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Suffizienz

Definition: die Reduktion von Rohstoff- und Energieverbrauch durch Reduktion von Konsum- oder Komfortansprüchen

Englisch: sufficiency

Kategorien: Energiepolitik, Grundbegriffe, Ökologie und Umwelttechnik

Autor:

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 11.12.2012; letzte Änderung: 22.02.2017

Unter Suffizienz versteht man die freiwillige Einschränkung des Verbrauchs, d. h. die Bescheidung auf ein notwendiges, moderates Maß und der Verzicht auf übermäßigen Konsum. (Zum Wortursprung: lateinisch sufficere = ausreichen, genügen.) Der Ausgangspunkt ist eine entsprechende Geisteshaltung, die nicht nur eigene Bedürfnisse, sondern auch Bedürfnisse anderer Menschen (auch späterer Generationen) wahrnimmt und eine übermäßige Belastung der Natur zu vermeiden sucht. Da eine solche bewusste Lebensführung zu einem Verhalten führt, welches sich nach außen konkret oft durch den Verzicht auf bestimmte Dinge bemerkbar macht, wird Suffizienz oft mit Verzicht gleichgesetzt, was aber eine zu starke Verengung des Begriffs bedeutet.

Suffizienz bedeutet das Streben nach einer hohen Lebensqualität, die aber eben nicht hauptsächlich durch Konsum, sondern auf andere Weisen zustande kommt. Sie kann auch einhergehen mit Beruhigung durch Entschleunigung und Konzentration auf die wichtigsten Lebensumstände (beispielsweise menschliche Beziehungen). In diesem Sinne ist z. B. der Slogan “weniger ist mehr” zu verstehen: mehr Wohlbefinden mit weniger Konsum.

Ökologie spielt für die Suffizienz oft eine wichtige Rolle: Öko-Suffizienz versucht einen Beitrag zur Lösung ökologischer Probleme zu bringen, und sie verfolgt das Ziel der Nachhaltigkeit. Ein besonderes Anliegen ist oft der Klimaschutz.

Öko-Suffizienz in der Praxis

Einige Beispiele für Verhaltensweisen, zu denen Öko-Suffizienz im privaten Bereich führen kann:

  • Der Verzicht auf eine Urlaubsreise mit dem Flugzeug oder einem Luxusschiff oder auch der Ersatz durch eine Reise über geringere Entfernung mit der Bahn vermeidet die Verbrennung großer Mengen von Erdöl und entsprechende klimaschädliche CO2-Emissionen.
  • Der Verzicht auf ein Auto, oder zumindest die Wahl eines kleinen und energieeffizienten Autos anstelle eines größeren (welches mehr Kraftstoff verbraucht und mehr graue Energie bedeutet), spart ebenfalls wesentliche Energiemengen ein.
  • Die Begrenzung der Fahrgeschwindigkeit z. B. auf 100 km/h auf der Autobahn spart erheblich Benzin ein und führt zu einem ruhigeren, entspannteren Fahren.
  • Eine fleischarme, vegetarische oder sogar vegane Ernährung reduziert den persönlichen Ressourcenverbrauch erheblich, da die Fleischproduktion große Mengen von Agrarrohstoffen verbraucht – weit mehr als der direkte Verzehr von Pflanzen. Der Genuss wird bei sorgfältig zubereiteter pflanzlicher Nahrung gesucht. Eine gute Ernährung der gesamten Menschheit ohne exzessive Umweltbelastungen wäre möglich, wenn weltweit der Fleischkonsum deutlich reduziert würde. Es gäbe dann sogar noch einige Reserven, die z. B. für Biokraftstoffe genutzt werden könnten.
  • Wer sich im Winter etwas wärmer kleidet, kann die Temperatur in den beheizten Räumen über die Heizkörperthermostate etwas absenken und damit den Bedarf an Heizwärme senken.
  • Eine Gewohnheit, die auf Dauer sehr viel Energie sparen kann, ist das Händewaschen mit kaltem Wasser, zumindest wenn nicht Fett entfernt werden muss.
  • Wenn Wäsche auf der Leine getrocknet wird anstatt in einem Wäschetrockner, spart dies erhebliche Mengen elektrischer Energie. Es macht etwas mehr Arbeit, vermeidet aber die Ruhestörung durch eine lärmende Maschine.
  • Wenn die Wohnfläche pro Person kleiner gewählt wird, sinkt einerseits die graue Energie (wegen der reduzierten Menge von Baumaterialien), und andererseits wird es einfacher, den Pro-Kopf-Verbrauch an Heizwärme niedrig zu halten (wegen der geringeren Fläche des Dämmperimeters). Gleichzeitig wird der Aufwand für Unterhalt und Säuberung reduziert.

Suffizienz im Energiebereich – dann auch als Energiesuffizienz bezeichnet – ist ein besonders wichtiger Aspekt für eine nachhaltige Lebensweise, da im Energiebereich ein wesentlicher Teil der Probleme von Ressourcenverknappung und Umweltbelastungen auftritt.

Vergleich mit anderen Ansätzen

Der Ansatz der Suffizienz kann in Konkurrenz mit anderen Ansätzen gesehen werden:

  • Eine erhöhte technische Energieeffizienz erlaubt denselben Konsum oder Komfort mit geringerem Energieaufwand. Ein Beispiel wäre die verbesserte Wärmedämmung beheizter Gebäude.
  • Die Substitution von Energieträgern durch umweltfreundlichere reduziert auch bei unveränderten Energiemengen die Umweltbelastungen. Beispiele sind der Ersatz von Erdgas durch Biogas sowie der Bezug von Ökostrom.
  • Eine weitere Möglichkeit ist es, Energie- und Ressourcenprobleme gar nicht zu lösen, beispielsweise alle Lösungsoptionen als inakzeptabel abzulehnen, sie nur scheinbar (also nicht ernsthaft) anzunehmen, oder auch die genannten Probleme rundweg zu leugnen. Solche Ansätze sind sehr verbreitet bei Regierungen, aber auch in weiten Teilen der Bevölkerung, da sie kurzfristig betrachtet am bequemsten sind.

In manchen Fällen sind Suffizienz und Energieeffizienz nicht klar gegeneinander abgrenzbar. Beispielsweise kann eine ruhige, sparsame Fahrweise von einem suffizienten Fahrer als genügsam und entspannend empfunden werden, von einem anderen dagegen als sportlich/technische Optimierungsaufgabe. Die Energieeinsparung erfolgt teils durch Bescheidung mit einer geringeren Geschwindigkeit, teils durch Reduktion von Ineffizienzen. Effizienz und Suffizienz ergänzen sich auch sehr gut; beispielsweise können sonst bei Energieeffizienz drohende Rebound-Effekte vermieden werden, wenn ein an Suffizienz orientiertes Bewusstsein herrscht.

Substitution und verbesserte technische Energieeffizienz haben gegenüber der Suffizienz den Vorteil, dass sie im Prinzip keine (oder keine wesentliche) Änderung des Verbraucherverhaltens voraussetzen und auch keinen Konsumverzicht, falls sie kostengünstig realisierbar sind. Allerdings verursacht ihre Realisierung doch oft erhebliche Kosten, so dass dieser Unterschied entfällt; der Konsumverzicht erfolgt dann eben an anderer Stelle.

Suffizienz ist gerade in einer Wohlstandsgesellschaft schwer etablierbar, zum Teil weil sie anderen Bedürfnissen (etwa Freude und erhöhter sozialer Status durch Konsum) widerspricht und auch, weil Geisteshaltungen im Allgemeinen schwerer vermittelbar sind als Konsumangebote.

In den meisten Fällen dürfte eine überlegte Kombination von Suffizienz, Energieeffizienz und Substitution optimal sein – wobei die Bedeutung der einzelnen Faktoren sehr von den Umständen abhängen kann. Beispielsweise kommt in Entwicklungsländern häufig fast nur die Suffizienz in Frage, während zumindest die Mittel- und Oberklasse in einem Industrieland auch über andere Möglichkeiten verfügen kann. Eine nachhaltige Gesellschaft dürfte jedoch kaum ohne wesentliche Beiträge von Suffizienz möglich sein.

Staatliche Maßnahmen in Richtung Suffizienz

Für staatlichen Stellen gibt es kaum Instrumente z. B. der Energiepolitik, um Suffizienz gezielt zur Lösung von Problemen einzusetzen, da sich Geisteshaltungen nicht verordnen lassen. Es gibt aber etliche Maßnahmen, um Suffizienz als Ergänzung anderer Wege ein Stück weit zu unterstützen:

  • Staaten können eine indirekte Mengensteuerung vornehmen, indem sie Energie- und Ressourcenverbrauch besteuern und ggf. andere Steuern entsprechend reduzieren. Dies wäre die Zielrichtung einer ökologischen Steuerreform.
  • Maßnahmen wie die Einführung von Tempolimits (z. B. auf Autobahnen), die Einrichtung von autofreien städtischen Zonen oder Umweltzonen wie auch der Bau von Radwegen können Suffizienzbemühungen ebenfalls unterstützen.
  • Die Information der Verbraucher kann verbessert werden z. B. durch sinnvollere Verbrauchskennzeichnungen auf Produkten. Die Verwirklichung von Suffizienz scheitert nämlich oft schon daran, dass Auswirkungen des Konsums von Produkten schwer erkennbar sind.
  • Eine Wachstumspolitik, motiviert durch ökonomische Zwänge, hat eine starke Tendenz, Suffizienz zurückzudrängen. Indem die ökonomischen Auswirkungen der Nicht-Lösung bestimmter Probleme konkreter bedacht werden, können bessere Lösungen gefunden werden. Zumindest kann versucht werden, Wirtschaftswachstum möglichst weit vom Ressourcenverbrauch abzukoppeln.

Suffizienz und Klimaschutz

Eine besondere Bedeutung gewinnt die Suffizienz als ein Mittel zur Abwendung einer Klimakatastrophe. Bisher wird beim Klimaschutz eher auf Substitution und Energieeffizienz gesetzt, allerdings mit sehr beschränktem Erfolg. Je länger entschiedene Maßnahmen in diesen Richtungen aufgeschoben werden, desto mehr bietet sich Suffizienz als eine sofort umsetzbare Strategie an.

Selbst bei weltweit optimalen Bemühungen in Richtung Energieeffizienz und Substitution wäre es kaum vorstellbar, dass ein ausreichender Klimaschutz erreicht wird, ohne dass Suffizienz ebenfalls praktiziert wird. Wenn nicht völlig unerwartete technologische Durchbrüche erreicht werden, ist es unmöglich, unbegrenzte Wünsche von Milliarden von Menschen auf nachhaltige und klimaverträgliche Weise zu erfüllen.

Suffizienz und Gerechtigkeit

Der Aspekt der globalen Gerechtigkeit und der Generationengerechtigkeit muss bei der Diskussion von Suffizienz eine wichtige Rolle spielen. Wenn Suffizienz nur von zukünftigen Generationen oder von Menschen auf anderen Kontinenten gefordert wird, während die heutigen Menschen in den Industrieländern ihre Bedürfnisse höher bewerten als alles andere, so wird nicht nur die Abwendung einer Klimakatastrophe sehr schwierig, sondern es erfolgt auch eine enorme Ungerechtigkeit. Es ist damit zu rechnen, dass die heute in den Industrieländern lebenden Generationen deswegen zukünftig als extrem verantwortungslos angesehen werden, falls sich die diesbezüglichen Einstellungen nicht massiv ändern.

Setzung von Prioritäten

Suffizienz kann immer auch in Kombination mit anderen Ansätzen zum Zuge kommen. Hierbei können allerdings sehr unterschiedliche Prioritäten gesetzt werden.

Manche Menschen schreiben der Vermeidung einer Klimakatastrophe die höchste Priorität zu. Hierzu gehört gemäß den wissenschaftlichen Erkenntnissen (nach Sicht der großen Mehrheit der Wissenschaftler) eine massive Reduktion von CO2-Emissionen. Wenn die zweite Priorität ein möglichst hoher materieller Wohlstand ist, wird man zunächst so viel wie möglich durch technische Energieeffizienz und durch Substitution zu erreichen suchen (unter weitest möglicher Vermeidung von Rebound-Effekten), und Suffizienz wird schließlich so weit eingesetzt, wie es die Zielerreichung erfordert. Wer dagegen der Technik eher skeptisch gegenüber steht, wird vielleicht in erster Linie auf Suffizienz setzen und Effizienz oder Substitution nur zur Unterstützung dieses Wegs punktuell zusätzlich einsetzen.

Für andere hat ein hoher materieller Wohlstand die höchste Priorität – im Zweifelsfall eine höhere als Klimaschutz. (Dies bedeutet effektiv eine kurzfristige Perspektive, da eine Klimakatastrophe dem Wohlstand extrem abträglich wäre, nur eben später.) Dann werden Energieeffizienz und Substitution eingesetzt, soweit sie den momentanen Wohlstand steigern, bewahren oder höchstens geringfügig vermindern. Suffizienz wird weitestgehend abgelehnt, und die langfristigen Folgen (für sich und andere) werden in Kauf genommen.

Literatur

[1]M. Linz et al., Von nichts zu viel. Suffizienz gehört zur Zukunftsfähigkeit, eine Publikation des des Wuppertal Instituts (2002)
[2]https://energiesuffizienz.wordpress.com/, eine Themenseite des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH (IFEU) mit Forschungsergebnissen und Informationen rund um das Thema Energiesuffizienz

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: Nachhaltigkeit, Energiesparen, Klimagefahren, Klimaschutz, Energieeffizienz, Substitution, Energiepolitik
sowie andere Artikel in den Kategorien Energiepolitik, Grundbegriffe, Ökologie und Umwelttechnik

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