Begünstigen geopolitische Krisen fossile oder erneuerbare Energie?
Erschienen am 07.06.2026 im RP-Energie-Blog (als E-Mail-Newsletter erhältlich!)
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Autor: Dr. Rüdiger Paschotta, RP-Energie-Lexikon, RP Photonics AG
Inhalt: Geopolitische Krisen führen kurzfristig meist zu einer stärkeren Nutzung fossiler Energieträger, verstärken langfristig aber die strukturelle Verschiebung hin zu erneuerbaren Energien. Allerdings sind die Effekte abhängig davon, wie klug die Energiepolitik reagiert.
Geopolitische Krisen wie der derzeitige Konflikt zwischen Iran und USA betreffen den Energiesektor oft besonders stark. Ein großer Teil der weltweiten Energieversorgung beruht noch immer auf fossilen Energieträgern, die aus wenigen Regionen stammen und über verletzliche Transportwege gehandelt werden. Das zeigt sich derzeit erneut an der Blockade der Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels und auch ein relevanter Teil des Handels mit Flüssigerdgas (LNG) läuft. Womöglich wird diese Straße für weitere Monate blockiert bleiben, was die weltweite Öl- und Gasversorgung erheblich einschränkt. Zudem werden viele wichtige Öl- und Gasquellen durch erzwungene Unterbrechungen der Förderung langfristig beschädigt, z. B. weil sich Kanäle dann durch Ablagerungen verschließen; man kann die Förderung dann oft nicht mehr ohne weiteres wieder aufnehmen.
Es stellt sich nun auch die Frage, welche Auswirkungen solche Krisen längerfristig haben. Verstärken sie die Nutzung fossiler Energien, weil man dann verstärkt weitere Quellen erschließt, oder begünstigen sie eher die Abkehr von fossilen Energien, also die Energiewende hin zu erneuerbaren Energien, etwa weil sie fossile Energien verteuern und die strukturelle Verwundbarkeit durch Abhängigkeit von den Fossilen besonders augenfällig machen? Zudem fragt man sich natürlich, was die Energiepolitik hier tun könnte und müsste.
Kurzfristig werden die Fossilen gefördert
Auf den ersten Blick scheinen solche Krisen vor allem fossile Energieträger zu begünstigen. Wenn Öl und Gas knapp werden oder ihre Preise stark schwanken, reagieren Regierungen, Unternehmen und Verbraucher oft mit kurzfristigen Notmaßnahmen, um die Versorgung kurzfristig zu sichern, während der Klimaschutz regelmäßig an Priorität einbüßt:
- Man versucht neue fossile Quellen zu erschließen – was allerdings auch Zeit braucht. Man beschleunigt z. B. die Gasgewinnung mit Fracking, auch wenn dieses Gas noch erheblich klimaschädlicher ist als das vom Golf: Das liegt insbesondere an Methanemissionen bei der Förderung und an großen Verlusten wegen der Notwendigkeit des Transports als Flüssigerdgas (LNG).
- Man baut zusätzliche LNG-Terminals, um mehr davon importieren zu können.
- Man reaktiviert ältere Quellen, etwa durch Inbetriebnahme von Kohlekraftwerken.
- Man versucht, Preisausschläge durch Steuernachlässe zu dämpfen, obwohl dies die Engpässe sogar noch verstärken kann.
Effekte auf Investitionen in fossile Energie
Geopolitische Krisen können Investitionen in fossile Energie zunächst anregen. Hohe Öl- und Gaspreise verbessern kurzfristig die Gewinnperspektiven bestehender Förderanlagen und können auch neue Projekte wirtschaftlich attraktiv erscheinen lassen. Zudem wächst in Krisenzeiten oft der politische Druck, zusätzliche Förderquellen, LNG‑Importkapazitäten oder andere fossile Infrastrukturen aufzubauen, um Versorgungsrisiken zu mindern. Je mehr dem nachgegeben wird, desto mehr entstehen zusätzliche Lock-in-Effekte: Was an neuer Infrastruktur aufgebaut wird, wird dann auch lange genutzt.
Dieselben Krisen verschlechtern andererseits aber auch die Bedingungen für langfristige fossile Investitionen. Die starke Preisvolatilität erschwert belastbare Wirtschaftlichkeitsrechnungen: Bei langen Amortisationszeiten ist unsicher, ob ein heute geplantes Projekt später noch ausreichende hohe Nachfrage und Marktpreise vorfinden wird. Es gibt auch das Risiko politischer Gegenreaktionen, etwa durch strengere Klimapolitik, sinkende Nachfrage infolge von Effizienz und Elektrifizierung oder durch ständig fallende Kosten erneuerbarer Alternativen.
Damit entsteht ein typisches Spannungsfeld: Kurzfristig locken hohe Margen, langfristig steigen jedoch die Risiken für Fehlinvestitionen. Besonders heikel ist dies bei kapitalintensiven Projekten wie LNG‑Terminals, neuen Erdgasfeldern oder Offshore‑Förderanlagen, deren Refinanzierung oft Jahrzehnte voraussetzt. Am ehesten können kleinere Projekte profitieren, etwa Gasgewinnung mit Fracking, wo oft nur kleinere Vorkommen mit einer Reichweite von nur einigen Jahren erschlossen werden.
Warum Krisen die Energiewende stärken können
Es ist klar, worin das eigentliche Problem liegt: nicht in einem Mangel an Energie schlechthin, sondern in der Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern und ihren Transportwegen. Erneuerbare Energien, Stromspeicher, Effizienzmaßnahmen und Elektrifizierung sind demgegenüber meist weniger anfällig für geopolitische Störungen, weil sie stärker auf lokale oder regional verfügbare Ressourcen zurückgreifen, eine breitere Spanne von Primärenergieträgern nutzbar machen und meist dezentraler strukturiert sind.
Deshalb können geopolitische Krisen die Attraktivität erneuerbarer Energien maßgeblich erhöhen, indem sie die Preis- und Versorgungsrisiken fossiler Energien verschärfen und damit auch für alle deutlicher machen. Man möchte vermehrt Technologien, deren Betrieb nicht dauerhaft von Rohstoffimporten abhängt.
Geopolitische Krisen erschweren langfristige Investitionen generell durch die erzeugten Unsicherheiten und die reduzierten finanziellen Spielräume. Sie erhöhen aber vor allem jene Risiken, denen fossile Energieträger besonders ausgesetzt sind – Preisvolatilität, Lieferunterbrechungen und politische Eingriffe in die Handelsströme. Investitionen in erneuerbare Energien sind von diesen Faktoren deutlich weniger betroffen, weil ihr „Brennstoff“ meist lokal verfügbar und nicht von Meerengen, Pipelines oder Importverträgen abhängig ist. (Eine Ausnahme wäre es, wenn große Mengen von Wasserstoff zukünftig z. B. aus der Golfregion importiert würden.) Während sich für fossile Großprojekte die Unsicherheit der langfristigen Amortisation erhöht, bleiben die Ertragsprofile erneuerbarer Anlagen – nach der Inbetriebnahme – vergleichsweise stabil, da ihre Betriebskosten niedrig und nur schwach von geopolitischen Entwicklungen beeinflusst werden. Eine Gefahr ist hier nur, wenn zeitweise wieder billige fossile Konkurrenz aufkommt und die Energiepolitik trotz des dringend nötigen Klimaschutzes diese nicht einhegt, z. B. durch ausreichend wirksamen Emissionshandel.
In vielen Krisen zeigt sich deshalb: Kurzfristig stützen Politik und Märkte oft weiterhin fossile Energieträger, langfristig verstärkt die Unsicherheit jedoch die ökonomischen Argumente zugunsten erneuerbarer Energien und Effizienzmaßnahmen.
Resilienz gegenüber Angriffen
Ein Vorteil erneuerbarer Energien, der in Zeiten mit großer Verunsicherung (auch durch den Konflikt mit Russland) sehr viel augenfälliger wird, ist ihre höhere Resilienz gegenüber physischen Angriffen und Sabotage. Fossile Energiesysteme beruhen vielfach auf zentralen und leicht identifizierbaren Infrastrukturen wie Förderanlagen, Pipelines, LNG‑Terminals, Raffinerien oder Großkraftwerken; fällt einer dieser Knotenpunkte aus, können die Auswirkungen für ganze Regionen gravierend sein. Gerade Kriege der letzten Jahre haben gezeigt, dass Angriffe auf zentrale Energieinfrastrukturen gezielt eingesetzt werden, um Gesellschaften zu destabilisieren und wirtschaftlichen wie zivilen Schaden anzurichten. Militärische Abwehr ist hier kostspielig und trotzdem in ihrer Wirkung oft begrenzt; etwa gegen sehr schnell fliegende Raketen wird es absehbar kaum zuverlässige und bezahlbare Abwehrmöglichkeiten geben. Die Kosten für den Angreifer sind strukturell oft viel niedriger als die für das Opfer, wenn es zentrale Infrastruktur verliert.
Erneuerbare Energien sind demgegenüber meist viel stärker verteilt (dezentrale Energieerzeugung). Ein einzelner Angriff auf eine Windenergieanlage, einen Solarpark oder eine lokale Batterieanlage beeinträchtigt in der Regel nur einen kleinen Teil der Erzeugung, während viele andere Anlagen weiterarbeiten können. Die militärökonomische Situation ist damit völlig anders als bei zentral organisierter Infrastruktur. Dezentrale Stromerzeugung kann daher die Widerstandsfähigkeit eines Energiesystems deutlich erhöhen, insbesondere wenn sie mit Speichern, flexiblen Netzen und lokaler Notstromversorgung kombiniert wird.
Natürlich sind auch erneuerbare Energiesysteme nicht unverwundbar, insbesondere weil funktionierende Stromnetze so oder so essenziell sind. Dennoch ist ein stärker dezentralisiertes, auf erneuerbaren Energien beruhendes Energiesystem strukturell schwerer lahmzulegen als ein System, das von wenigen zentralen fossilen Knotenpunkten abhängt.
Die Einsicht, dass das Bedürfnis nach Versorgungssicherheit – unter Berücksichtigung sowohl von ökonomischen Zwängen als auch von kriegerischen Angriffen – durch Erneuerbare viel besser erfüllt wird, ist in der öffentlichen Debatte bislang nur begrenzt verbreitet, dürfte aber bald stärker werden. Sie liegt ja eigentlich auf der Hand, und Sicherheit erfährt ein stark zunehmendes öffentliches Interesse.
Optionen für die Energiepolitik
Geopolitische Krisen erzeugen in der Energiepolitik hohen Handlungsdruck. Dabei besteht die Gefahr, dass manche kurzfristig wirksame Maßnahmen zwar akute Belastungen mindern, zugleich aber die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verlängern. Sinnvolle Krisenpolitik sollte daher immer alle wesentlichen Aspekte berücksichtigen, beispielsweise wirtschaftliche und soziale Abfederung nicht so zu erreichen versuchen, dass der notwendige Strukturwandel behindert wird. Die wichtigsten Aspekte sind die folgenden:
- Schockwirkungen auf Industrie und Kleinverbraucher sind nach Möglichkeit abzudämpfen, insbesondere wo längerfristige Schäden drohen – aber mit gezieltem und begrenztem Einsatz von Ressourcen, nicht mit der Gießkanne, und mit Blick auf negative Nebenwirkungen.
- Mittel- und langfristige Stabilität müssen mindestens so effektiv angegangen werden wie kurzfristige Schockwirkungen. Hier geht es um die langfristige Verfügbarkeit von Energieträgern. Bei den Preisen kommt es nicht nur auf Erwartungswerte an, sondern auch auf Stabilität, d. h. die Gefahr von zukünftigen Preisausschlägen.
- Auch die Resilienz gegen militärische Bedrohungen muss bedacht werden. Das Erpressungspotenzial, das durch mögliche Angriffe gegen zentrale Knotenpunkte der Energieversorgung (z. B. auch Kernkraftwerke) entsteht, muss minimiert werden. Hierfür muss der Grad der Zentralisierung tendenziell verringert werden.
Im Folgenden diskutiere ich exemplarisch diverse mögliche Maßnahmen:
- Wenn das Energieangebot plötzlich zurückgeht, muss die Nachfrage dies auch tun, um Versorgungsengpässe und extreme Preisausschläge zu vermeiden. Schnell wirksame Einsparmaßnahmen sind also wichtig. Beispielsweise würde ein generelles Tempolimit auf Autobahnen mit geringem Aufwand schnell einiges bringen – zu volkswirtschaftlichen Kosten, die unter dem Strich wohl weniger als gar nichts wären. Leider blockieren konservative Kräfte dies gegen jede Vernunft (und auch gegen die Mehrheit der Bevölkerung). Ähnlich müsste man die Verdrängung von Kurzstreckenflügen durch Zugfahrten beschleunigen, damit genug Kerosin für wirklich nötige Flüge übrigbleibt – und nicht gar noch die Luftverkehrsteuer senken.
- Zielgenaue Entlastungen für Haushalte und Unternehmen, die hohe Energiepreise nicht tragen können, mögen hilfreich sein. Sie sollten aber so gestaltet sein, dass sie Sparanreize nicht zunichte machen – beispielsweise besser mit pauschalen Zuschüssen statt mit verbrauchsabhängigen. Das schon lange vorgesehene Klimageld für alle Bürger wäre endlich umzusetzen. Dagegen ist der von der deutschen Bundesregierung gegen den Rat einer breiten Mehrzahl der Ökonomen eingeführte Tankrabatt kostspielig und teilweise sogar kontraproduktiv.
- Ergänzend kann es sinnvoll sein, unerwartete Krisengewinne im Energiesektor teilweise abzuschöpfen, um soziale Entlastungen und Investitionen in die Energiewende zu finanzieren. Dies reduziert auch Anreize z. B. für Ölkonzerte, Notlagen unangemessen auszunützen.
- Natürlich ist es kontraproduktiv und unverantwortlich, den offenkundig notwendigen Übergang zu erneuerbaren Energien zu behindern, indem man beispielsweise entsprechende Instrumente im Heizungsgesetz wieder entfernt und damit den Einbau neuer Öl- und Gasheizungen wieder erleichtert. Hier kann man nur hoffen, dass Hausbesitzer am Ende klüger agieren als die Regierung.
- Hilfreich sind Maßnahmen, die den Umbau des Energiesystems beschleunigen. Dazu gehören beschleunigte Genehmigungen für Wind- und Solarparks, ein schnellerer Netzausbau, die Förderung von Speichern und der Schaffung von Flexibilität der Nachfrage, Investitionen in Energieeffizienz sowie die Elektrifizierung von Wärme und Verkehr. Solche Maßnahmen verringern nicht nur Treibhausgasemissionen, sondern auch die strukturelle Verwundbarkeit gegenüber fossilen Importen, Preisschocks und geopolitischen Erpressungspotenzialen.
- Problematisch sind generell Maßnahmen, die fossile Energie künstlich billig halten und damit den Anpassungsdruck mindern. Dazu zählen breit angelegte Preisdeckel, Steuersenkungen und Subventionen auf fossile Brennstoffe oder neue fossile Infrastruktur ohne überzeugende langfristige Perspektive. Solche Instrumente mögen politisch attraktiv sein, weil sie kurzfristig beruhigen, sie können aber Überkonsum fördern, Investitionen in erneuerbare Energien verdrängen und neue Lock‑in‑Effekte erzeugen. Es gibt in Deutschland klimaschädliche Subventionen in Milliardenhöhe, die gleichzeitig fatale Abhängigkeiten erhöhen und jetzt dringend abgeschafft werden müssten.
- Besonders heikel ist der Ausbau fossiler Infrastruktur als scheinbar pragmatische Krisenantwort. Zusätzliche LNG‑Terminals, neue Pipelines oder langfristige fossile Lieferverträge können kurzfristig Versorgungssicherheit erhöhen, schaffen aber zugleich wirtschaftlichen und politischen Druck, diese Anlagen über Jahrzehnte auszulasten. Damit droht Krisenpolitik genau jene fatale Abhängigkeiten zu verfestigen, die offenkundig so gefährlich sind.
- Eine Wasserstoffstrategie, die massiv auf importierten Wasserstoff setzt, droht neue Abhängigkeiten zu schaffen. Hier müsste zumindest eine möglichst große Diversifizierung betreffend Lieferanten und Transportwege von Anfang an mitgedacht werden.
Als Leitlinie ergibt sich daraus: Gute Energiepolitik in Krisenzeiten federt Härten gezielt ab, ohne fossile Abhängigkeiten zu subventionieren. Sie nutzt den Krisendruck, um den Übergang zu einem resilienteren, stärker elektrifizierten und erneuerbaren Energiesystem zu beschleunigen. Leider findet sie derzeit z. B. in Deutschland nicht statt: Einzelne sinnvolle Maßnahmen werden zwar ergriffen, dazu aber auch kontraproduktive, und generell kommt die langfristige Perspektive immer zu kurz. Freilich, schlimmer geht's immer: Die Energiepolitik der AfD würde die Abhängigkeit von fossiler Energie nochmals massiv verstärken. Sie leugnet die Gefährlichkeit dieser Abhängigkeiten (etwa von Russland) genauso wie die Klimagefahren und schwindelt den Leuten vor, man könne einfach so weiterfahren wie früher. Das ist in einem erschreckenden Maße wirklichkeitsfremd und gefährlich. Aber es reicht nicht, wenn die Politik demokratischer Parteien nur wenigstens nicht so schlimm ist wie das.

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