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Alle Zeigefinger in Richtung China!?

(Dieser Artikel ist in ähnlicher Form erschienen in Energie & Umwelt 3/2007, dem Magazin der Schweizerischen Energiestiftung.)

Autor:

Was in China in Bezug auf Energie und Klima geschieht, ist unzweifelhaft sehr wichtig. Allerdings ist auch der Einfluss kleiner Länder wie der Schweiz in verschiedener Hinsicht erheblich.

Völlig zu Recht wird häufig darauf hingewiesen, dass der Energieverbrauch und die CO2-Emissionen Chinas sehr wichtig sind und dass z. B. auf Europa begrenzte Klimaschutzmaßnahmen ziemlich wirkungslos wären. In China findet man 12 % der weltweiten CO2-Emissionen (schnell wachsend), in der Schweiz 0,3 %. Andererseits betrug der CO2-Ausstoß pro Kopf in 2003 (unter Berücksichtigung grauer Energie z. B. in importierten Autos) in China 2,2 Tonnen, in der Schweiz jedoch 10,6 Tonnen. Also emittiert die Schweiz als Land wenig (da sie eben klein ist), pro Kopf dagegen sehr viel.

CO2-Emissionen in Tonnen pro Kopf in diversen Ländern

Abbildung 1: CO2-Emissionen in Tonnen pro Kopf und Jahr in einigen Ländern und im weltweiten Durchschnitt. Zahlen von OECD und dem schweizerischen BUWAL, mit Berücksichtigung grauer Energie in importierten und exportierten Produkten, siehe die Webseite http://assets.wwf.ch/downloads/8_weitentfernt_dt.pdf. Die Zahlen sind leider ziemlich alt (2003) und deswegen vor allem für China nicht mehr aktuell. Man beachte aber, dass graue Energie für sinnvolle Vergleiche berücksichtigt werden muss, die meisten vagabundierenden Zahlen dies jedoch nicht tun.

Absolut oder pro Kopf vergleichen?

Worauf kommt es nun an: auf die absoluten Emissionen, oder diejenigen pro Kopf? Das hängt ganz davon ab, was man jeweils beurteilen, erläutern oder vernebeln möchte:

Offenkundig gehört es zum Absurdesten in der Klimadiskussion, in Europa (oder gar den USA) mit dem Finger auf die Chinesen zu zeigen, um von der eigenen Verantwortung abzulenken und sich um ein entschiedenes Vorgehen zu drücken. Mit welchem Recht können wir einerseits unseren weit überdurchschnittlichen Verbrauch allenfalls marginal reduzieren und andererseits erwarten, dass Milliarden von Armen auf eine wirtschaftliche Entwicklung verzichten, um uns das Öl für Luxus-SUVs zu lassen und das Klima zu retten? Warum sollte der Bürger eines großen Landes weniger verbrauchen dürften als der eines kleinen?

Graue Energie berücksichtigen

Ein wichtiges Detail bei solchen Vergleichen ist die Berücksichtigung der grauen Energie. Wenn ein Land wie die USA viele Waren aus China importiert, dann müssen die durch diese Produktion entstehenden Emissionen natürlich dem Verbraucherland (hier: USA) angerechnet werden und nicht dem Produzenten. Leider wird dies sehr oft vergessen, und deswegen kommt man dann zu völlig unfairen Vergleichen.

Optionen für ein kleines Land

Es kann nun nicht darum gehen, den Schwarzen Peter hin- und herzuschieben; vielmehr gilt es, die drohende Klimakatastrophe abzuwenden. Diese trifft China durch die Ausbreitung von Wüsten, die Schweiz durch schmelzende Gletscher und bröckelnde Berge, beide zusätzlich durch zunehmend verheerende Unwetter. Es liegt jedoch ein klassisches Dilemma der Spieltheorie vor: Jeder wird von einer Sache bedroht, die zum größten Teil durch Andere verursacht wird.

In dieser Lage sind verschiedene Reaktionen möglich:

Folgen wir gedanklich dem letzteren Ansatz, denn er verspricht am ehesten Erfolg.

Für eine maximale Wirkung ist es unerlässlich, möglichst viele Menschen zu gewinnen. Es ist einerseits offenkundig, dass die Schweiz selbst mit einer vorbildlichen und äußerst erfolgreichen Klimapolitik das Klima nicht mit ihrem direkten Einfluss retten könnte: Selbst eine drastische Reduktion z. B. von 0,3 % auf 0,1 % der weltweiten CO2-Emissionen würde für sich gesehen kaum ins Gewicht fallen. Andererseits gehört die wohlhabende Schweiz zu den Ländern mit der weltweit größten Vorbildwirkung. Genau diese gibt ihr (zusammen mit den bedeutendsten EU-Ländern) die Möglichkeit, internationale Entwicklungen in einem Ausmaß zu beeinflussen, das im Verhältnis zur geringen Bevölkerungszahl sehr hoch ist.

Wir werden beobachtet

In China und anderswo wird genau beobachtet, wie ein Land wie die Schweiz sich positioniert; auch der wirtschaftliche Boom ist dort ja durch das Kopieren wesentlicher Elemente des westlichen Wirtschaftssystems ermöglicht worden. Deswegen sind die Signale, die die Energie- und Umweltpolitik der Schweiz aussenden, weitaus wichtiger als deren direkte Wirkung auf die globale Energie- und Umweltsituation. Von besonderem Interesse ist es, mit welcher Strategie ein wohlhabendes Land seinen Wohlstand zu sichern versucht:

Die Signalwirkung dieser Ansätze im Ausland ist sehr unterschiedlich:

Auch die AKW-Frage erscheint so in einem neuen Licht. Zwar kann man durchaus die Abwendung einer Klimakatastrophe für dringlicher halten als den Atomausstieg. Jedoch greift die technokratische Überlegung, dass mehr AKWs weniger CO2 bedeuten, entscheidend zu kurz: Die Entwicklung der CO2-Emissionen etwa von China hängt in erster Linie davon ab, welche Menge von Energie als notwendig angesehen wird. Weitaus weniger wichtig ist, ob dort (wie heute) knapp 1 % der Primärenergie in AKWs gewonnen wird oder (wie vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren) einige Prozent. Ein ungezügeltes globales Verbrauchswachstum führt mit oder ohne Atomenergie unweigerlich in die Katastrophe. Deswegen muss eine starke Verbrauchsreduktion in einem Land wie der Schweiz – mit sehr hohem Verbrauch und starker (im Energiebereich bisher negativer) Vorbildwirkung – erste Priorität haben.

Siehe auch: Kohlendioxid, Klimaschutz, Energiesparen

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