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Stromlücke

Definition: ein Engpass bei der Versorgung mit elektrischer Energie

Englisch: electricity shortage

Kategorien: elektrische Energie, Energiepolitik, Grundbegriffe

Autor:

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Ursprüngliche Erstellung: 03.11.2012; letzte Änderung: 25.10.2021

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Der Begriff Stromlücke ist kein technischer Begriff, wird aber in der energiepolitischen Diskussion immer wieder verwendet; er bezeichnet einen für die Zukunft befürchteten Engpass in der Erzeugung mit elektrischer Energie aufgrund eines zu niedrigen Bestands an Kraftwerken. Wenn dies eintrifft, können Stromausfälle die Folge sein, oder auch geplante Abschaltungen z. B. gewisser Industriebetriebe zur Vermeidung allgemeiner Ausfälle; mehr oder weniger starke wirtschaftliche Schäden können die Folge sein. Es geht also um eine Gefährdung der Versorgungssicherheit, außerdem um mögliche starke Preissteigerungen mit Wirkungen auf einzelne Kunden wie auch potenziell die gesamte Wirtschaft.

Erfahrungen der Vergangenheit

Solche Befürchtungen basieren grundsätzlich auf Annahmen über die zukünftige Entwicklung des Kraftwerksparks wie auch des Stromverbrauchs (einschließlich dessen zeitlicher Struktur), können zusätzlich aber auch durch wirtschaftliche und politische Interessen beeinflusst sein. In der Vergangenheit wurden gelegentlich Stromlücken vorhergesagt, die dann aber nicht eintrafen:

  • In den 1970er Jahren wurde mit dem Bau des Kernkraftwerks Whyl in Baden-Württemberg begonnen, doch dieses Projekt stieß auf massive Proteste aus der Bevölkerung. Ministerpräsident Hans Filbinger bezeichnete das Projekt als unbedingt notwendig, da in Baden-Württemberg sonst “die Lichter ausgehen” würden. Nach starken Protesten und auch juristischen Problemen wurde das Projekt trotzdem aufgegeben. Eine Stromlücke trat danach aber nicht ein, obwohl keine direkten Ersatzmaßnahmen ergriffen wurden (etwa der Bau eines Kohlekraftwerks); im Gegenteil kam es zu erheblichen Überkapazitäten. (Man beachte, dass bereits das Projekt Whyl als Ersatz für ein Kraftwerksprojekt in Breisach am Rhein galt.) In diesem Fall ist die Stromlücke relativ klar erkennbar als eine sachlich nicht gerechtfertigte Behauptung mit politischer Motivation.
  • Als die rot-grüne Bundesregierung in 2001 den schrittweisen Atomausstieg beschloss, ohne die Kernkraftwerke durch einen massiven Zubau von Kohlekraftwerken ausgleichen zu wollen, wurde erneut von Gegnern des Atomausstiegs eine Stromlücke prognostiziert, und der Atomausstieg wurde hiermit als eine für Deutschland als Industriestandort gefährliche Strategie dargestellt. Dasselbe geschah, als die inzwischen konservativ-liberale Bundesregierung in 2011 unter dem Eindruck der Fukushima-Katastrophe die Wiederaufnahme des Atomausstiegs (trotz vorher beschlossener starker Laufzeitverlängerungen) beschloss und eine Reihe von älteren Kernkraftwerken innerhalb weniger Monate abschalten ließ. Die Versorgungssicherheit war im folgenden Winter 2011/2012 tatsächlich zeitweise gefährdet, wobei allerdings zu den kritischen Zeiten ein erheblicher Stromexport nach Frankreich erfolgte anstelle der zuvor behaupteten Notwendigkeit, Strom aus französischen Kernkraftwerken zu beziehen. Der Grund für letzteren Umstand ist im Wesentlichen, dass Frankreich wegen seiner vielen Elektroheizungen trotz seiner vielen Kernkraftwerke selbst in einer sehr angespannten Situation war, während in Deutschland noch Kohlekraftwerke aus der Kaltreserve aktiviert werden konnten. Im Übrigen war der Anstieg der Erzeugungskapazitäten mit erneuerbarer Energien stärker als erwartet. Jedenfalls war die Gefahr einer Stromlücke in Frankreich wesentlich größer als in Deutschland, und dies dürfte auch für die kommenden Winter gelten. Die aus Sicherheitsgründen nötige Abschaltung französischer Kernkraftwerke könnte dort in der Tat – ähnlich wie bereits in Belgien – zu längerfristig angespannten Situationen führen.

Technische Szenarien und politische Instrumentalisierung

Es ist zu unterscheiden zwischen einer Stromlücke als Element eines Szenarios (“Was geschähe, wenn …”) und einer Stromlücke als definitiver Prognose. Szenarien sind oft hilfreiche Werkzeuge zur Planung; es geht dann gerade darum, das Eintreten gewisser Szenarien mit Hilfe geeigneter Maßnahmen zu vermeiden bzw. zu klären, wie umfangreiche die benötigten Maßnahmen sind. Beispielsweise ist es durchaus notwendig, die für die nächsten Jahre geplanten Abschaltungen im Kraftwerkspark (z. B. wegen des Atomausstiegs oder einfach wegen zu hohen Alters und zu geringer Energieeffizienz) zu ermitteln, ebenfalls die bereits geplanten Kraftwerksprojekte und auch Prognosen über die Entwicklung des Strombedarfs, um dann alles zusammen zu betrachten. (Solche Überlegungen gehören in Deutschland zu den Aufgaben der Bundesnetzagentur, nicht nur der Politik.) Daraus ergeben sich häufig Aussagen der folgenden Art: Es dürfte ab dem Jahr X zu Engpässen (einer Stromlücke) kommen, falls sich der Verbrauch entsprechend der Prognose Y entwickelt, Kraftwerke wie geplant außer Dienst gehen und nur die bereits geplanten Kraftwerke gebaut werden. Dies ist nicht identisch mit der Prognose einer Stromlücke, sondern im Kern eine Aussage darüber, was zusätzlich zu den bereits geplanten Entwicklungen geschehen muss, um Probleme zu vermeiden. Hierbei können die im Einzelnen gemachten Annahmen freilich strittig sein, auch unter Fachleuten.

Eine vernünftige Energiepolitik arbeitet intensiv mit solchen Szenarien auch als Basis für entsprechende Entscheidungen, etwa betreffend den Zubau von Kraftwerkskapazitäten oder die Verstärkung von Stromnetzen. Jedoch erlebt man oft auch, dass die Unterscheidung zwischen technisch vernünftigen Szenarien und politischen Drohkulissen verwischt wird durch Akteure aus Politik und Wirtschaft, die die Szenarien entsprechend instrumentalisieren. Eine solche Politisierung geht oft damit einher, dass eine ganz bestimmte Maßnahme (etwa der Verzicht auf einen Atomausstieg) als unbedingt nötig gefordert wird, diverse andere Optionen ausgeblendet werden und diverse gemachte Annahmen nicht thematisiert werden.

Absehbare zukünftige Entwicklungen in Deutschland

Vergangene Erfahrungen mit angekündigten, aber nicht eingetroffenen Stromlücken sind nicht geeignet, Befürchtungen zukünftiger Stromlücken grundsätzlich zu diskreditieren, da sich die Realität aus diversen Gründen ändern kann. Konkret für Deutschland sind die folgenden Aspekte zu berücksichtigen, die derzeit alle für die Notwendigkeit einer deutlichen Expansion der Erzeugungskapazitäten sprechen (auch wenn noch kein Engpass solcher Kapazitäten vorliegt):

  • Die letzten Kernkraftwerke sollen als Abschluss des 2011 beschlossenen Atomausstiegs Ende 2022 abgeschaltet werden.
  • Vor allem wegen der Notwendigkeit des Klimaschutzes soll der Kohleausstieg bis spätestens 2038 erfolgen – wobei ohne einen früheren Termin die Erreichung der Klimaziele sehr schwierig wäre.
  • Der Ausbau der erneuerbaren Energien war wegen diversen von der Politik eingeführten Behinderungen (z. B. viele Jahre dauernde Genehmigungsverfahren für Windenergieanlagen) in den letzten Jahren viel zu schwach, um die absehbare Stromlücke zu schließen.
  • Selbst mit verstärkten Bemühungen um eine verbesserte Energieeffizienz wird der Stromverbrauch mittel- und vor allem langfristig erheblich ansteigen, weil verstärkter Klimaschutz ohne eine verstärkte Elektrifizierung z. B. von Verkehr, Gebäudeheizungen und Chemieindustrie kaum auskommen wird. Auch der Einstieg in eine Wasserstoffwirtschaft z. B. für eine indirekte Elektrifizierung gewisser Sektoren des Verkehrs und der Stahl- und Chemieindustrie wird zu einem erhöhten Stromverbrauch beitragen.

Zwar könnte es möglich sein, größere Mengen chemischer Energieträger wie Wasserstoff oder Synthesekraftstoffe zu importieren (wie bislang schon Erdöl, Erdgas und Kohle), jedoch bestehen hier große Unsicherheiten, und größere Stromimporte dürften nicht möglich sein.

Optionen zur Vermeidung einer Stromlücke

Grundsätzlich gibt es ganz verschiedene technische Möglichkeiten, eine zukünftige drohende Stromlücke zu vermeiden:

  • Es können zusätzliche Kraftwerke gebaut werden, wobei deren Eignung keineswegs nur von ihrer maximalen Leistung abhängt. Hier kommt es insbesondere auf die gesicherte Kraftwerksleistung an, also die bei Bedarf auf jeden Fall verfügbare Leistung. Allerdings tragen indirekt auch solche Kraftwerke (z. B. Windenergieanlagen), die kaum gesicherte Leistung anbieten können, oft auch wesentlich zur Entspannung bei, da Engpässe nicht unbedingt nur bei der momentan verfügbaren Leistung auftreten können, sondern auch durch mengenmäßig begrenzte Ressourcen. (Beispielsweise traten im Winter 2011/2012 in Süddeutschland Engpässe bei der Gasversorgung auf.) Durch Einsatz von Windstrom können Reserven wie Speicherkraftwerke und auch Erdgasmengen gespart werden, um an kritischen Tagen voll einsatzbereit sein zu können. Anders ausgedrückt können z. B. Gaskraftwerke der Spitzenlastdeckung besser dienen, wenn mehr Mittellast durch Windenergie gedeckt wird.
  • Es kann auf die Stilllegung von Kraftwerken verzichtet werden, oder Kraftwerke können in die Kaltreserve gestellt werden, anstatt abgebaut zu werden. Die Kosten hierfür sind erheblich geringer als die für neue Reservekraftwerke.
  • Es können Energieeinsparungen realisiert werden, beispielsweise durch erhöhte Energieeffizienz. In diesem Zusammenhang sind insbesondere solche Einsparungen von Interesse, die den Strombedarf an kalten Wintertagen reduzieren – beispielsweise der Ersatz von Elektroheizungen durch Elektrowärmepumpen oder Gasheizungen. Selbst Maßnahmen im Gebäudebereich (verbesserte Wärmedämmung) können der Versorgungssicherheit mit Strom zugute kommen, indem Engpässe in der Gasversorgung gemildert werden, also mehr Gas für Gaskraftwerke verfügbar bleibt.
  • Da Engpässe oft nur kurzzeitig auftreten, können sie auch durch ein gezieltes Lastmanagement angegangen werden. Wenn dies entsprechend vorbereitet ist, können gewisse Großverbraucher gezielt abgeschaltet werden. Als Ausgleich hierfür erhalten sie günstigere Stromtarife. Dieser Ansatz ist oft wesentlich kostengünstiger als ein Zubau von Kraftwerkskapazitäten, die dann nur selten wirklich benötigt werden. Ein wesentlicher Teil des zukünftig neu zu erwartenden Stromverbrauchs (z. B. für die Erzeugung von Wasserstoff durch Elektrolyse) kann und wird einem entsprechenden Lastmanagement unterworfen werden. Auch für das Laden von Elektroautos wird zukünftig das Lastmanagement viel wichtiger, alleine schon wegen der begrenzten Kapazitäten der Niederspannungsnetze.
  • Durch den Ausbau der Stromnetze können bereits bestehende Reserven in einem größeren Gebiet nutzbar gemacht werden, so dass insgesamt ein kleinerer Kraftwerkspark für die Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit genügt. Dies spricht für die Errichtung eines europäischen Supergrids.

Der Vergleich dieser Optionen ist naturgemäß eine komplexe Angelegenheit. Die Bemühung um eine sorgfältige Abwägung der Optionen ist charakteristisch für ein sachlich fundiertes Vorgehen im Unterschied zu rein politisch motivierten Stromlücken-Debatten.

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