www.energie-lexikon.info, enlex.info
RP-Energie-Lexikon
fachlich fundiert, unabhängig von Lobby-Interessen

Standby-Verbrauch – eine neunzigköpfige Hydra

(Dieser Artikel ist in ähnlicher Form erschienen in Energie & Umwelt 2/2009, dem Magazin der Schweizerischen Energiestiftung. Er ist inzwischen veraltet, vor allem weil inzwischen der Standby-Verbrauch vieler Geräte durch EU-weit geltende Richtlinien stark begrenzt wird.)

Autor:

Der Standby-Verbrauch von Elektrogeräten ist ein zunehmendes und komplexes Problem, welches auf Energieeffizienz gerichtete Bemühungen immer wieder untergräbt. Hier sollen die technischen Hintergründe beleuchtet und einige Maßnahmen aufgezeigt werden.

Obwohl unsere Technik im Allgemeinen immer energieeffizienter wird, nimmt der Standby-Verbrauch von Elektrogeräten stetig zu. Gemäß einer Studie, die das schweizerische Bundesamt für Energie in Auftrag gegeben hat, werden in der Schweiz jährlich rund 1900 GWh elektrischer Energie im Wert von 320 Millionen Franken durch unnötigen Standby verbraucht – drei Viertel davon in Haushalten. Dies entspricht fast zwei Dritteln der Produktion des Kernkraftwerks Mühleberg und ist damit ein wesentliches Hindernis sowohl für einen Atomausstieg als auch für den Klimaschutz. Entgegen anders lautenden Behauptungen hat auch ein Mehr- oder Minderverbrauch in der Schweiz direkten Einfluss auf das Klima, weil er die Export-/Import-Bilanz und somit die stark CO2-behaftete Stromerzeugung im Ausland beeinflusst. Besonders ärgerlich ist der Umstand, dass dieses Problem weiter zunimmt, obwohl ein Großteil davon vermeidbar wäre: mit technischen Verbesserungen, die weit weniger als die verschwendete Energie kosten.

Wo und warum entsteht Standby-Verbrauch?

Von diversen Geräten erwarten wir eine ständige Bereitschaft auch in Zeiten ohne direkte Benutzung, etwa für die Aktivierung über eine Fernbedienung, die Aufnahme von Fernsehsendungen oder den Fax-Empfang. Ebenfalls besteht ein Bedarf nach einfachen Funktionen wie der Anzeige von Uhrzeit oder Funktionszustand. Technisch wäre es meist leicht möglich, diese Annehmlichkeiten mit einem vernachlässigbar kleinen Standby-Verbrauch anzubieten. Verwendet werden vielfach aber schlechte Lösungen, die einen unnötigen Standby-Verbrauch von z. B. 10 W (Watt), manchmal gar mehr als 20 W verursachen – jahrein, jahraus. Dies liegt oft an minderwertigen Netzteilen, teils auch an schlechtem System-Design. Im Extremfall läuft das Gerät im “Standby-Modus” intern voll weiter, und nur das Display wird etwas dunkler gestellt. Der Hersteller spart vielleicht wenige Franken, aber der Kunde bezahlt über die Lebensdauer ein Mehrfaches davon für unnötigen Stromverbrauch: z. B. rund 15 € jährlich für 10 W.

Einzelne Fälle sind technisch komplizierter: Satelliten-Empfänger und Set-Top-Boxen für das digitale Fernsehen stellen ein Fernsehsignal bereit für den Fall, dass dies betrachtet oder aufgenommen wird. Sie laufen meist ununterbrochen, da sie vom Fernseher oder Videorekorder nicht erfahren, wann das Signal tatsächlich genutzt wird. Beim Abschalten über eine Steckerleiste riskiert man, dass der Videorekorder programmierte Sendungen nicht aufnehmen kann.

Die Politik ist gefordert

Es liegt ein typischer Fall von Marktversagen vor: Bessere Technik würde viel Geld sparen, aber die Hersteller sparen in ihrem Preiskampf lieber am kleinsten Schräubchen, da die Konsumenten das Problem ohnehin nicht erkennen und somit eine sparsamere Technik nicht honorieren würden. Am Ende geht dies zulasten der Käuferschaft und der Umwelt.

Eine bessere Information der Konsumenten könnte helfen, jedoch nur ein Stück weit: Vielen Konsumenten dürfte es zu mühsam sein, solche Informationen aufzunehmen und geeignet zu berücksichtigen. Die einzig wirklich funktionierende Lösung sind technische Vorschriften, die den Standby-Verbrauch strikt begrenzen. Eine EU-Richtlinie [1] verbessert für ab 2010 verkaufte Geräte vieles, und die Schweiz wird sich voraussichtlich daran orientieren, aber leider führen die Komplexität der Sache und wohl auch Einflüsse von Lobbyisten zu erheblichen Verzögerungen und Verwässerungen. So werden Millionen schlechter Geräte verkauft, bevor die Regelungen greifen.

Was können die Konsumenten tun?

Das Wichtigste ist es, nur Geräte zu kaufen, deren Standby-Verbrauch technisch minimiert ist, z. B. auf unter 1 W. Erfolgt dies konsequent, ist das Standby-Problem weitestgehend entschärft. Leider ist es oft recht mühsam, entsprechende Informationen zu beschaffen. Den Herstellern und Händlern mit entsprechenden Fragen auf den Nerv zu gehen, kann freilich ein wichtiger Beitrag für Verbesserungen sein: Wenn gespürt wird, dass das Thema die Kundschaft interessiert, wird dies vermutlich bald sorgfältiger behandelt. Diverse Hersteller bewerben ihre Produkte bereits mit Hinweisen auf minimierten Standby-Verbrauch, der nicht selten zehnfach und mehr gesenkt werden konnte. Hilfen zur Auswahl gibt es übrigens bei topten.ch [2].

Steckernetzteile

Abbildung 1: Größere Steckernetzteile (rechts) verursachen häufig weit mehr Standby-Verbrauch als moderne Schaltnetzteile (links).

Ebenfalls wichtig ist es, schon gekaufte Problemfälle zu identifizieren, um diese soweit möglich zu entschärfen: etwa, indem man die entsprechenden Geräte über eine schaltbare Steckerleiste ganz abschaltet, solange sie nicht benötigt werden. Es gibt sogar automatisierte Abschalthilfen. Nur, wie unterscheide ich die Übeltäter von den genügsamen Geräten? Einfach ist es bei Steckernetzteilen (siehe Bild 1), da sich die vergeudete elektrische Leistung durch Erwärmung verrät. Wird das Netzteil deutlich warm (was vor allem bei den älteren, eher klobigen Geräten oft der Fall ist), konsumiert es wohl mehrere Watt. Moderne Schaltnetzteile hingegen, die meist deutlich kompakter und leichter sind, sind häufig sehr effizient und werden nicht spürbar warm, so dass hier zumindest im Netzteil kein Problem vorliegt. Freilich kann das damit versorgte Gerät trotzdem noch einiges konsumieren und die Wärme unauffällig los werden.

Besonders kritisch sind Kaffeemaschinen, die oft für Stunden oder gar Nächte mit unnötig aufgeheizter Warmhalteplatte warten. Ein gutes Modell schaltet sich automatisch z. B. nach 20 Minuten ab.

Nicht übersehen sollte man ferner Geräte, die lange unnötig laufen, ohne streng genommen als Standby-Verbraucher zu gelten. Beispiele sind die erwähnten Set-Top-Boxen sowie unnötig während der Mittagspause laufende PCs. (Die Angst, mehrmaliges An- und Abschalten pro Tag verringere die Lebensdauer, ist maßlos übertrieben.) Noch weit schlimmer sind PCs, die die gesamte Nacht durchlaufen, nur um irgendwann über das Netzwerk gesteuert für fünf Minuten eine Datensicherung zu machen. (Der Autor hat dies z. B. an der ETH Zürich erlebt.) Oft unbemerkt bleiben Heizungs-Umwälzpumpen sowie Umwälzpumpen der Warmwasseranlage. Vor allem letztere laufen oft die ganz Nacht hindurch völlig unnötig und konsumieren ein Mehrfaches des Verbrauchs schlechter Steckernetzteile. Der Austausch einer Heizungspumpe durch ein neues, energieeffizientes Modell auch lange vor dem freiwilligen Ableben kann sich u. U. schnell amortisieren. Und schlecht isolierte Elektroboiler, die übers Jahr womöglich in Bereitschaft mehr verbrauchen als durch die Benutzung, verdienen ebenfalls viel mehr Aufmerksamkeit als etwa ein gut gebauter Videorekorder.

Messen lässt sich die Stromaufnahme mit speziellen Geräten, die zwischen Steckdose und Stecker geschaltet werden. Leider sind manche (nicht alle) der billigen Geräte bei der Messung kleiner Leistungen sehr ungenau. Eine sinnvolle Lösung kann sein, ein gutes Gerät kurzzeitig auszuleihen, was z. B. auch manche Energiefachstellen und Elektrizitätsunternehmen anbieten.

Literatur

[1]Richtlinie 2005/32/EG des Europäischen Parlaments
[2]topten.ch

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: Standby-Verbrauch, Energieeffizienz, Netzteil

Kommentare von Lesern

Hier können Sie einen Kommentar zur Veröffentlichung vorschlagen. Über die Annahme wird der Autor des RP-Energie-Lexikons nach gewissen Kriterien entscheiden. Im Kern geht es darum, dass der Kommentar für andere Leser potenziell nützlich ist.

Ihr Name:
(freiwillige Angabe – auch Pseudonyme sind erlaubt)
Ihre E-Mail-Adresse:
(freiwillige Angabe)
Ihr Hintergrund:
(freiwillige Angabe, z. B. Energieberater, Handwerker oder Journalist)
Ihr Kommentar:
Spam-Prüfung:   (bitte die Summe von fünf und zwölf hier als Ziffern eintragen!)

Bem.: Mit dem Abschicken geben Sie Ihre Einwilligung, Ihren Kommentar hier zu veröffentlichen. (Sie können diese später auch widerrufen.) Da Kommentare zunächst vom Autor durchgesehen werden, erscheinen sie verzögert, z. B. erst am Folgetag oder evtl. noch etwas später.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Ihr Gesamteindruck: weiß nicht unbefriedigend in Ordnung gut ausgezeichnet
Fachliche Qualität: weiß nicht unbefriedigend in Ordnung gut ausgezeichnet
Lesbarkeit: weiß nicht unbefriedigend in Ordnung gut ausgezeichnet
Verdient dieser Artikel (oder das Energie-Lexikon insgesamt) Ihrer Ansicht nach Links von anderen Webseiten?
  nein eventuell ja
Kommentar:

Vielleicht haben Sie auch konkrete Vorschläge für inhaltliche Ergänzungen, nützliche Literaturangaben etc. Falls Sie eine bessere Website für dieses Thema kennen, sind wir dankbar für einen Hinweis darauf.

Wenn Sie einen Kommentar zur Veröffentlichung auf unserer Seite vorschlagen möchten, verwenden Sie dazu bitte das Formular im Kasten "Kommentare von Lesern".

Spam-Prüfung: (bitte den Wert von 5 + 8 hier eintragen!)

Wenn Sie eine Antwort möchten, können Sie Ihre E-Mail-Adresse im Kommentarfeld hinterlassen oder direkt eine E-Mail senden. Letztere Methode führt meist zu schnelleren Antworten.

Wenn Ihnen das RP-Energie-Lexikon gefällt, möchten Sie vielleicht auch den RP-Energie-Blog als E-Mail-Newsletter abonnieren.

Teilen Sie den Link auf diesen Artikel mit anderen:

Die Startseite gibt Ihnen den Einstieg in das RP-Energie-Lexikon, auch mit Tipps zur Benutzung.
Hier finden Sie diverse Ratgeber-Artikel, insbesondere im Bereich der Haustechnik.
Hiermit wird Ihnen ein zufällig ausgewählter Lexikonartikel angezeigt.
Der RP-Energie-Blog präsentiert Interessantes und Aktuelles zum Thema Energie. Er ist auch als E-Mail-Newsletter erhältlich.
Hier finden Sie die Kontaktinformationen und das Impressum.
Werden Sie ein Sponsor des RP-Energie-Lexikons – des besten deutschsprachigen Energielexikons im Internet!
Hier erfahren Sie mehr über den Autor des RP-Energie-Lexikons und seine Grundsätze.
Hier können Sie die Artikel des RP-Energie-Lexikons nach Kategorien geordnet durchstöbern.
Verbreitete Irrtümer zu Energiefragen werden hier detailliert aufgedeckt.
Der Glossar fasst die Definitionen von Fachbegriffen aus den Artikeln zusammen.
Mit dem Energie-Quiz können Sie Ihr Wissen im Energiebereich testen und vertiefen.
Hier werden die Hintergründe des Projekts beschrieben, auch die gewählten Grundsätze.
Mit zigtausenden von Nutzern pro Monat ist das RP-Energie-Lexikon zu einer interessanten Werbeplattform geworden.
Vom Autor des RP-Energie-Lexikons können Sie auch Beratung erhalten, insbesondere zu Energie-Technologien.
Hier finden Sie die Liste aller Artikel zu einem bestimmten Anfangsbuchstaben.
Hier können Sie nach Artikeln suchen, deren Titel ein bestimmtes Stichwort enthalten.
(Beachten Sie auch die Volltextsuche beim Menüpunkt "Suche"!)

Energie-Blog

Der RP-Energie-Blog präsentiert Interessantes und Aktuelles zum Thema Energie. Einige Beispiele für seine Themen:

Beziehen Sie diese Information gratis als Newsletter!

– Alle Banners –

– Ihr eigenes Banner! –