RP-Energie-Lexikon
fachlich fundiert, unabhängig von Lobby-Interessen
www.energie-lexikon.info

Europäisches Verbundsystem

Definition: das kontinentaleuropäische Verbundnetz für den Austausch elektrischer Energie

Englisch: central European electricity network system

Kategorie: elektrische Energie

Autor:

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 30.12.2012; letzte Änderung: 21.02.2017

Unter dem europäischen Verbundsystem versteht man gewöhnlich das Verbundnetz, welches durch Zusammenschluss der nationalen Übertragungsnetze der kontinentaleuropäischen Länder entstand – ohne Großbritannien, Irland, Island, Norwegen, Schweden, Finnland und die baltischen Staaten. Man spricht bei diesem Elektrizitätsverbund auch heute oft vom UCTE-Verbundnetz, da dieses bis 2009 von der Union for the Co-ordination of Transmission of Electricity (UCTE) koordiniert wurde. In 2009 ging diese Aufgabe auf den Verband Europäischer Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E = European Network of Transmission System Operators for Electricity) über.

Die nordischen Länder Norwegen, Schweden und Finnland betreiben aus technischen Gründen separate, mit dem UCTE-Netz nicht synchronisierte Übertragungsnetze, die zum NORDEL-Netz zusammengeschlossen wurden. Ähnliches gilt für Großbritannien mit dem UKTSOA. Eine direkte Anbindung dieser Länder an das UCTE-Netz über Drehstromleitungen wäre nicht praktikabel, da diese für Unterseekabel wenig geeignet sind. Der Stromaustausch erfolgt hier über Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ) mit etlichen Leitungen vor allem in der Nordsee und Ostsee. Dies macht eine Synchronisation der Netze unnötig, erfordert aber eine eigene Frequenzregelung. Die Austauschkapazitäten werden durch weitere HGÜ-Leitungen bald noch deutlich verstärkt werden.

An einer möglichen Erweiterung des UCTE-Netzes nach Osten durch Zusammenschluss mit dem IPS/UPS-Netz für Russland, Weißrussland, die Ukraine und einige kleinere Länder wird gearbeitet. Dadurch entstünde ein riesiger Zusammenschluss, der 13 Zeitzonen umfassen würde. Von Bedeutung würde dies insbesondere im Rahmen eines zukünftigen Supergrids (siehe unten).

Heutige Funktion des europäischen Verbundsystems

Bisher sind die Verbindungen der Übertragungsnetze verschiedener Länder innerhalb des UCTE-Netzes relativ schwach ausgelegt, und die ausgetauschten Energiemengen sind weitaus geringer als die erzeugten Mengen. Bei manchen Ländern wie z. B. der Schweiz halten sich der Stromimport und -export im Jahresmittel trotz hoher Strommengen etwa die Waage. Andere Länder wie Italien, die Niederlande oder Griechenland importieren wesentlich mehr Strom als sie exportieren, wobei allerdings die Eigenerzeugung trotzdem den größten Teil des Verbrauchs deckt. Wieder andere Länder wie Norwegen, Frankreich und Spanien exportieren wesentlich mehr, als sie importieren, aber wiederum nur einen kleineren Teil ihrer Erzeugung.

Der internationale Stromaustausch dient zum guten Teil dem Ausgleich von temporären Engpässen; beispielsweise importiert Frankreich in kalten Winterwochen erhebliche Strommengen für seine Elektroheizungen, obwohl es klar ein Netto-Exporteur ist. Durch den großen Verbund können die benötigten Kapazitäten für Reserven und Regelenergie wesentlich kleiner und damit kostengünstiger gehalten werden, als wenn jedes europäische Land jederzeit eine ausgeglichene Bilanz von Erzeugung und Verbrauch haben müsste.

Eine Zukunftsvision: das europäische Supergrid

Es gibt Pläne für ein europäisches Supergrid mit massiven Übertragungskapazitäten auf der Basis der Hochspannungs-Gleichstromübertragung. Dieses würde dann auch die nordischen Länder (sogar Island) einbinden und beispielsweise ermöglichen, dass die großen norwegischen Kapazitäten an Wasser-Speicherkraftwerken mit der Windenergieerzeugung gekoppelt würden: Die Wasserkraftwerke würden zusammen mit Biomassekraftwerken Leistung etwa in dem Maße liefern, wie sie beim Wind fehlt, und Pumpspeicherkraftwerke würden umgekehrt mit Hilfe von Windstromüberschüssen aufgeladen. Zusätzlich könnten nordafrikanische und arabische Länder (etwa Marokko, Tunesien, Algerien, Libyen, Ägypten) eingebunden werden, die dann noch aufzubauende massive Erzeugungskapazitäten in Form von Solarkraftwerken und Windenergieanlagen zum Export nutzen könnten. Konsequent verfolgt, könnte diese Strategie dazu führen, dass eine Vollversorgung mit erneuerbarer Energie für ganz Europa entstünde, wobei die Kosten der Stromversorgung ähnlich gering wie heute (mit viel fossilen Energieträgern) oder sogar noch niedriger sein könnten [1]. Dies rührt daher, dass die Stromerzeugungskosten massiv gesenkt würden, indem Kraftwerke vermehrt an optimalen Standorten betrieben würden, während die zusätzlichen Kosten für das Supergrid relativ geringfügig wären.

Literatur

[1]G. Czisch, "Szenarien zur zukünftigen Stromversorgung, kostenoptimierte Variationen zur Versorgung Europas und seiner Nachbarn mit Strom aus erneuerbaren Energien", Dissertation (2006)
[2]http://www.netzfrequenzmessung.de/: Anzeige der momentanen Netzfrequenz im europäischen Verbundnetz, mit diversen Zusatzinformationen

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: Verbundnetz, Stromnetz, Übertragungsnetz, Supergrid
sowie andere Artikel in der Kategorie elektrische Energie

preview

Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, teilen Sie das doch auch Ihren Freunden und Kollegen mit – z. B. über Social Media:

Kommentare von Lesern

Hier können Sie einen Kommentar zur Veröffentlichung vorschlagen. Über die Annahme wird der Autor des RP-Energie-Lexikons nach gewissen Kriterien entscheiden. Im Kern geht es darum, dass der Kommentar für andere Leser potenziell nützlich ist.

Datenschutz: Bitte geben Sie hier keine personenbezogenen Daten ein. Wir würden solche allerdings ohnehin nicht veröffentlichen und bei uns bald löschen. Siehe auch unsere Datenschutzerklärung.

Wenn Sie nur dem Autor eine Rückmeldung zukommen lassen möchten, verwenden Sie bitte den Kasten "Wie gefällt Ihnen dieser Artikel" weiter unten. Wenn Sie eine Rückmeldung vom Autor wünschen, schreiben Sie ihm bitte per E-Mail.

Ihr Kommentar:

Ihr Hintergrund:

Spam-Prüfung:

  (Bitte die Summe von fünf und zwölf hier als Ziffern eintragen!)

Bem.: Mit dem Abschicken geben Sie Ihre Einwilligung, Ihren Kommentar hier zu veröffentlichen. (Sie können diese später auch widerrufen.) Da Kommentare zunächst vom Autor durchgesehen werden, erscheinen sie verzögert, evtl. erst nach mehreren Tagen.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Ihr Gesamteindruck:

weiß nicht
unbefriedigend
in Ordnung
gut
ausgezeichnet

Fachliche Qualität:

weiß nicht
unbefriedigend
in Ordnung
gut
ausgezeichnet

Lesbarkeit:

weiß nicht
unbefriedigend
in Ordnung
gut
ausgezeichnet

Verdient dieser Artikel (oder das Energie-Lexikon insgesamt) Ihrer Ansicht nach Links von anderen Webseiten?

nein
eventuell
ja

Kommentar:

Vielleicht haben Sie auch konkrete Vorschläge für inhaltliche Ergänzungen, nützliche Literaturangaben etc. Falls Sie eine bessere Website für dieses Thema kennen, sind wir dankbar für einen Hinweis darauf.

Datenschutz: Bitte geben Sie hier keine personenbezogenen Daten ein. Wir würden solche zwar ohnehin nicht veröffentlichen, aber die eingegebenen Daten bleiben bei uns langfristig gespeichert. Siehe auch unsere Datenschutzerklärung.

Wenn Sie einen Kommentar zur Veröffentlichung auf unserer Seite vorschlagen möchten, verwenden Sie dazu bitte das Formular im Kasten "Kommentare von Lesern" weiter oben. Wenn Sie eine Antwort möchten, senden Sie bitte eine E-Mail.

Spam-Prüfung:

(bitte den Wert von 5 + 8 hier eintragen!)

Wenn Ihnen das RP-Energie-Lexikon gefällt, möchten Sie vielleicht auch den RP-Energie-Blog als E-Mail-Newsletter abonnieren.

Teilen Sie den Link auf diesen Artikel mit anderen: