geringfügig müssen negative Auswirkungen auf Andere sein, wenn Entscheidungen als völlig freie private Entscheidungen gelten sollen?
  • Welche Mechanismen könnten dabei helfen, das Trittbrettfahrer-Phänomen zu mildern, das sich etwa beim Klimaschutz so verheerend auswirkt?
  • Wie findet man in Situationen, die von wesentlichen Unsicherheiten bei der Beurteilung der Sachlage und der Konsequenzen von Handlungsoptionen gekennzeichnet sind, die jeweils vernünftigste Entscheidung? Wie schützt man sich gegen Fake News? (Ich verweise hier nochmals auf meinen Ratgeber zur Stärkung des geistigen Immunsystems.)

Die zu treffenden Entscheidungen werden nicht immer einfach sein. Beispielsweise müssen einerseits die Konflikte um die Pandemie und den Klimaschutz zukünftig intensiver ausgetragen werden, um die Kurve noch rechtzeitig zu bekommen, und andererseits sollte gleichzeitig so effektiv wie möglich dem drohenden Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts entgegengewirkt werden. Wohlgemerkt droht Letzteres gerade auch dann, wenn wir die Probleme nicht rechtzeitig bewältigen: einerseits durch immer schwerere Schäden (Tote und Langzeitgeschädigte, Flutopfer, Wohlstandsverluste usw.) und andererseits durch immer weiter steigende Anforderungen an unser Handeln (etwa Kontaktbeschränkungen und noch massivere CO2-Vermeidung, auch kostspielige negative Emissionen).

Andererseits sollten wir uns auch bewusst sein, dass die Menschheit bewiesenermaßen zu extremen Leistungen durch Kooperation fähig ist. Es gilt, solche Fähigkeiten zu mobilisieren unter Verwendung des vorhandenen Wissens, der menschlichen Intelligenz und reichhaltiger Kreativität. Die Weiterentwicklung und Verbreitung von Sachwissen, wie ich sie auch mit dieser Website versuche, ist hierbei von großer Bedeutung. Dies steht im weiteren Kontext intellektueller Fähigkeiten, etwa Dinge sinnvoll gedanklich ordnen oder auf Plausibilität prüfen zu können. Nicht weniger wichtig ist allerdings die Entwicklung einer Fülle menschlicher Qualitäten; um nur einige Stichworte zu nennen: Offenheit für andere (auch unbequeme) Positionen, Bewusstsein der eigenen Grenzen, Bereitschaft zur Korrektur und Weiterentwicklung eigener Positionen, das Eingehen auf Widerstände und Schwierigkeiten bei Gesprächspartnern, und eine gewisse Großzügigkeit, z. B. die Bereitschaft zu Vorleistungen. Solche Qualitäten gilt es nicht als mühsam zu erbringende Opfer zu begreifen, sondern als eine unverzichtbare Basis für Erfolg, der zusammen mit anderen (auch anders denkenden) Menschen erreicht wird und einen dann weiter ermutigen kann.

Dieser Artikel erschien als Teil des RP-Energie-Blogs von Dr. Rüdiger Paschotta. Sie können Links auf diese Seite setzen, da ihre Adresse permanent ist, und die Seite auch zitieren. Siehe auch das RP-Energie-Lexikon.

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